Entzücken und Entsetzen

Aurel Schmidt: Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte. Frauenfeld: Huber, 2011.

Im Jahr 1842 hielt Jeremias Gotthelf am Schützenfest in Chur die Festrede. Im Überschwang der patriotischen Gefühle erhob er die Schweiz zum gottgesegneten Vorbild für die Welt: Gottes «Feste so hoch gestellet, dass sie so weithin gesehen wird, aber nicht nur, dass ihre gewaltigen Berge in die Augen der Völker fallen, sondern dass sie auch des Volkes Bild erhebend leuchte in alle Gemüther». Wahrlich, von den Bergen, da kommt sie her – die Schweizer Mentalität! Der Basler Kulturhistoriker Aurel Schmidt weiss allerdings, dass sich in diesem einfachen Gedanken eine komplexe Geschichte verbirgt.

So sehr wir die Berge heute als patente Kletterfelsen und Skipisten schätzen, so wenig konnten frühere Genera-tionen mit diesen ungeordneten Geröllhaufen anfangen, die nicht in Gottes schöne Schöpfung passen wollten. Der Engländer James Howell blickte 1621 erschreckt auf «diese ungehobelten, riesigen, monströsen Auswüchse der Natur». Die Alpen galten während Jahrhunderten als furchterregende Wildnis, die allenfalls von primitiven Hirten und Kühen bevölkert war.

Für zivilisierte Menschen indes blieb sie unzumutbar. Erst um 1700 wurde die Kehrseite dieses Schreckens entdeckt. Das Zeichen zum Aufbruch gab der englische Essayist Joseph Addison, als er schrieb, dass ihn die Berge mit einem «angenehmen Schauer» erfüllten. In der Folge entwickelte sich eine rege Auseinandersetzung, welche Albrecht von Hallers Gedicht «Die Alpen» 1729 in lyrischer Form unterstützte. 1838 urteilte der liberale Vorkämpfer Heinrich Zschokke bereits: «Das Schöne und Grauenhafte ist phantastisch zusammengereiht.» Gotthelf pflichtete ihm bei, indem er von der Grösse der Natur die Sittsamkeit seiner Bewohner ableitete. Damit wurde er zum Ahnherrn eines nationalpatriotischen Diskurses, dessen Echo bis heute nachhallt.

Was also ganz und gar schweizerisch anmutet, ist das Ergebnis einer vielfältigen Geschichte, wie Aurel Schmidt in «Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte» detailliert und sorgfältig nachzeichnet: an der Ausprägung der alpenländischen Mentalität wirkten namhaft ausländische, allen voran englische Dichter und Naturforscher mit. Die Alpen wurden, schreibt Schmidt, «im selben Augenblick Gegenstand einer neuen ästhetischen Aufmerksamkeit, wie sich die Schweiz zu einem bevorzugten Reiseland entwickelt». Besucher aus ganz Europa brachten ihren aufklärerischen Idealismus mit, den sie in der grossartigen Alpenarena des Vierwaldstättersees widerspiegelt fanden. Unter ihrem Blick verwandelte sich das Schreckensgebirge zuerst in nützliche Landschaft, dann in erhabene Natur und schliesslich – auch von Schillers Gnaden – in eine Topographie der Freiheit. Im Gefolge davon wurden die armseligen Naturhirten zu Repräsentanten der Unabhängigkeit geadelt. Ideale sind aber vergänglich. Aus dem hehren Alpen-theater ist inzwischen längst ein Kampfplatz um Raum und Zeit geworden: Alpinismus, Bergbahnen, Massentourismus, Alpentransversale. Die einst idealisierten Bergler verdingen sich heute als Skibügelhalter und Alpensherpas.

Der im Kern philosophische Diskurs über die Erhabenheit der Berge mündet am Ende in die helvetische Doppelnatur: die Berge schliessen ab, zugleich eröffnen die Täler freie Passagen und lassen die Welt herein. In dieser irritierenden Zwiespältigkeit «zwischen Weltoffenheit und Selbsteinschliessung», betont Schmidt, liegt einer der prägenden Reize der Schweizer Alpen.

Im Wissen um den zugrunde liegenden historischen Prozess erscheint die erhabene Idee einer freien, unabhängi-gen Schweiz von den Gipfeln der Alpen aus betrachtet als Produkt eines europäischen Ideals. Doch in den Niederungen werden die Berge mit Beton und Parolen zugepflastert – als ob es sie doppelt gäbe. So tritt, bilanziert Aurel Schmidt, immer stärker ein Freizeitpark an die Stelle jener Alpen, die einst «geistiger Bestimmungsort» der schweizerischen Identität waren.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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