Die Infantilisierung der Frau
Nicole Ruggle, zvg.

Die Infantilisierung der Frau

Der neue Feminismus traut der Frau nicht mehr zu, sich selbst ­durchzusetzen und erfolgreich verhandeln zu können. Doch man sollte Frauen nicht wie Kinder behandeln.

 

Ursprünglich hatten feministische Strömungen die Befreiung der Frau aus der ­Unterdrückung der patriarchalischen Gesellschaft zum Ziel. Eine Frau sollte selbstbestimmt über jeden Aspekt ihres Lebens entscheiden dürfen. Der moderne ­Feminismus jedoch kehrt dieses Prinzip um, schlimmer noch: Er verrät die Selbst­bestimmung der modernen (westlichen) Frau und treibt sie zurück in eine selbst­verschuldete Unmündigkeit, indem er sie infantilisiert und kontinuierlich in eine unterwürfige Opfermentalität drängt.

Unterstützung der privaten Initiative bei Kinderbetreuung. Gemischte Teams auf allen Führungsebenen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Was sich auf den ersten Blick wie die Agenda linker Parteipropaganda liest, stammt tatsächlich aus der Mitte des Freisinns, nämlich aus dem Forderungskatalog der «FDP.Die Liberalen Frauen».1 Ihre Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher, von den Medien gefeierte Teilnehmerin am Frauenstreik und Befürworterin einer Frauenquote, plädierte in ­einem Podcast der «Republik» gar für eine Umwandlung der Anschubfinanzierung für Kitas in eine Dauerfinanzierung der öffentlichen Hand. Eigenverantwortung scheint out zu sein, Welpenschutz und Steigbügelhilfe für Frauen dagegen in. Nötigenfalls soll das Geschlecht vor der Eignung kommen.

Ausspielen von Kompetenz gegen Geschlecht

Kompetenz gegen Geschlecht auszuspielen hat Konjunktur. So riefen die SP-Frauen im Juni 2020 zum Boykott von «All-Male-Panels» auf.2 Im Klartext: Veranstaltern, die keine künstlich erzwungene Durchmischung der Geschlechter auf die Rednerbühne bringen, wird mit Publikumsentzug gedroht. Doch statt Frauen zu ermutigen, sich vermehrt selbst einzubringen, Panels in Eigenregie durchzuführen oder sich das nötige Fachwissen anzueignen, um gebucht zu werden, flüchtet man sich in eine infantile und trotzige Verweigerungshaltung.

«Feministische Forderungen nach selbstbestimmten Lebensentwürfen

leben sich leichter, wenn sie auf Pappschildern an Demonstrationen

mit viel Glitzer und Brimborium in die Menge gebrüllt werden.»

Auch im Bereich der Familienpolitik wird munter weiter gefordert. So verlangt die Zentralsekretärin der SP-Frauen, Gina La Mantia, Gratis-Kitaplätze für alle. Ein weitverbreiteter Denkfehler in sozialdemokratischen Kreisen, denn so etwas wie «gratis» existiert nicht. Vielmehr bedeutet es, dass die Allgemeinheit aufkommen soll für die Kinderbetreuungskosten von denjenigen, die sich aus freiem Willen zur Familiengründung entscheiden. Familie ist und bleibt aber Privatsache. Völlig zu Recht dagegen betont La Mantia, dass es meist die Frau sei, die zurückstecke, «was schwerwiegende Folgen für ihre Karriere, ökonomische Unabhängigkeit und ihre Altersvorsorge» habe. Genau hier liegt der Kern des Pro­blems. Frauen müssen lernen, am Familientisch genauso hart zu verhandeln wie beim Jobinterview. Wichtig ist es, nachhaltige und emanzipative Familienmodelle beim Partner einzufordern und nicht – dem Familienfrieden zuliebe – vorschnell und unbedacht faule Kompromisse einzugehen.

Die Linken und die Linksbürgerlichen haben das nicht verstanden. Sie sehen den Fiskus als feministisch-klassenkämpfe­rischen Selbstbedienungsladen, der Emanzipation künstlich ­forcieren und zwangsgewährleisten soll. Die Frage ist: Wie viel emanzipativer ist eine Gesellschaft, die Frauen statt von der Bevormundung der Männer vom Goodwill der Politik abhängig macht? Ist der väterliche Schutz des Staates, der politisch in­szenierte Chancengleichheit anpreist, wirklich besser als eigene Initiative, eigenes Können?

Opferfeminismus mit Doppelmoral

Dieser infantilisierende Opferfeminismus, gepaart mit linkslastiger Staatsgläubigkeit, dringt dann auch tief in die tribalistischen Gefilde der globalen Politik vor. So riss die weltweite Empörung über den Wahlsieg von Donald Trump 2016 über Monate hinweg nicht ab. 2017 folgte die #MeToo-Debatte – «believe all women» lautete das Credo der kämpferischen Frauenbewegung; Frauen soll Gehör geschenkt werden, wenn sie von sexuellen Übergriffen berichten. Auf Demonstrationen wurde wütend Trumps Rücktritt gefordert; er sei ein Chauvinist und gehöre des Amtes enthoben.

«Die neoemanzipative Frauenbewegung entlarvt sich

selbst als heuchlerisch und inkonsequent.»

Als Tara Reade, ehemalige Mitarbeiterin des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden, demselben Ende März 2020 sexuelle Belästigung vorwarf 3, blieb es hingegen auffällig still in den Reihen der selbstgerechten Dauerempörten. Biden ­behauptete einfach, das Ganze sei nie passiert – und die Sache war rasch vergessen.

