Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert

Mit dem Wiederaufstieg Chinas entsteht ein US-amerikanisch-asiatisches Duopol der Weltmächte. Das alte Europa ist marginalisiert. Was sind die Folgen?

Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert
(Globalisierungs-)Kritik unter Palmen: -Donald Trump und Xi Jinping am 7. April 2017 in Florida. Bild: imago / Xinhua.

Eine «einfachere» Zeit, in der man weiss, wo Freund und Feind stehen – das ist gegenwärtig die Sehnsucht mancher Europäerinnen und Europäer. Dabei sind solche Zeiten noch gar nicht so lange her: Der Kalte Krieg zog während Jahrzehnten einen tödlichen, eisernen Vorhang zwischen die Länder Europas, und jedermann wusste, dass namentlich das zweigeteilte Deutschland zum Schlachtfeld würde, sollte es zum nuklearen Schlagabtausch zwischen den USA und der UdSSR kommen. Das Böse immerhin war aber einfach zu verorten: die Sowjetunion war das «Evil Empire» der westlich-freiheitlichen Welt, so jedenfalls bezeichnete es Ronald Reagan.

Heute befindet sich die Welt in einem ungleich volatileren Zustand. Zwar gibt es, von Syrien abgesehen, derzeit keinen grösseren Krieg. Doch die Zahl der Kleinkonflikte und vor allem das akute Krisenpotenzial in einer Reihe von Weltgegenden bestärken in der Öffentlichkeit das Gefühl, dass wir in einer besonders gefährlichen Zeit leben. Akzentuiert wird die Ungewissheit und Unsicherheit auf der einen Seite durch terroristische Gefährdungen. Andererseits erfassen Krisenfronten heute Länder, die man bis vor kurzem noch als Anker der Stabilität betrachtet hat – namentlich die Mitglieder der EU und die USA. Entscheidend zur Unsicherheit trägt schliesslich bei, dass wir derzeit Zeugen eines Jahrhundertereignisses sind: der Wiederauferstehung von China als Weltmacht.

Seit Urzeiten herrscht zwischen sesshaften Kulturen und
Prädatoren ein unerbittlicher Überlebenskampf. Während sesshafte Zivilisationen Vorräte anlegen, Investitionen tätigen und an einem Erbe arbeiten, das den nachfolgenden Generationen vermacht werden kann, nehmen sich Prädatoren, was sie zum Leben brauchen, durch Gewalt und Raub. Beispiele dafür gibt es zuhauf: der Nieder- und spätere Untergang des Römischen Reichs während der grossen Völkerwanderung; die Vernichtung der Inka- und Aztekenreiche durch die spanischen Konquistadoren; die Feldzüge der Hunnen und Mongolen nach Europa; die Mongoleneinfälle in China; die Vorstösse der Afghanen nach Indien.

Nachdem auf diese Weise die ganze Welt «entdeckt» war, nachdem die industrielle Revolution den Vormarsch der westlichen Zivilisation in die entferntesten Ecken auf dem Globus ermöglicht hatte und nachdem der moderne Nationalstaat mit seiner Grenzziehung die letzten weissen Flecken auf den Landkarten beseitigt hatte, wurde das gemeinhin als Sieg der sesshaften Zivilisationen betrachtet. Der Globalisierungsenthusiasmus der vergangenen zwei Jahrzehnte war schliesslich der Höhepunkt eines von westlichen Werten getriebenen Machbarkeitswahns.

Der Aufstieg des IS
Warnzeichen, dass möglicherweise nicht alles geregelt war, waren etwa im Zerfall Afghanistans nach der Beseitigung der russischen Besetzung zu erkennen. Wie schon die Briten auf dem Höhepunkt ihres Empire, so mussten erst die Russen und seit dem Irakkrieg auch die Amerikaner erkennen, dass der «Imperial Overstretch» die eigene Machtstellung mit langfristigen negativen Konsequenzen erschüttern kann. Für die Briten waren die Afghanistanfeldzüge und das Vorrücken gegen den Mahdi im Sudan keine Notwendigkeiten zur Erhaltung des Empire – im Gegenteil. Für die UdSSR war die Besetzung Afghanistans keine existenzielle Notwendigkeit – im Gegenteil. Und für die USA war der Irak keine Priorität zur Absicherung des Supermachtstatus – im Gegenteil.

Viele im Westen, in unseren Breitengraden verfolgten lange Zeit das Geschehen im Mittleren Osten, in Afghanistan und Pakistan nach dem Motto von Goethes «Faust»:

«Nichts Bessres weiss ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit in der Türkei,
Die Völker aufeinanderschlagen.»

Das Aufkommen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) hat dieser kleinbürgerlichen Selbstzufriedenheit einen mächtigen Schlag versetzt. Anschläge, die demokratische Rechtsstaaten verwunden und erschüttern sollen, sind nichts Neues. Neu dagegen seit dem Aufkommen von Al-Qaida ist die Verschränkung von Religion und Terror, also die Instrumentalisierung einer Religion, Islam, als Ideologie für einen Krieg gegen die Werte und Institutionen des Westens. Der Nihilismus des IS ist noch radikaler als der von Al-Qaida; er kulminiert in höhnischen Sprüchen wie: «Ihr im Westen…

Fit für die neue Welt(un)ordnung?

«Die liberale Weltordnung steht an einem Wendepunkt. Mit dem Aufstieg Chinas zur Weltmacht, der technologischen Revolution und neuen Formen asymmetrischer Bedrohungen müssen wir uns auf einen längeren Zeitraum aussergewöhnlicher Unsicherheit einstellen – und als Schweiz (wieder) lernen, unsere eigenen Stärken im internationalen Wettbewerb zur Geltung zu bringen.» Andreas R. Kirchschläger Delegierter des Stiftungsrates, Max Schmidheiny Stiftung […]