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Der Gesellschaftsvertrag der Natur

Kooperation beginnt nicht erst mit Verträgen oder staatlicher Ordnung. Sie hat eine natürliche Vorgeschichte: Menschen beobachten einander, deuten Signale, bauen Vertrauen auf, ahmen erfolgreiches Verhalten nach – und stabilisieren so allmählich gemeinsame Normen.

Der Gesellschaftsvertrag der Natur
Lucas Cranach der Ältere: Hirschjagd des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen (1529). Öl auf Lindenholztafel. Bild: Wikimedia.

Read the English version here.

 

«[Philosophen] stellen sich freilich die Menschen nicht vor, wie sie sind, sondern wie sie sie haben möchten; und so ist es gekommen, dass sie statt einer Ethik meistens eine Satire geschrieben und niemals eine Politiktheorie konzipiert haben […].»

Baruch de Spinoza, «Politischer Traktat / Tractatus politicus», Kap. I, § 1.

 

Wie entsteht gesellschaftliche Ordnung? Sicher nicht erst mit Verträgen oder durch den Staat, aber auch nicht aus einem einzigen, universalen Prinzip, sondern aus dem Zusammenspiel vielfältiger Kräfte. Gesellschaften beruhen auf Regeln, gemeinsamen Erwartungen und Konventionen, die sich über lange Zeiträume verfestigen. Manche werden als Gesetze fixiert und vom Staat durchgesetzt. Andere bleiben unausgesprochen und werden durch sozialen Druck aufrechterhalten.

Normen als sich entwickelnde Konventionen

Die evolutionäre Spieltheorie zeigt, wie Beobachten, Vertrauen und Nachahmung zur Ordnung führen und welche Verhaltensweisen sich in wiederholten Interaktionen stabilisieren. Im Zentrum steht eine einfache, aber grundlegende Frage: Unter welchen Bedingungen gelingt Kooperation – und weshalb scheitert sie so oft?

Betrachten wir, was in der Spieltheorie als Hirschjagdspiel bezeichnet wird. Es geht auf Rousseaus Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen zurück. Rousseau beschreibt eine Situation, in der die Jäger für die Hirschjagd aufeinander angewiesen sind: «Handelte es sich darum, einen Hirsch zu jagen, so fühlte jeder sehr wohl, dass er hierfür treulich auf seinem Posten bleiben musste; kam aber zufällig ein Hase in Reichweite eines von ihnen vorbei, so darf man nicht bezweifeln, dass er diesen ohne Bedenken verfolgte […].» Die Hasenjagd lässt sich allein betreiben; die ergiebigere Hirschjagd dagegen verlangt Koordination in der Gruppe. Hier offenbart sich das natürliche Dilemma der Kooperation: Sie ist riskant, weil sie auf Vertrauen angewiesen ist. Wer befürchten muss, dass der andere abspringt, entscheidet sich rationalerweise für die sichere Hasenjagd – die schlechtere, aber risikoärmere Lösung. Kooperation bleibt deshalb fragil.

Genau hier lässt sich Rousseaus Frage nach dem Gesellschaftsvertrag einordnen. Gemeint ist damit nicht ein historisch abgeschlossener Vertrag, sondern ein Denkmodell: Wie kann aus einzelnen Interessen eine verbindliche gemeinsame Ordnung entstehen? Gesellschaften müssen Wege finden, Kooperation auch dort stabil zu machen, wo Misstrauen naheliegt. Normen, Institutionen und gemeinsame Erwartungen erfüllen genau diese Funktion: Sie reduzieren Unsicherheit und erleichtern Zusammenarbeit.

«Gesellschaften müssen Wege finden, Kooperation auch dort stabil zu machen, wo Misstrauen naheliegt.»

Damit verschiebt sich der Blick: Gesellschaftliche Ordnung erscheint nicht als fertiger Plan, sondern als Ergebnis von Lernprozessen, Anpassungen und stabilisierten Erwartungen.

Das Hirschjagdspiel als Modell sozialer Ordnung

Das zuvor eingeführte Hirschjagdbeispiel lässt sich als einfaches Modell genau dieses Problems lesen. Es zeigt, weshalb Kooperation zwar für alle vorteilhaft sein kann, zugleich aber stets das Risiko des wechselseitigen Misstrauens in sich trägt.

