«Ich bin die Wahrheit»

Wie geht der Tolerante mit der Wahrheit um?
Und wie tolerant ist, wer für sich die Wahrheit
in Anspruch nimmt? Gedanken zu einem aktuellen
Thema aus theologischer Perspektive.

Was gibt es aus christlich-theologischer Perspektive zum Verhältnis von Wahrheit und Toleranz zu sagen? Ist jemand nur dann tolerant, wenn er auf seinen Wahrheitsanspruch verzichtet? Oder ist es gerade umgekehrt – kann, wer auf Wahrheitsorientierung verzichtet, auch nicht wirklich tolerant sein? Soviel ist klar: die beiden Konzepte reiben sich aneinander und stehen in einem Spannungsverhältnis, das nicht leicht zu durchschauen ist.

Jene Menschen, die auf Toleranz schwören, sehen es so: wer resolut auf die Wahrheit pocht, der läuft stets Gefahr, intolerant zu werden. Er beharrt stur auf seiner Überzeugung, und dies auch dann, wenn die Welt darüber in Trümmer zerfällt. Diejenigen, denen es um die Wahrheit geht, halten dagegen: Freunde der Toleranz neigen zur Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheitsfrage. Heute werden beide Positionen vertreten. Die einen gelten als die «Orthodoxen», die anderen als die «Liberalen». Doch wer hat recht?

Sagen wir es gleich: Keiner von beiden! Zu diesem Schluss gelangt jedenfalls, wer es wagt, die Richtigkeit einer solchen Gegenüberstellung in Frage zu stellen. Wir müssen die beiden Begriffe «Toleranz» und «Wahrheit» besser verstehen, als sie dort auf beiden Seiten verwendet werden. Dann zeigt sich, wie beide Begriffe geradezu zusammengehören und einander ergänzen.

Beginnen wir mit der Wahrheit. «Was ist Wahrheit?» fragte der römische Gouverneur in der Geschichte der Verhaftung Jesu. Das war vielleicht gleichbedeutend mit einem Achselzucken in der Wahrheitsfrage: es gebe eben verschiedene Auffassungen von der Wahrheit. Aber man weiss nichts von der Wahrheit, wo man in dieser lässigen Weise mit ihr umgeht. Es ist doch im Grunde so: man kennt die Wahrheit noch nicht, solange man sich in Beliebigkeiten aufhält. Man kennt sie auch noch nicht, wo man sich mit blossen Wahrscheinlichkeiten oder mit Vermutungen zufriedengibt. Wir kennen die Wahrheit erst, wo wir sie als verbindlich und zuverlässig begreifen. Wahrheit ist freilich mehr und anderes als die blosse Richtigkeit unserer Feststellungen. Oder in theologischer Sprache ausgedrückt: sie leuchtet uns wie ein helles, gutes Licht, das uns den Weg weist.

Die Wahrheit sagt nicht immer dasselbe. Aber was sie uns sagt, sagt sie so, dass wir uns darauf verlassen und dem nicht entziehen können. Sie hat unwidersprüchliche Gültigkeit. Doch nicht so, dass sie uns gefangennimmt. Im Gegenteil, sie ist in ihrer Verbindlichkeit befreiend. Wir dürfen froh sein, wenn sie Verstecktes und Vergessenes ans Licht bringt. Wir können aufatmen, wenn sie Verdrängtes aufdeckt. «Die Wahrheit wird euch frei machen», heisst es im Neuen Testament. Es ist die Güte der Wahrheit, dass sie das zu vollbringen vermag.

Die Wahrheit ist befreiend, indem sie uns ermutigt, sie gelten zu lassen. Wer sie anerkannt hat, wird also auch für sie einzustehen haben. «Plato ist mein Freund, aber noch mehr ist die Wahrheit meine Freundin», sagte Aristoteles, und Martin Luther wiederholte es. Es ist eine falsche Liebe zu unseren Nächsten, wenn wir um ihretwillen die Wahrheit verletzen. Und sie geht nicht nur den Kopf an, sondern auch das Herz, auch Hand und Fuss und setzt uns in Bewegung. Im Johannes-Evangelium (3,21) kommt die auffällige Formulierung von einem «Tun» der Wahrheit vor. Das heisst nichts anderes, als dass wir die Wahrheit nicht in unserer Tasche haben können.

Wir brauchen Demut, um sie anzuerkennen. Und wir brauchen zugleich Mut, uns zu ihr zu bekennen, besonders dann, wenn wir uns dabei nicht auf der Seite der Mehrheit befinden, sondern wenn wir dadurch in die Minderheit geraten oder gar in Einsamkeit. Wer die Wahrheit liebt, muss darauf gefasst und dazu bereit sein, notfalls gegen den Strom zu schwimmen. Kurz, es braucht Mut, sich seines «eigenen Verstandes zu bedienen», wie es der Philosoph Immanuel Kant formuliert hat; nur so kommt, Kant zufolge, der Mensch heraus «aus seiner selbstverschuldeten…

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