Endspurt zur Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Das Verschmelzen von Internet und Energienetz sorgt für beinahe kostenlosen Strom – und einen massiven Wandel.

Endspurt zur Null-Grenzkosten-Gesellschaft
Jeremy Rifkin, zvg.

In den kommenden Jahrzehnten werden wir den Löwenanteil der Energie für Fahrzeuge, Heizung, Haushalt, Unternehmen und praktisch jeden Sektor der Weltwirtschaft zu nahezu null Grenzkosten erzeugen – was sie so gut wie kostenlos macht. Längst Wirklichkeit ist das für einige Millionen Früheinsteiger in Kalifornien, Australien und der Europäischen Union, die erneuerbare Energie bereits heute an der Verbrauchsstelle «ernten», d.h. in ihrer zum Mikrokraftwerk umgerüsteten geschäftlichen oder privaten Immobilie produzieren. So hat der Technologieriese Google jüngst bekanntgegeben, er würde den Strom für seine Büros und Datenzentren noch binnen Jahresfrist zu 100 Prozent aus Solar- und Windenergie gewinnen. Deutschland erzeugt bereits 32 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien; spätestens 2025, so das Nahziel der Deutschen, sollen es zwischen 40 und 45 Prozent sein. Eine Führungsrolle in Sachen erneuerbarer Energien hat inzwischen China eingenommen – über die Hälfte aller weltweit verfügbaren einschlägigen Kapazitäten sind dort installiert.

Grund für die zunehmend rasante Entwicklung hin zum Einsatz erneuerbarer Energien sind die nicht weniger rasant sinkenden Kosten für die einschlägigen Technologien. Die Exponentialkurve, auf der die Festkosten für die Technik zur Ernte von Solar- und Windenergie seit über zwanzig Jahren zurückgehen, ähnelt durchaus der exponentiellen Entwicklung im Computerbereich. Beliefen sich 1977 die Kosten für die Erzeugung eines einzigen Watts Sonnenstrom noch auf über 76 Dollar, betrugen sie im letzten Quartal 2016 nur noch 35 Cent. Nachdem die Installation der Anlage sich – oft in gerade mal zwei bis acht Jahren – finanziell amortisiert hat, liegen die Grenzkosten für die so geerntete Energie bei nahezu null. Im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen oder – im Falle von Kernkraftwerken – Uran, wo für das Ausgangsmaterial Kosten anfallen, ist die auf Dächern eingefangene Sonnenenergie oder der Aufwind an Gebäudewänden umsonst. In einigen Regionen Europas und Amerikas ist Sonnen- und Windenergie bereits heute so günstig wie oder sogar günstiger als Energie aus Atomkraft oder fossilen Quellen. In Deutschland sinkt der Marktpreis durch die Kombination von Nahezu-null-Grenzkosten-Produktion und staatlich garantierten Einspeisetarifen bereits heute regelmässig unter null.

Noch deutlicher werden die Auswirkungen von nahezu null Grenzkosten bei der Ernte von Solar- und Windenergie, wenn wir uns das enorme Potenzial dieser Energiequellen vor Augen führen: In nur 88 Minuten tränkt die Sonne die Erde mit 470 Exajoule Energie – das entspricht dem Energieverbrauch der gesamten Menschheit in einem Jahr. Könnten wir nur ein Zehntelprozent der auf die Erde treffenden Sonnenenergie nutzbar machen, entspräche das dem Sechsfachen des heutigen Energieverbrauchs der gesamten Weltwirtschaft. Und wie die Solarstrahlung ist auch der Wind allgegenwärtig und bläst überall auf der Welt, auch wenn Heftigkeit und Frequenz variieren. Eine Studie der Stanford University zur globalen Windkapazität kommt zu dem Schluss, dass eine Ernte von nur 20 Prozent des auf der Welt verfügbaren Winds mehr als das Siebenfache des Stroms liefern würde, der gegenwärtig für den Betrieb unserer gesamten Weltwirtschaft nötig ist. Das Internet der Dinge wird es Unternehmen wie Prosumenten (d.h. Produzenten und Konsumenten in Personalunion) nicht nur ermöglichen, den Stromverbrauch ihrer Immobilien zu überwachen, sondern darüber hinaus ihre energetische Effizienz zu optimieren und ihren Überschuss an lokal erzeugtem grünem Strom über Grenzen und Kontinente hinweg mit anderen zu teilen. 

Das Energieinternet

Das Energieinternet setzt sich zusammen aus fünf tragenden Säulen, die alle gleichzeitig einzuführen sind, soll das System effizient funktionieren.

1.

Gebäude und andere infrastrukturelle Komponenten werden aufzuarbeiten und nachzurüsten sein, um sie energieeffizienter zu machen; nur so lässt sich mittels der Installation von Technologien zur Ernte von Solar-, Wind- und anderen erneuerbaren Energien sinnvoll Strom – sei es für den sofortigen Verbrauch, sei es zur gewinnbringenden Einspeisung ins Netz – produzieren. In zahlreichen europäischen Staaten haben heute Neubauprojekte wenn schon nicht durch die Bank ein Mindestmass…