«Ich würde mit Herrn Meuthen jederzeit einen Kaffee trinken»
Harald Martenstein, fotografiert von C. Bertelsmann.

«Ich würde mit Herrn Meuthen jederzeit einen Kaffee trinken»

Der Meinungskorridor verengt sich, viele Autoren schreiben «mit Schere im Kopf». Ein Einblick in die Schreibwerkstatt eines bekannten deutschen Kolumnisten.

Können Sie sich noch an Ihre allererste Kolumne erinnern?

Ich kann mich tatsächlich nicht mehr an meine erste Kolumne erinnern. Vor fast 20 Jahren ging es jedenfalls bei der «Zeit» los, davor hatte ich eine Kolumne bei der «Stuttgarter Zeitung». Dann auch mal eine Vaterkolumne.

Hatten Sie damals ein Vorbild?

Max Goldt, der in der «Titanic» schrieb. Er ist, glaube ich, gar nicht so viel älter als ich, war aber schon Kolumnist, als ich noch Lokaljournalist war. Mein zweites Vorbild war Harry Rowohlt; er hatte in der «Zeit» eine Kolumne namens «Pooh’s Corner», die geradezu dadaistisch war. Seine Texte musste man zweimal lesen, um sie zu begreifen. Ich habe ihn auch als Performer erlebt; es gibt wohl bis heute niemanden, der so gut vorträgt, wie er es konnte.

Was hat sich verändert in den letzten 20 Jahren?

Seit einigen Jahren lese ich die Kolumne auch im Radio vor, das heisst meine Texte sollten sich nun in der Regel vorlesen lassen. Vielleicht habe ich auch als jüngerer Mann aggressiver geschrieben.

Das macht auch Spass…

Das macht auch Spass, ja. Manchmal mache ich das auch heute noch, auf den Putz hauen, aber nicht mehr so gerne wie früher.

Warum? Wegen der Reaktionen?

Vielleicht, weil man mit dem Alter milder wird. Und weil ich es mittlerweile auch selber von der anderen Seite mitbekommen habe: Wenn man selber zum Angriffsobjekt von Journalisten geworden ist, öffnen sich einem die Augen. Das hat mich schon verändert.

Richtet man sein Schreiben manchmal unbewusst auf mögliche Reaktionen aus? Wird man als Autor vom Publikum quasi konditioniert?

Das ist eine ganz grosse Gefahr, dass man in so einen Strudel gerät, ja. Nachdem ich mal in der «Zeit» einen genderkritischen Artikel geschrieben hatte, wurde ich ständig zu Diskussionsrunden über dieses Thema eingeladen; man wird also schnell in eine Schublade gesteckt. Man sollte unberechenbar bleiben und manchmal etwas schreiben, das die Leute nicht von einem erwarten. Man muss manchmal überraschende Positionen einnehmen. Das ist natürlich kein Selbstzweck, aber ich bin dankbar, wenn mir etwas einfällt, das offenbar noch kein anderer gesagt hat. Oft habe ich vor dem Schreiben noch keine feste Meinung zu meinem Thema, sie schält sich erst beim Schreiben heraus. Als Kolumnist lernt man etwas über sich. Als ich angefangen habe, über Genderthemen zu schreiben, war ich zwar plötzlich bei Podiumsdiskussionen gefragt, aber ich war auch der Bad Boy des deutschen Feminismus geworden.

Und was taten Sie dann?

Da dachte ich mir: Ich sollte das öfter machen! (lacht) Ich stamme aus Mainz und bin mit der Fastnacht aufgewachsen. Bei «Mainz bleibt Mainz» macht man sich auch über vieles lustig, die Objekte des Spotts sitzen oft in der ersten Reihe. Sie müssen so tun, als ob sieʼs lustig finden, sonst verlieren sie das Gesicht. Witz hat in der Regel nichts mit Feindseligkeit oder Hass zu tun, auch nicht mit fehlendem Respekt. Man macht Witze übereinander, gibt sich danach aber die Hand und trinkt ein Glas Wein zusammen. So bin ich aufgewachsen. Wenn ich mich über etwas lustig mache, ist damit weder eine totale Abwertung noch eine Infragestellung der Existenz gemeint.

«Es ist die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik,

die unsere Demokratien anderen Regierungsformen voraushaben.»

Wann haben Sie realisiert, dass Sie als Autor und Person wahrgenommen werden?

