Editorial

 

«Die Bevölkerung selber kann sich mit Masken ­praktisch nicht schützen. Es gibt keine Studie, die beweist, dass das wirksam ist.»

Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), am 27. Februar 2020 im ­Gespräch mit srf.ch

 

Über Sinn und Unsinn des Tragens von Schutzmasken gegen das neue Corona­virus lässt sich streiten. Hat das BAG im Frühling verlautbart, dass sie nicht wirksam davor schützen würden, machen sie Exekutivpolitiker im Herbst in immer mehr Lebensbereichen obligatorisch. Keine Maske trägt, wer es sich leisten kann. Also einkaufen lässt, Auto fährt oder einfach nur ausreichend mächtig ist, so wie beispielsweise Xi Jinping oder Recep Tayyip Erdoğan. Die Doppelmoral grassiert: An Anlässen versammeln sich – diszipliniert, distanziert, maskiert – nur noch wenige Menschen. Nur um am anschliessenden Apéro eng beisammenzustehen, sich die Hände zu schütteln und gemeinsam einen Flaschenöffner zu benutzen. Alles ohne Maske natürlich.

In der Schweiz hat Covid-19 bisher zu rund 50 000 laborbestätigten Infektionen geführt (0,6 Prozent der Gesamtbevölkerung). Bei Menschen unter 50 Jahren wurden (Stand: 16. September) 783 Hospitalisationen und 12 Todesfälle registriert. Ältere Menschen haben inzwischen eingesehen, dass sie sich schützen ­müssen – und landen in der Folge weniger im Spital oder auf dem Friedhof. Junge Einwohner dagegen sehen sich plötzlich im Vorteil. Shabir Madhi, Professor für Vakzinologie in Johannesburg, schätzt, dass sich in Südafrika aufgrund des engen Zusammenlebens sehr viel mehr Menschen angesteckt haben als die offiziell vermeldeten 650 000; er geht von bis zu 20 Millionen Infektionen aus (rund ein Drittel der Bevölkerung). Das drastische Vorgehen von Südafrikas Regierung – Verhängung von Ausgehverboten, fünf Wochen kompletter Stillstand des Wirtschafts­lebens, Verbot von Flügen ins Ausland, Verbot des Verkaufs von Alkohol und Zigaretten – hatte offenbar eine geringe Wirkung.

Als Symbol ist die von der breiten Masse getragene Maske eindeutig und wirkmächtig ein Anzeichen von Unfreiheit und Ohnmacht: Maulkorb tragen muss ein bissiger, ungezogener Hund. Ein freier Mensch dagegen macht, was er für richtig hält (was das freiwillige Maskentragen selbstverständlich beinhalten kann). Den Anpassungsdruck an die gerade angesagte Haltung der Mehrheit kennt jedes selbst denkende und handelnde Individuum. Erinnern Sie sich an die heisse Phase der Pandemie Anfang März, als Nationalrätin Martullo-Blocher, weil sie eine Schutzmaske trug, von Nationalratspräsidentin Moret aus dem Saal verwiesen wurde? O-Ton Moret: «Ich bat sie, die Debatten im Parlament nicht durch das Tragen ihrer Maske zu stören.» Ein halbes Jahr später wird gegängelt, wer keine trägt. Willkommen in Absurdistan.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»