Die frommen Atheisten

Warum man nicht nicht religiös sein kann – Betrachtungen eines aufgeklärten Aufklärers

Atheisten und Wissenschafter neigen dazu, die Gretchenfrage danach, wie man es selbst mit der Religion halte, durch die Frage zu ersetzen, warum andere Religion nötig haben. Doch nur scheinbar haben wir es hier mit einem Wissen zu tun, das den Glauben hinter sich lässt. Ein kleiner Perspektivenwechsel genügt, um zu sehen, dass der Atheismus selbst ein Glaube ist – nämlich der Glaube an den Unglauben. Die Ungläubigen brauchen den Glauben an die Nichtexistenz Gottes. Der Atheist ist zur Gottlosigkeit bekehrt, sein Unglaube eine raffinierte Form der Frömmigkeit.

Der Atheist leugnet Gott immer im Namen eines unbekannten Gottes. Zwar stilisiert er sich gern als unerschrockenen Aufklärer, doch in Wahrheit sucht er Entlastung. Der Atheist leugnet Gott, um sich nicht mit ihm vergleichen zu müssen. Immerhin macht er sich noch die Mühe, Gott zu leugnen. Von Gott abzufallen, ist freilich ein Akt des Glaubens. Und hier ist aus der Perspektive des Frommen eigentlich nur noch ein Schritt zu tun, denn der Glaube ist der überwundene Unglaube.

Schon Max Stirner hat den Atheismus als hartnäckigste Form der Frömmigkeit entlarvt. Im Atheismus wird lediglich die vakant gewordene Systemstelle des christlichen Gottes durch den Menschen umbesetzt. Den Ausweg aus diesem Dilemma weist dann die «Gott ist tot»-Formel Nietzsches. Seine grundlegende Einsicht besteht darin, dass der Atheismus gescheitert ist. Und deshalb setzt er an die Stelle der Gottesleugnung den Gottesmord.

Das lässt sich nicht mehr überbieten, und auch Freuds Aufklärung folgt noch dieser Spur Nietzsches. Doch mit Stirner und Nietzsche hat eben zugleich die Aufklärung der Aufklärung begonnen, und sie muss sich eine theologische Interpretation bieten lassen, nämlich aus der Perspektive einer Religion nach der Aufklärung: Aufklärung war die Flucht des Menschen vor dem allmächtigen Gott in den Atheismus. Und es war das Selbstmissverständnis der Aufklärung, in der Religion einen Feind zu sehen. Denn Christentum ist selbst schon Aufklärung – als Religion.

Die Dialektik der Aufklärung besteht heute darin, dass Aufklärung, die einmal Europa vom religiösen Fundamentalismus befreite, selbst fundamentalistisch geworden ist; man denke nur an den britischen Biologen Richard Dawkins und seinen Kreuzzug gegen die Religion. Wie vor zweitausend Jahren weckt die Offenbarung Glauben oder Wut. Der aufklärerische Furor, mit dem ein atheistischer Wissenschafter wie Dawkins heute die Bestsellerlisten stürmt, markiert keinen Fortschritt in der Gewissheit, dass Gott nicht existiert. Er ist vielmehr ein Symptom dafür, dass der zur Selbstverständlichkeit gewordene Säkularismus der modernen Welt heute von einer neuen Religiosität herausgefordert wird. Immer mehr Menschen glauben nicht mehr an den Unglauben.

Wissenschaft schafft nur noch Wissen ohne Gewissheit. Es gilt heute als gesichert, dass die Grundlagen der Wissenschaften unsicher sind. Eine solche Wissenschaft ist nicht mehr skandalträchtig. Weder fühlt sich der moderne Mensch von ihren Ergebnissen betroffen, noch kann er für sie ein Mass an seiner eigenen Erfahrung finden. Mit der Expansion des Wissens wächst das Nichtwissen – und damit der Glaubensbedarf. Moderne Wissenschaft ist so hochabstrakt, dass wir ihre Befunde und Hypothesen nicht mehr mit der Interpretation unserer Lebenswelt vermitteln können. Diese prinzipielle Unnachvollziehbarkeit der modernen Wissenschaft für den Laien macht Religion in Sachen Weltanschauung konkurrenzlos. Darwin war eine Gefahr für die Kirche – Dawkins ist es nicht mehr.

Blanke Irreligiosität ist ein Abwehrmechanismus. Man meidet die Stelle, wo sich eine Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt. Es gibt Leute, die nur mit den Schultern zucken, wenn man «von Gott» spricht. Sie können noch nicht einmal wissen, dass sie Ungläubige sind. Aber die Geschichte des Atheismus mahnt auch die Gebildeten unter den Ungläubigen zur Vorsicht. Kann man Religion erklären, ohne dass die Erklärung selbst religiös wird? Vor allem die Gottesleugner verfangen sich ja in der Paradoxie, die Religion gerade durch ihre Negation zu bestätigen.