Um diese Dynamik sichtbar zu machen, reduziert die Spieltheorie komplexe soziale Situationen auf wenige Akteure und einfache Entscheidungsalternativen. Ein Hirschjagdspiel mit zwei Spielern sieht zum Beispiel so aus: Wer mit einem anderen Hirschjäger auf Hirschjagd geht, erhält eine Beute von 4 Tieren. Wer allein auf Hirschjagd geht, erhält 0 Tiere. Die Hasenjagd bringt dagegen stets eine Beute von 3 Tieren ein, unabhängig davon, was der andere Spieler tut.

Hirschjagdspiele mit mehr Beteiligten sind ebenfalls möglich, doch bereits dieses einfache 2-Personen-Beispiel verdeutlicht den grundlegenden Zielkonflikt zwischen Kooperation und Risiko.

In diesem Spiel gibt es zwei stabile Gleichgewichte. Ein Gleichgewicht bezeichnet eine Situation, in der kein Spieler einen Vorteil daraus ziehen kann, seine Entscheidung allein zu ändern. Wenn beide Hasen jagen, bleibt das Gleichgewicht stabil: Wer allein zur Hirschjagd wechselt, fällt von einer Beute von 3 auf 0 zurück. Wenn beide Hirsche jagen, gilt dasselbe: Wer allein zur Hasenjagd wechselt, verschlechtert sich von 4 auf 3.

Nehmen wir nun eine sehr grosse Population mit einigen Hirschjägern und einigen Hasenjägern an, die einander zufällig begegnen. Mit der Zeit kann sich die Population in dem einen oder dem anderen Gleichgewicht einpendeln, je nachdem, wo sie beginnt. Gibt es viele Hasenjäger, setzt sich die Hasenjagd durch. Gibt es viele Hirschjäger, setzt sich die Hirschjagd durch.

Berücksichtigt man zusätzlich etwas «Mutation» oder Erkundungsverhalten, verändert sich das Bild erneut. Die Population verharrt dann nicht dauerhaft in einem Gleichgewicht, sondern bewegt sich mit der Zeit zwischen beiden Zuständen hin und her. Kooperation nimmt zu und wieder ab. In unserem Beispiel dominiert langfristig dennoch meist die Hasenjagd, weil sie die risikoärmere Strategie bleibt.

Von zufälligen Begegnungen zu sozialen Netzwerken

Alles ändert sich, sobald Begegnungen nicht mehr zufällig sind. Dies ist ein entscheidender Punkt, an dem die evolutionäre Spieltheorie von Modellen abweicht, die von isolierten rationalen Einzelentscheidungen ausgehen. Menschen interagieren nicht beliebig miteinander. Sie lernen mit der Zeit, wem sie vertrauen können und welche Formen der Zusammenarbeit sich lohnen.

Betrachten wir eine kleine Gruppe, in der Individuen zunächst zufällig aufeinandertreffen, ihr Verhalten aber schrittweise anpassen. Hirschjäger lernen rasch, bevorzugt mit anderen Hirschjägern zu kooperieren. Hasenjägern ist das Verhalten anderer weitgehend gleichgültig; da sie jedoch von Hirschjägern zunehmend gemieden werden, interagieren sie schliesslich vor allem untereinander. So können Netzwerke sozialer Interaktion entstehen und die Gewichte zugunsten der Hirschjagd verschieben.

Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus: Menschen beobachten, welche Strategien erfolgreich sind, und übernehmen diese mitunter selbst. Ist die Netzwerkbildung schnell und die Anpassung von Strategien langsam, kann sich die Hirschjagd langfristig in der gesamten Population durchsetzen. Kooperative Akteure finden einander rasch, erzielen höhere Erträge und werden nachgeahmt. Die Hasenjagd verliert allmählich an Attraktivität.

Verläuft die Netzwerkbildung dagegen langsam, zeigt sich ein anderes Bild. Begegnungen bleiben über längere Zeit weitgehend zufällig. Unter diesen Bedingungen fahren Hasenjäger besser, weil sie die risikoärmere Strategie verfolgen. Hirschjäger finden nicht häufig genug verlässliche Partner und wechseln schliesslich selbst zur Hasenjagd.