Die überregionale Wahrnehmung begann natürlich ab dem Moment, als ich «Zeit»-Kolumnist wurde. Ein Grundproblem der Kolumnisten besteht übrigens darin, dass wir einerseits eine unverwechselbare Tonlage brauchen, die sich wiederholt, andererseits muss es aber auch immer wieder irgendwie anders sein. Bei den grossen politischen Themen wird man natürlich häufig angefeindet, man ist eine Reizfigur.

Wie das?

Wenn Sie politisch werden, sind Sie immer angreifbar, egal, aus welcher politischen Ecke Sie kommen – das ist nicht zu vermeiden. Ich behaupte aber nie, die absolute Wahrheit zu besitzen. Ich schreibe, was ich für richtig halte und warum, aber ich könnte mich auch irren. Ich mache nur Vorschläge.

Sehen Sie sich da als eine Art «Trainer» für kritischen Rationalismus und Objektivität?

Das wäre zu hoch gehängt.

Wie gehen Sie um mit Tabus?

Die «Zeit» machte mal eine Serie über Religionen und sollte zu jeder Weltreligion etwas Lustiges und Kritisches schreiben. Was für ein Himmelfahrtskommando! Die Reaktionen der Leser waren aber freundlich. Am meisten haben sich die Buddhisten aufgeregt; sie waren keine Kritik gewöhnt. Ein anderes Mal habe ich von einigen jüdischen Kollegen den anspruchsvollen Auftrag erhalten, eine lustige Kolumne über Juden zu schreiben. Ich habe dann über «Scheinjuden» geplaudert, also Menschen, die manchmal für Juden gehalten werden, etwa weil sie ein «-stein» im Namen haben, wie bei «Goldstein» oder «Silberstein». Manchmal kriege ich, obwohl ich nicht jüdisch bin, antisemitische oder philosemitische Leserbriefe. Ich antworte dann immer als Jude. Wenn George Clooney früher gefragt wurde, ob er schwul sei, hat er angeblich auch immer gesagt: ja, natürlich. Warum sollte er so tun, als ob er sich davon distanzieren müsste? Ist ja keine Schande.

«Ich halte Kontaktverbote, die Einführung

des Deliktes Kontaktverbrechen

oder auch Sippenhaft für nicht akzeptabel.»

Wie gehen Sie mit Hassmails um? Lesen Sie diese überhaupt?

Je nach Stimmung. An Tagen, an denen es mir zum Beispiel aus privaten Gründen schlecht geht, denke ich mir: Nee, das musst du dir jetzt nicht auch noch antun. In normaler Verfassung schaue ich sie mir schon an. Ich versuche, zu verstehen, weshalb die andere Person diese Meinung vertritt, und frage mich, ob es nicht auch in einer Hassmail einen Punkt gibt, der für mich nachvollziehbar ist. Dabei lerne ich etwas. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass eine Kritik berechtigt ist.

Mit welchem Beruf würden Sie die Tätigkeit des Kolumnisten vergleichen?

Mit dem Beruf des Tischlers vielleicht. Auch der Tischler poliert hinterher sein Werk und baut am Tag darauf dann den nächsten Stuhl. Schreiben hat etwas von der Fertigung eines Möbelstücks, ich habe durchaus eine handwerkliche Beziehung zu meinen Texten. Anfangs hatte ich das nicht vorgehabt, aber insgesamt entsteht mit einer Kolumne im Lauf der Jahre eine Art Lebenschronik. Wenn es mal eng wird, man schlecht drauf ist oder krank, dann zeigt sich: Aufs Handwerk kann man sich verlassen, auf In­spiration nicht unbedingt.

Schlafen Sie jeweils noch über eine Kolumne? Wachen Sie in der Früh auf und denken dann plötzlich an faule Stellen aus Ihrem Text?

In der Regel beginne ich einen Tag vor dem Abgabetermin mit dem Schreiben, dann bearbeite ich den Text am nächsten Tag immer noch einmal. Dieser Zeitplan ist eine Wohltat für mich, während meiner Zeit bei Tageszeitungen musste ich meine Artikel sofort raushauen. Qualität braucht ihre Zeit.

Wo kommt die Idee für die Kolumne her? Lesen Sie viel?

Ich lese vier bis fünf Zeitungen pro Tag und pro Woche ein Buch, das nehme ich mir jedenfalls vor.  Das Leben ist aber der ergiebigste Themenlieferant.

Wurde schon mal eine Ihrer Kolumnen abgelehnt?

