Eine Wandmalerei in Stepanakert, fotografiert von Lukas Rühli.

Weil ich ein Mädchen bin

Eine Anekdote aus Arzach.

Frauenstreiktag in Zürich, 14. Juni 2019: Mehr zufällig als geplant fand ich mich just zur Abmarschzeit zwischen lila bekleideten Trommlerinnen am Central wieder und liess mich mit der Menge mittreiben. Vielleicht auch, weil mir meine Erlebnisse aus Arzach noch frisch in den Knochen steckten. Nicht weil sie unvorstellbar diskriminierend gewesen wären. Nein. Aber weil es mich als privilegierte Schweizerin irritierte, eine Woche lang täglich zu spüren, dass ich eine Frau bin – oder, da unverheiratet, noch ein Mädchen. Im sehr christlich geprägten Land bedeutete das für mich: nicht immer harten Alkohol eingeschenkt zu bekommen, nicht immer mit Handschütteln (oder überhaupt) begrüsst zu werden, dass entweder zu viele Blicke auf mich gerichtet sind oder gar keine.

Die Frauen von Arzach treffen wir im klassischen Vorzimmer, an der Kasse, als Übersetzerin neben den wichtigen Gesprächspartnern (die kein Englisch können). Sie bringen uns Kaffee und Essen, wenn wir unaufgefordert als Gäste in ihre Häuser spazieren. Sie räumen die Teller weg, wenn wir wieder gehen. Pro Mahlzeit wird auf sie ein «Ohne-sie-wären-wir-Männer-nichts»-Trinkspruch erhoben.

Wir treffen sie auch an der Universität, als Studentinnen und Dozentinnen. Dort begegnen sie uns selbstbewusst und alles andere als stumm. Wir treffen die 19jährige Laura, die sich für Graphic Design interessiert und nichts von einer klassischen Rollenverteilung hält. Oder die 12jährige Arpi, die Politikwissenschafterin werden möchte und für die Rechte von Frauen kämpfen will.

Nicht treffen wir sie bei der Polizei, im Militär oder in den «männlichen» wissenschaftlichen Studiengängen. Auf der Berufsschule wird uns gesagt: «Natürlich gibt es keine Frauen unter den Schreinern und Malern.» Das seien keine Berufe für Frauen. Aber um sie nicht zu diskriminieren, gebe es in der Küche eine spezielle Lehre. Nur für sie.

Wir treffen Menschen, die einen vorgeschriebenen und vielbegangenen Weg gehen, der natürlich ihrer Geschlechterrolle entspricht. Individualistisches Denken und Freiheit in bezug auf die Wahl der eigenen Zukunft stecken hier noch in den Kinderschuhen. Und das gilt sowohl für Männer- als auch für Frauenfüsse.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»