Entdeckungsreise durch die DDR

ARD und MDR machen die DEFA-Produktionen zugänglich.

Entdeckungsreise durch die DDR
DEFA-Logo

 

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bietet in Deutschland nur noch selten Grund zur Freude. In fragwürdiger Fülle belegen Krimis, politische Konsensrunden und spiessige Formatrelikte wie Familienshows und Zumutungen wie Volksmusik die wichtigsten Sendeplätze. Der einzige gehaltvolle Spielfilm im Ersten, der alle sieben Tage ausgestrahlt wird, ist derweil in der Nacht von Sonntag auf Montag zu sehen – wohl als Strafe dafür, dass dann bereits die nächste TV-Woche ansteht, die den Zuschauer aufs neue mit biederer Genügsamkeit, langweiligem Muff und viel Meinungsgleichheit versorgen wird.

Da ist es wahrlich ein Ereignis, dass sich die ARD und der MDR kürzlich zu einem besonderen Schritt entschlossen haben: Die beiden Sender machen in ihren Mediatheken die Produktionen der Deutschen Film-AG zugänglich, die vor 75 Jahren ihren Anfang nahmen. Die DEFA war 1946 in der sowjetischen Besatzungszone auch deshalb gegründet worden, um jenen Mentalitätsresten des Nationalsozialismus kulturell entgegenzuwirken, die den 8. Mai 1945 überdauert haben. Bis 1990 wurden rund 700 Spielfilme und mehr als 2000 Dokumentar- und Kurzfilme hergestellt, von denen manche sogleich verboten oder anderweitig aus dem Verkehr gezogen wurden und erst nach dem Ende der DDR zu sehen waren. Viele davon sind bemerkenswert, so etwa Hermann Zschoches Spielfilm «Karla» von 1965, in dem Jutta Hoffmann eine sich mit dem ostdeutschen Autoritarismus anlegende Lehrerin spielt, oder «Coming-out» von Heiner Carow, der erste und letzte noch hinter der Mauer gedrehte Spielfilm, der 1989 Homosexualität zum Thema hatte.

Darüber hinaus sind nun viele weitere Produktionen zu entdecken, die man im Wissen darum, dass sie sicherlich mehr als nur einen Seitenhieb auf den real existierenden Sozialismus an dessen Zensur vorbeigeschmuggelt haben, dankenswerterweise geniessen kann. (vsv)

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