In der Regel glaubt man, was andere glauben, weil sie es glauben. Das gilt gerade auch für Wissenschafter, die natürlich lieber von «Paradigma» sprechen. Wissen ist ein gut sondierter und dann als Objektivität institutionalisierter Glaube. Um es mit einer beliebten Metapher neuerer Erkenntnistheorie zu sagen: der Glaube ist der blinde Fleck der Erkenntnis. Wir können jeden atheistischen Wissenschafter, der die Struktur der Welt bewundert, als religiösen Ungläubigen verstehen. Der Wissenschafter glaubt an die Wissenschaft, der Astrologe glaubt ans Horoskop, der Fundamentalist glaubt an die Heilige Schrift. Man denkt mit dem, was man glaubt; und jeden hat ein Glaube im Griff. Die Gläubigen bekennen ihren Glauben, die Ungläubigen sind die Sklaven ihres Glaubens.

Alles Verstehen ist nur in einer Vorurteilsstruktur möglich, und es gehört deshalb zu einer Abklärung der Aufklärung, das Vorurteil zu rehabilitieren. Jede Kultur ist ein unentrinnbares Vorurteil. Und immer dann, wenn sich etwas von selbst versteht, hat uns ein Glaube im Griff. Auch wenn man vergleicht oder beobachtet, wie andere beobachten, kann man doch immer nur an einem Ort sein; man hat immer nur eine Perspektive: «soweit ich sehe…». Denken ist nicht das Gegenteil von Glauben, denn man denkt immer im Rahmen eines Glaubens. Nicht du hast einen Glauben, sondern der Glaube hat dich. Man denkt mit dem, was man glaubt – dieses Bewusstsein haben die Intelligenten unter den Frommen den aufgeklärten Universalisten voraus. Mit andern Worten: der Glaube, der uns hat, ist der blinde Fleck unseres Denkens.

Wer erkennt, dass alle Erkenntnis in einem Glaubensrahmen stattfindet und dass die letzte logische Ebene eines Arguments das Bekenntnis des eigenen persönlichen Glaubens fordert, hat keine Angst mehr vor Dogmatismus und Orthodoxie. Es geht hier um das Bewusstsein, in jedem Akt der Erkenntnis von unbewiesenen Glaubensüberzeugungen ausgehen zu müssen. Die meisten Wissenden können aber nicht glauben, dass auch ihr Wissen auf einem Glauben beruht. Man müsste die, die glauben zu wissen, dazu bringen, zu wissen, dass sie glauben. Deshalb hat die Religion heute das Problem der Platonischen Höhle: Man kann den «wissenden» Höhlenbewohnern nicht klarmachen, dass es ein Draussen des Glaubens gibt.

Metaphysisch ist das Bedürfnis nach der einen Wahrheit. Man kann nämlich kein Relativist sein. Genauer gesagt, man kann als Intellektueller zwar einer relativistischen Erkenntnistheorie anhängen, aber man kann nicht relativistisch leben. So wächst auch heute wieder das Bedürfnis nach einer transzendenten Verankerung des Lebens. Um es paradox zu formulieren: wir glauben an Gott, auch ohne an ihn zu glauben, weil wir ihn als höchsten Zeugen für die Formulierung der Wahrheit brauchen.

Dass Religion nur durch Religion ersetzt werden kann, scheint heute unstrittig. Mag auch der einzelne ohne ihren Trost auskommen – die moderne Gesellschaft kann nicht auf die Funk-tion der Religion verzichten. Das scheint der vernunftmässigen Selbstgewissheit der Aufklärung und ihrem wissenschaftlich-technischen Projekt der Moderne zu widersprechen. Doch gerade die Entzauberung der Welt durch Wissenschaft hat überhaupt erst die Unvermeidlichkeit der Reli-gion evident gemacht.

Deshalb liegen Glaube und Wissen auch nicht mehr im Streit. Der Religion geht es um Sein oder Nichtsein; der Wissenschaft geht es um das Anders-sein-Können von allem. Zwar wird die Wissenschaft als Grundlage unserer technischen Weltbeherrschung für uns immer wichtiger; aber zugleich wird sie in ihrer schwindelerregenden Abstraktheit für unsere Alltagspraxis und Weltorientierung immer unwichtiger. Gerade indem sie sich souverän behauptet und jeden Zweifel an ihrer Legitimität niederschlägt, erzeugt die Wissenschaftswelt ein Vakuum der Bedeutsamkeit.

Moderne Wissenschaft ist zentrifugal – sie entfernt sich vom Menschen und seiner Erde in astronomische und Nanodimensionen. Religion dagegen ist zentripetal – christlich verweist sie auf das historische Ereignis der Inkarnation, neuheidnisch auf die kosmische Ausnahme Erde. Gerade die Erfolge von Wissenschaft und Technik führen zu einer Rückwendung des humanen Interesses: man fliegt in den Weltraum – um schliesslich den kostbaren blauen Planeten Erde zu entdecken. Man erzieht zur Multikulturalität – um schliesslich die Einzigartigkeit der europäischen Kultur zu entdecken. Man startet ein Jahrhundertexperiment des Atheismus – um schliesslich die Unvermeidlichkeit der Religion zu entdecken.

