Die «Gender Studies»-Vordenkerin Judith Butler verheddert sich in ihren eigenen Widersprüchen
«Wer hat Angst vor Gender?», fragt Judith Butler in ihrem neuen Buch. Mit der Frage lenkt sie davon ab, dass ihre linke Identitätspolitik längst selbst in der Defensive ist.
Der englische Begriff «gender» im Unterschied zu «sex» wurde bereits in den 1950er-Jahren vom Sexualwissenschafter John Money geprägt und diente der Untersuchung von Geschlechtsidentitäten. Gayle Rubin hat diesen Begriff in der Feminismusdebatte der 1970er-Jahre etabliert und politisiert; fortan war Gender ein männliches Unterdrückungssystem. Ein Ausdruck gesellschaftlicher Macht, die Rolle der Frau zu definieren, und somit ein Instrument der Ausbeutung. Entsprechend wurde die heteronormative Ehe als Lebensentwurf von Soziologinnen wie Ann Oakley hinterfragt.
Auf diesem Nährboden entwickelte Judith Butler im universitären Kontext ihre «Gender Studies». Sie sollen erforschen, wie die normative Organisation gesellschaftlicher Realität entstand, welche gesellschaftliche Macht die Genderfrage darstellt und wie stark sie (bis ins Intimste) Frauen beeinflusst und so ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten beschränkt.
«Butlers Hass wird von moralischer Selbstgerechtigkeit befeuert. Besonders absurd wird diese in den letzten beiden Kapiteln, in denen sie sich dem «globalen Süden» zuwendet und die Auswirkungen heteronormativer Bezugssysteme in kolonialisierten Gesellschaften analysiert»
Nun sehen sich die 69-jährige Butler und ihre Mitstreiterinnen jedoch von ihren eigenen Widersprüchlichkeiten herausgefordert. Im Kern der Kritik steht ihr blinder Fleck: «Wer gilt als Frau?»
Es gibt eine Materialität des Körpers und eine damit verbundene Identitätsentwicklung, wie Butler in ihrem neuen Buch zugibt; allerdings solle Biologie nicht Schicksal sein.
Bloss: Was heisst das? Wer als Frau ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat, ist sich der gesellschaftlichen Gegebenheiten sehr wohl bewusst und entscheidet sich vielleicht trotzdem für eine Mutterschaft. Daraus ergeben sich materielle und emotionale Bedürfnisse für Frau und Kind, die in einer Partnerschaft ausgehandelt werden müssen, weshalb alle bürgerlichen Gesellschaften dafür einen rechtlichen Rahmen zu schaffen versuchen. Mit Verlaub: Das ist kein Paternalismus, Frau Butler, das ist Liberalismus.
Auch dass der Wunsch nach Familie etwas Faschistisches sein soll, wie Butler glaubt, ist grundfalsch. Vielmehr geben traditionelle Strukturen wie die Familie Gesellschaften in Transition und wirtschaftlichem Umbruch Halt. Ziel ist es, ein gewisses Mass an Geborgenheit zu schaffen, für Männer, Frauen, allfällige Kinder und weitere Familienmitglieder. Tut das die queere Community nicht genauso?
Butlers Hass wird von moralischer Selbstgerechtigkeit befeuert. Besonders absurd wird diese in den letzten beiden Kapiteln, in denen sie sich dem «globalen Süden» zuwendet und die Auswirkungen heteronormativer Bezugssysteme in kolonialisierten Gesellschaften analysiert; ihre Theorien sind längst zu einer marxistisch orientierten Befreiungsideologie gegen materielle und sexuelle Ausbeutung geworden. Dabei haben die Intellektuellen des «globalen Südens» hinreichend bewiesen, dass sie keine westlichen Vorschläge zu ihrer Befreiung brauchen und dass die universale Linke ein Traum aus dem letzten Jahrhundert ist.
Judith Butler: Wer hat Angst vor Gender? Aus dem Amerikanischen von Katrin Harlaß und Anne Emmert. Berlin: Suhrkamp, 2025.