Das ist mir nur in meinem allerersten Jahr passiert. Mein erstes Feedback kommt natürlich von meinem Sparringpartner in der Redaktion, einem Redakteur beim «Zeit-Magazin», Jürgen von Rutenberg, mit dem ich von Anfang an zusammenarbeitete. Seine Einwände sind zu 60 Prozent zutreffend, bei 30 Prozent diskutieren wir und finden einen Kompromiss, bei 10 Prozent sehe ich es nicht ein.

Hat der mal gesagt: Du, Harald, es verändert sich was bei dir, dein Ton ist anders?

Das nicht. Aber die Gesellschaft verändert sich ja auch, der Streit wird immer härter geführt. Ich bilde das ab, nicht, indem der Ton härter wird, wohl aber, indem ich über die polarisierenden Themen schreibe, die beschäftigen ja auch mich. Die Kolumne muss ehrlich sein, das ist vielleicht die moralische Prämisse dieser Form. Auf Dauer können Sie nicht anders schreiben, als Sie denken, falls es gut werden soll. Die Polarisierung hat in der Gesellschaft ja auch zugenommen, insofern schreibe ich realitätsnah, indem ich das dann auch abbilde.

Darf man über alles schreiben? Oder hat Freiheit einen Preis?

Ich darf nicht über alles schreiben.

Dürfen wir das jetzt so schreiben, dass Sie nicht über alles schreiben dürfen?

(lacht)

Im Ernst: Ist der Meinungskorridor enger geworden in den letzten Jahren?

Zweifellos.

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem Lokal, es tritt Herr Meuthen von der AfD ein. Würden Sie sich zu ihm setzen?

Selbstverständlich. Ich würde mit Herrn Meuthen jederzeit einen Kaffee trinken. Ich halte Kontaktverbote, die Einführung des Deliktes Kontaktverbrechen, eine Kontaktschuld oder auch Sippenhaft für nicht akzeptabel. Ich möchte ungern in einem Land leben, in dem ich den Job verliere, weil ich mit jemandem einen Kaffee getrunken habe. Als Journalist sollte man mit vielen verschiedenen Personen Kontakt haben, das ist ja quasi Berufsvoraussetzung.

Der gesellschaftliche Konsens würde da vielleicht sagen: «Das geht so nicht»…

Kaffee trinken? Ich halte das für eine antidemokratische Position. Jeder muss jederzeit sich öffentlich äussern dürfen, bis zu einer gewissen Grenze, etwa Gewaltverherrlichung – ob diese Grenze überschritten wird, haben Gerichte zu entscheiden. Wer sagt: «Wir bestimmen, wer öffentlich etwas sagen darf», verlässt den Boden des Grundgesetzes. Ich bin gegen Denkverbote und Sprachverbote, bis zu der oben erwähnten Grenze natürlich. Der Debattenraum gehört erst mal allen. Es ist die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik, die unsere Demokratien anderen Regierungsformen voraushaben. Deswegen besitzen demokratische Systeme auch eine erstaunliche Stabilität. Die Demokratie bietet den grossartigen Vorteil, dass man seine Regierung loswerden kann, ohne sie umzubringen oder einzusperren.

Was halten Sie von «Deplatforming»?

Es gibt Meinungen, denen man keine Plattform bieten sollte. «Die Juden sind schuld an allem» oder «Die Schwulen sollte man totschlagen» zum Beispiel. Aber ist so was überhaupt eine Meinung? Oder bloss Gegröle? Diese Dinge sind zu Recht strafbar. Aber ich bin wirklich ein Anhänger weitgehender Meinungsfreiheit, wie sie etwa in den USA oder England herrscht. Allerdings finde ich es richtig, das Leugnen des Holocausts unter Strafe zu stellen, in Deutschland ist das so, in Grossbritannien nicht. Die Nachfahren von Opfern müssen sich das nicht gefallen lassen.

Was war die witzigste Reaktion auf eine Kolumne?

Eine Frau hat mir einmal geschrieben, dass sie meine Texte toll fände und nächste Woche in Berlin sei; ob ich mit ihr essen gehen wolle. Wir sind jetzt verheiratet.


Das Gespräch fand anlässlich der «Kolumination» zum Thema Grenzen auf dem Säntis statt, dem ersten Treffen dieser Art von Kolumnisten und Slam-Poeten aus dem deutschsprachigen Raum. Die nächste Kolumination findet statt am 23./24. Oktober 2020 (www.kolumination.ch). 

«Die Ermahnung daran, dass sich
gelebter Liberalismus nur in der
respektvollen Auseinandersetzung
entfalten kann.»
Monika Hausammann, Schriftstellerin,
über den «Schweizer Monat»