Intellectual Dark Web

Wer sind sie und was wollen sie?

 

Es ist ein medialer Mythos. Gehasst von den einen, geliebt von den anderen: das Intellectual Dark Web, kurz IDW genannt. Sehen vor allem Linksliberale im IDW ein Netzwerk von Konservativen, von Trump-Fans und alten weissen Männern, die mit den Veränderungen in der Gesellschaft nicht zurechtkommen, so ist es für viele kritische Köpfe ein notwendiges und längst überfälliges Gegengewicht zu dem Überhandnehmen von Political Correctness und Cancel Culture, eine Bastion gegen die linksliberale Deutungshoheit in den Medien und im Kultursektor.

Dunkel ist am intellektuellen dunklen Netz allerdings gar nichts, im Gegenteil. Geprägt wurde der scherzhaft gemeinte Begriff «Intellectual Dark Web» im Jahr 2017 von dem Mathematiker und Investmentunternehmer Eric Weinstein. Dessen Bruder, der Biologe Bret Weinstein, und Brets Frau, Heather Heying, hatten sich dagegen verwahrt, dass weisse Studenten und Dozenten im Zuge einer antirassistischen Aktion seiner Universität, dem Evergreen State College, einen Tag fernbleiben sollten.

Den vorläufigen Höhepunkt der Wahrnehmung erfuhr das IDW, als die damalige Kolumnistin der «New York Times», Bari Weiss, einen Artikel mit dem Titel «Meet the Renegades of the Intellectual Dark Web» veröffentlichte. Weiss beschrieb dort das intellektuelle Dark Web als «eine Ansammlung von ikonoklastischen Denkern, akademischen Abtrünnigen und Medienpersönlichkeiten, die in Podcasts, auf YouTube und Twitter und in ausverkauften Hörsälen eine Debatte führen, die anders klingt als alles andere, was derzeit zumindest öffentlich in der Kultur geschieht».

Prominentester Mitstreiter des IDW ist sicher der kanadische Bestsellerautor und Psychologe Jordan Peterson, der sich in seinen Vorträgen und Schriften kritisch mit allen Formen vorgeblich antisexistischer und antirassistischer politischer Korrektheit auseinandersetzt. Eine zentrale Figur des Netzwerkes ist zudem Ben Shapiro, Vordenker der amerikanischen Konservativen, überaus prominenter Podcaster und YouTuber. Eine wichtige Rolle spielen darüber hinaus der Philosoph Sam Harris, der ehemalige Kampfsportkommentator Joe Rogan, ebenfalls höchst erfolgreicher Podcaster, und der ehemalige Comedian Dave Rubin.

Schon die Auflistung seiner prominentesten Köpfe macht deutlich, dass das IDW ein loser Zusammenschluss von Menschen unterschiedlichster intellektueller und politischer Couleur ist, die eines eint: der Kampf für freie Rede, gegen politmoralisches Gouvernantentum und gegen die Unsitte, alles zu löschen, niederzuschreien oder auszuladen, was nicht in das eigene enge Weltbild passt.

Gefährlich nur für diejenigen, die Angst vor echter Konversation haben

Da die Meinungsmacher in den Medien, im Kulturbereich und im Wissenschaftsbetrieb zumeist linke politische Projekte protegieren und das dahinterstehende Weltbild teilweise mit grosser Aggressivität verbreiten, könnte der Eindruck entstehen, das IDW sei ein antilinkes, gar ein rechtes Projekt. Und ohne Frage stehen viele Mitstreiter in den USA für konservative Positionen. Doch das macht aus dem IDW kein rechtes Projekt.

Den Initiatoren des IDW geht es nicht um tagespolitische Projekte oder Ideen, sondern um die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft miteinander debattieren. Das IDW ist in diesem Sinne ein metaliberales Projekt, bei dem sich Konservative, Linke, Linksliberale, Liberalkonservative, Rechte – und was es sonst noch so alles gibt – zusammentun, nicht um einer Meinung zu sein, sondern um Meinungsverschiedenheiten klar, präzise, offen und ohne Tabus zu diskutieren. Was sie eint, ist die Sehnsucht nach unideologischen, prinzipiengestützten Gesprächen mit Erkenntnisgewinn.

Aus europäischer Sicht sind manche Beiträge dieser prominenten IDW-Vertreter vielleicht einseitig, oberflächlich oder penetrant. Die amerikanische Debattenkultur fordert hier ihren Preis. Das ändert aber nichts daran, dass das IDW eine der wichtigsten metapolitischen Strömungen unserer Zeit ist. Denn ohne die freie Rede stirbt nicht nur die Demokratie, sondern die Voraussetzung unserer aufgeklärten Kultur.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»