Signale und die Entstehung von Bedeutung

Der vorherige Abschnitt zeigte, welche interessanten Ergebnisse entstehen, wenn man das Hirschjagdspiel mit dynamischen Netzwerken verbindet. Nun verbinden wir es mit Signalen. Zunächst aber eine kurze Einführung in Signale selbst. Signalspiele der hier betrachteten Art wurden vom Philosophen David Lewis in seinem Buch «Convention» eingeführt. Das einfachste stilisierte Signalspiel sieht so aus: Die Natur wählt mit gleicher Wahrscheinlichkeit einen von zwei Zuständen. Ein Spieler – der Sender – beobachtet die Situation und sendet, abhängig von der beobachteten Lage, eines von zwei Signalen an einen zweiten Spieler, den Empfänger. Dieser schliesst aus dem Signal auf die Situation und handelt entsprechend. Die Spieler haben ein gemeinsames Interesse. Gelingt die Koordination, erhalten beide einen Ertrag – in der Spieltheorie meist als «Auszahlung» bezeichnet – von 1, andernfalls 0. Das Problem der Spieler unterscheidet sich von jenen Problemen, die Claude Shannon im Blick hatte, als er die Informationstheorie begründete. Die Signale haben keine vorher festgelegte Bedeutung; diese entsteht erst in der Interaktion.

Wie zuvor gibt es mehrere strikte Gleichgewichte. In zwei davon gelingt die Signalisierung vollständig: Im einen steht Signal A für Zustand 1 und Signal B für Zustand 2, im anderen ist die Zuordnung genau umgekehrt. Daneben existieren aber auch Gleichgewichte, in denen die Signale keinerlei Information übertragen. Die Bedeutung eines Signals ergibt sich somit nicht aus dem Signal selbst, sondern aus der Konvention, auf die sich die Beteiligten implizit eingespielt haben. Bedeutung entsteht durch Koordination.

Lewis interessierte vor allem die Frage, wie solche Signalisierungssysteme unter Bedingungen hoher Rationalität stabil bleiben. Die evolutionäre Spieltheorie stellt eine andere Frage: Können solche Konventionen auch aus einfachem Lernen, Nachahmung und wiederholter Interaktion entstehen – also ohne besonders hohe Rationalität der Beteiligten?

Experimente der Verhaltensökonomie im Labor zeigen, dass Menschen dieses Signalspiel rasch lernen. Computersimulationen mit Spielern, die durch Versuch und Irrtum lernen und erfolgreiche Handlungen häufiger wiederholen, nähern sich schnell einem Signalisierungsgleichgewicht. Tatsächlich ist bewiesen worden, dass verstärkendes Lernen in diesem einfachen Spiel immer zu perfekter Signalisierung führt. Bedeutung entsteht spontan.

Es gibt eine interessante Theorie komplexerer Signalspiele, in denen mehrere Signalgeber in Netzwerken miteinander interagieren, um Informationen zu verarbeiten und Teams zu koordinieren. Wir machen hier nur den einfachen Schritt, unseren Spielern im Hirschjagdspiel zu erlauben, Signale zu senden und ihre Handlung abhängig vom empfangenen Signal zu ändern. Wir versehen die Signale nicht mit irgendeiner vorgängigen Bedeutung. Wie zuvor muss Bedeutung spontan entstehen. Die Strategie eines Individuums legt nun fest, welches Signal es sendet und was es jagt, wenn es Signal A oder Signal B empfängt. Individuen begegnen einander zufällig, sie tauschen Signale aus und entscheiden dann, ob sie Hirsche oder Hasen jagen. Die Auszahlungen werden anschliessend durch das Hirschjagdspiel bestimmt.

In einer grossen Population mit zufälligen Begegnungen hängt der Ausgang davon ab, wo man beginnt. Doch der Anteil der Ausgangszustände, die dazu führen, dass am Ende alle Hirsche jagen, nimmt dramatisch zu. Wir sprechen hier vom Einzugsgebiet eines Gleichgewichts. Der Grund ist, dass ein Jägertyp nun ein Signal verwenden kann, um mit Gleichgesinnten auf Hirschjagd zu gehen. Diese Typen setzen sich gegen andere durch und können die Population übernehmen. Sie jagen miteinander Hirsche, also jagen am Ende alle Hirsche.