Aber nicht nur in der abstrakten Welt der Wissenschaft, sondern auch in der ganz handfesten Realität unseres konsumistischen Alltags zeigt sich, dass man nicht nicht-religiös sein kann. Längst sind die alten Götter des Heidentums wiedergekehrt. Man ist grün und vergöttert die Natur; man gewinnt das Design des neuen Mikrochips in buddhistischer Meditation; man ist Holist und glaubt an die schöpferische Macht des Chaos. Der Aberglaube erweist sich hier als die Wahl der Eigenformel. Heute wird tatsächlich jeder nach seiner eigenen Fasson selig. Und deshalb leben wir in einem Polytheismus der Marken und Moden. Die Götter, die aus dem Himmel der Religionen verdrängt wurden, kehren als Idole des Marktes wieder. Werbung und Marketing besetzen die vakant gewordenen Stellen des Ideenhimmels. Düfte heissen «Ewigkeit» und «Himmel», Zigaretten versprechen Freiheit und Abenteuer, Autos sichern Glück und Selbstfindung. Mit einem Wort: Marken besetzen Werte, um sie schliesslich zu ersetzen. So entfaltet sich heute der Konsumismus als die Religion der Gottunfähigen.

Doch nicht nur der Konsumismus, sondern auch seine grünen Feinde zeigen religiöse Züge. Schon heute ist die Religion des Sorgens und Schützens die eigentliche Zivilreligion der westlichen Wohlstandswelt. Wir folgen dabei den grünen Hohenpriestern, die uns weg von Gott Vater und hin zu Mutter Erde führen. Dieser Kult der Natur, der den Verlust der Gnade kompensiert, gipfelt in der Liebe zum Lebendigen an sich. Die Öko-Religion hat durchaus ihre Priester, ihre Pilgerfahrten und ihren Heiligen Gral. Nur dass die jungen Glaubenshelden heute Ölplattformen besetzen und die «Rainbow Warrior» gegen finstere Atommächte in See geht. Greenpeace – das sind die Kreuzritter der heilen Welt. Sie stehen deutlicher als andere Nicht-Regierungsorganisationen für eine neue Religiosität, die auf den Namen «Umweltbewusstsein» getauft ist.

Umwelt heisst der erniedrigte Gott, dem Sorge und Heilserwartung gelten. Die Heilssorge unserer Zeit artikuliert sich als Sorge um das ökologische Gleichgewicht. Und das bedeutet im Klartext: für die fundamentalistischen Grünen ist Natur selbst die Übernatur. So funktioniert das Umweltbewusstsein als Quelle einer neuen Religiosität. Dieses grüne Glaubenssystem ist natürlich viel stabiler als das rote, das es ablöst. Die Natur ersetzt das Proletariat – unterdrückt, beleidigt, ausgebeutet. Die Enttäuschung des linken Heilsversprechens hat apokalyptische Visionen provoziert, nämlich solche vom Untergang der Umwelt.

Man sieht hier deutlich, wer vom Niedergang der christlichen Kirchen profitiert. Es sind vor allem diejenigen Organisationen, die den unverändert starken religiösen Impuls in ein neues Glaubensschema umleiten können. Wir erinnern uns an die RAF, denken aber auch an den fundamentalistischen Terror und die selbsternannten Retter von Flora und Fauna. Sie alle entfesseln mit dem Gesetz des Herzens den Wahnsinn des Eigendünkels. Die Öko-Religion ist der neue Glaube für die gebildete Mittelklasse, in dem man Technikfeindlichkeit, Antikapitalismus und Aktionismus unterbringen kann. Diejenigen, die sich mit religiöser Inbrunst der Natur zuwenden, sind von der Geschichte enttäuscht. Und weil sie sich nicht mehr in die Arme der Kirche zu werfen wagen, beten sie grüne Rosenkränze. Die Natur ersetzt Gott als externe Instanz des Urteils über die Gesellschaft.

So hat sich das Devotionsbedürfnis auf die Natur verschoben: die Umwelt als Übernatur. Diejenigen, die es entrüstet als Zumutung von sich weisen, Gottvater anzubeten, huldigen ganz selbstverständlich einem Kult der Mutter Erde. Und der hat alle Evidenzen der modernen Medienwelt auf seiner Seite; das Photo vom blauen Planeten ist wohl das am häufigsten reproduzierte. Die ikonische Qualität der aus dem Weltraum gesehenen Erde hat der Öko-Religion eine unvergleichliche Aura verschafft. Dieses Bild steht für die Sakralisierung der Erde und die grosse Rückwendung des menschlichen Interesses von der Vermessung des Unermesslichen zur Sorge um die eigene Endlichkeit.

«Sie nennen es Gotteslästerung – ich nenne es Aufklärung!»

René Scheu im Gespräch mit Michael Schmidt-Salomon Aufklärer verletzen ständig religiöse Gefühle.
Täten sie dies nicht, würden die Scheiterhaufen weiter glühen. Sagt der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon. Wir haben ihn auf einer seiner Reisen in die Schweiz getroffen.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»