Reade ist kein Einzelfall. Biden wurde in mehreren Fällen vorgeworfen, Frauen ohne Zustimmung anzüglich berührt oder ihre Persönlichkeitssphäre verletzt zu haben. Ein weiteres Beispiel ist Lucy Flores: Die demokratische Politikerin aus Nevada beschuldigte Biden des übergriffigen Verhaltens während einer Wahlkampfveranstaltung 2014.4 Flores beschreibt sein Benehmen als erniedrigend und respektlos, sie habe sich geschämt und sei schockiert gewesen. Sie befürchtete, man würde ihr nicht glauben oder ihre Anschuldigungen als politisch motiviert auffassen – die Angelegenheit verlief im Sand.

Im vergangenen November gratulierte ihm im Netz dennoch dieselbe feministische Prominenz zum Wahlsieg, die sich noch drei Jahre zuvor lautstark gegen jegliche Vertuschung mutmass­licher sexueller Übergriffe gewehrt hatte. So rief im Oktober 2017 die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano unter dem Schlagwort «MeToo» auf Twitter Frauen dazu auf, ihre Erfahrungen über sexuellen Missbrauch und Belästigung öffentlich zu teilen. Das Hashtag ging schnell viral; Milano wurde über Nacht zum Gesicht der Bewegung.

Die Solidarität mit den mutmasslichen Opfern reichte dann offenbar nur bis zum Rand der eigenen Filterblase. Trotz der ihr bekannten Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen Biden unterstützte Milano ihn als Präsidentschaftskandidaten – eine Entscheidung, hinter der andere #MeToo-Aktivistinnen nicht stehen konnten.5 Man müsse Frauen glauben, aber das dürfe nicht geschehen, ohne dass man Männern rechtliches Gehör schenke und Untersuchungen stattfänden, rechtfertigte sich Milano. 2018 hatte sie sich dennoch diskussionslos hinter Christine Blasey Ford gestellt, ein Mitglied der Demokratischen Partei, die ähnliche Anschuldigungen gegen den Republikaner Brett Kavanaugh erhob. Der Schriftzug «believe women» zierte Milanos Körper, als sie auf einer Ford-Unterstützer-Veranstaltung auftrat.

Selektive Popsternchen

Sie werde voller Stolz für Joe Biden stimmen, liess weiter die feministische Popikone Taylor Swift in einem Interview verlautbaren. 2017 wurde sie als «person of the year» als einer der «silence breakers» der «MeToo-Bewegung» aufs «Time»-Cover gehievt und ­international gefeiert. Noch 2018 sprach sie während einer emo­tionalen Rede über ihre eigenen Erfahrungen punkto sexueller ­Belästigung «sämtlichen Leuten, denen nicht geglaubt wurde» ihr Mitgefühl aus.6 Sie wisse nicht, wo sie in ihrem Leben heutzutage stehen würde, hätte man ihr nicht geglaubt.

Unterstützung erhielt sie dabei von einer anderen Grösse des Popbusiness: der Sängerin Lady Gaga. Diese ging noch einen Schritt weiter und warb gleich selbst an einer Wahlkampfveranstaltung für den Kandidaten Biden: «Wir brauchen eure Herzen – stimmt ab, als ob euer Leben und das eurer Kinder davon abhingen!», tönte es von ihrem Podium herunter.7 Biden sei «ein guter Mann». Noch 2018 war Gaga voller Hoffnung, der weltweite ­#MeToo-Aufschrei würde Frauen ermutigen, sich öffentlich ­gegen sexuelle Belästigung auszusprechen. Für Reade und Flores scheint dies allerdings nicht zu gelten.

Wenn die Glaubwürdigkeit eines potentiellen Opfers von deren politischen Einstellung (oder der des mutmasslichen Täters) abhängt, dann ist der Feminismus, der diese Mechanismen zu verantworten hat, nicht nur nutzlos, sondern kontraproduktiv. Die neoemanzipative Frauenbewegung entlarvt sich selbst als heuchlerisch und inkonsequent.

Der moderne Feminismus macht Frauen kleiner, als sie sind. Er traut ihnen wenig bis gar nichts zu, spricht ­ihnen ihre Eigenverantwortung ab und erlaubt ihnen, unreflektiert aus der Opferrolle heraus operieren zu dürfen. Feministische Forderungen nach selbstbestimmten Lebensentwürfen leben sich leichter, wenn sie auf Pappschildern an Demonstrationen mit viel Glitzer und Brimborium in die Menge gebrüllt werden. Doch ausgerechnet in der Realität derjenigen, die die Selbstbestimmung am lautesten proklamieren, scheint diese noch nicht recht an­gekommen zu sein. Dabei gibt es ja haufenweise Frauen, die als Vorbilder dienen können: Frauen, die sich gegen andere, Frauen und Männer, aus eigener Kraft, mit eigenem Können, mit Erfolg durchgesetzt haben.

  1. fdp-frauen.ch/partei/kernthemas/vereinbarkeit

  2. sp-frauen.ch/de/news/medienmitteilung/die-sp-frauen-rufen-zu-­einem-boykott-von-reinen-maennerrunden-auf

  3. currentaffairs.org/2020/03/tara-reade-tells-her-story

  4. thecut.com/2019/03/an-awkward-kiss-changed-how-i-saw-joe-­biden.html

  5. reason.com/2020/04/07/alyssa-milano-tara-reade-rose-mcgowan-­joe-biden-sexual-assault

  6. vox.com/culture/2018/8/15/17692924/taylor-swift-trial-­anniversary

  7. youtube.com/watch?v=nKlNynLHV28

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»