Dabei zeigt sich ein scheinbares Problem. Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen «Handschlag» zu vollziehen, je nachdem, welches der beiden Signale bedeuten soll: «Ich jage mit dir Hirsche, wenn du so bist wie ich.» Die Lösung liegt darin, dass es von den anfänglichen Häufigkeiten in der Population abhängt, welcher Handschlag sich durchsetzt. Fast immer gibt es zu Beginn ein gewisses Ungleichgewicht, sodass eine Konvention einen Vorsprung erhält und gewinnt. Bedeutungen entstehen weiterhin spontan.

Auch in endlichen Populationen bleibt die zentrale Einsicht des Modells grosser Populationen bestehen: Signale begünstigen Kooperation und erleichtern die Hirschjagd.

Ein zusätzlicher und zunächst überraschender Befund zeigt sich beim sogenannten Gefangenendilemma. Anders als bei der Hirschjagd existiert hier nur ein stabiles Gleichgewicht. Für jeden Einzelnen ist es stets vorteilhaft, die Kooperation zu verweigern – unabhängig davon, wie sich der andere verhält. Das gilt, obwohl alle Beteiligten besser dastünden, wenn alle kooperierten.

Wer kooperiert, erzielt gemeinsam mit anderen Kooperierenden zwar den höchsten gemeinsamen Ertrag. Einzelne Akteure können jedoch kurzfristig profitieren, wenn sie die Kooperation des anderen ausnutzen. Genau deshalb bleibt stabile Kooperation in diesem Spiel besonders schwierig.

Dass sich evolutionär dennoch ein gewisses Mass an Kooperation etablieren kann, liegt erneut in den Signalen, etwa in einer Art sozialem «Handschlag». Kooperatoren können solche Signale nutzen, um andere Kooperierende zu erkennen und gezielt mit ihnen zusammenzuarbeiten, während sie gegenüber Defektoren die Kooperation verweigern.

Allerdings entsteht hier eine Schwierigkeit, die bei der Hirschjagd weniger stark ausgeprägt ist. Defektoren können erfolgreiche Signale imitieren und vortäuschen, kooperativ zu sein. In einer überwiegend kooperativen Population schneiden solche Trittbrettfahrer kurzfristig sogar besser ab als die eigentlichen Kooperierenden. Dadurch kann sich die Täuschung ausbreiten und die bestehende Kooperation untergraben.

Fatal ist das jedoch nicht zwangsläufig. Wenn ein Signal durch Nachahmung entwertet wird, können neue kooperative Gruppen entstehen, die andere Signale verwenden. So entsteht ein fortlaufendes evolutionäres Wettrennen zwischen Kooperation und Täuschung. Die Modelle zeigen, dass unter solchen Bedingungen ein gewisses Mass an Kooperation erhalten bleiben kann. Je mehr unterschiedliche Signale zur Verfügung stehen, desto stabiler wird die Kooperation.

Diese Beispiele vermitteln einen Eindruck davon, wie sich die evolutionäre Spieltheorie zur Analyse gesellschaftlicher Ordnung einsetzen lässt. Daneben existieren zahlreiche weitere Spiele, die für Fragen des Gesellschaftsvertrags relevant sind, etwa Verhandlungen, Partnerschaften, Arbeitsteilung, Ressourcenkonkurrenz oder die öffentliche Markierung von Eigentum. Solche Modelle lassen sich miteinander verbinden, ebenso mit Signalen und mit sozialen Netzwerken, seien diese statisch oder dynamisch.

Auch Spiele selbst können sich entwickeln. Neue Signale können in komplexen Interaktionen helfen, suboptimale Gleichgewichte zu überwinden. Neue Handlungsmöglichkeiten können Konflikte entschärfen und Verhandlungen ermöglichen, wo zuvor nur reine Konkurrenz herrschte. Viele dieser adaptiven Dynamiken sind bislang kaum erforscht.

All diese Elemente können Bestandteile einer naturalistischen Theorie des Gesellschaftsvertrags bilden. Ein Gesellschaftsvertrag erscheint dann nicht als von oben auferlegte rationale Übereinkunft, sondern als ein sich entwickelndes System von Normen und Konventionen, das aus wiederholten Interaktionen hervorgeht und durch Vertrauen, Signale und adaptive Dynamiken geprägt wird.

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