Die Aktie des Guten?

Geschichte, Definition, Wirkung: Was Sie über sozial verantwortliche Investments wissen müssen.

Die Aktie des Guten?
Satirischer Druck einer Quäkerversammlung, «Quaakers vergadering. Fronti nolla fides. The Quakers meeting», Ausschnitt, von Carel Allard, nach Egbert van Heemskerck, ca. 1678, Library of Congress.

Bei der Auswahl von Aktien sehen manche Menschen nicht nur auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis, sondern auch auf Ethik. Diese tugendhaften Seelen wollen sichergehen, dass mit ihrem Geld keine verwerflichen Geschäfte unterstützt werden. Ebenso haben Wohlfahrtsverbände, Stiftungen, Kirchen, Universitäten und andere Non-Profit-Organisationen schon immer auf Aktien gesetzt, die mit ihren institutionellen Werten in Einklang stehen. Andere Investoren wiederum kaufen gezielt Aktien ganz entgegengesetzter Art: sogenannte «Sin Stocks». Morgan Funshares etwa ist auf Alkohol-, Tabak- und Glücksspielunternehmen spezialisiert und stösst auf grossen Zuspruch bei Leuten, denen es Freude bereitet, von der Dummheit ihrer Mitmenschen zu profitieren. Diese Menschen können gar nicht genug von derlei unmoralischen Gewinnen bekommen. Die meisten jedoch betrachten die Börse schlicht als einen Ort, wo sie ihr Geld investieren, und interessieren sich nicht weiter dafür, was schliesslich im einzelnen damit geschieht, Hauptsache, es vermehrt sich irgendwie. Finanzexperten raten allen, denen Umweltschutz, Bürgerrechte oder Gesundheitspolitik am Herzen liegen, ihre Gewinne einer guten Sache zufliessen zu lassen oder sich politisch zu engagieren, eine Vermischung von Ethik und Geschäft jedoch zu vermeiden.

Seit einiger Zeit gibt es nun auch die Möglichkeit, in Anlage- oder Rentenfonds zu investieren, die ihre Aktien nach dem Kriterium sozialer Verantwortung auswählen. Solche Fonds finden sich unter den verschiedensten Bezeichnungen: Socially Responsible Investment (SRI), ethisches Investment, nachhaltiges Investment, Triple-Bottom-Line-Investment (finanziell, ökologisch und sozial) oder Environmental, Social and Governance Issues (ESG). SRI ist dabei sowohl ein Produkt als auch eine Praxis: viele andere Investmentfonds bedienen sich der gleichen Mittel (Praxis) wie die SRI-Anlage- und Renten-Fonds (Produkt), um soziale Verantwortung zu zeigen. Auch hat sich um Fonds, die SRI-Praktiken anbieten, eine ganze Branche für unterstützende Dienstleistungen herausgebildet.

Die verschiedensten Aktivitäten fallen also unter den Begriff SRI, daher lässt sich SRI nur schwer mit Statistiken erfassen. Immerhin: eine Studie des Forum for Sustainable and Responsible Investment (Forum für nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Investieren) fand 2012 heraus, dass in den USA 3,74 Billionen Dollar nach SRI-Prinzipien verwaltet wurden – was in etwa 11 Prozent aller gemanagten Investments ausmacht und einen Anstieg um 22 Prozent seit 2009. Die entsprechende Zahl für Europa liegt bei über 2,3 Billionen Euro. Sowohl in den USA als auch in Europa verlief der Zuwachs bei SRI-Fonds steil: er verfünffachte sich zwischen 1995 und 2012.1

Ungeachtet der löblichen Motive sozial verantwortungsbewusster Investoren wirft das Konzept etliche beunruhigende Fragen auf. Abgesehen davon, dass es in der Praxis schwierig ist, zwischen sozial verantwortungsbewussten Unternehmen und sozial verantwortungslosen zu unterscheiden, bezweifeln Kritiker des Konzepts, ob sich diese Unterscheidung überhaupt lohnt. Investoren entscheiden sich für SRI aus mehreren Gründen – einige wollen mit gutem Gewissen Geld mit Aktien verdienen, andere wollen Unternehmen zu Verhaltensänderungen veranlassen –, und ob SRI einen Unterschied macht, hängt von den jeweiligen Zielen ab. Jedem Investor steht es frei, seine eigenen Motive beim Aktienkauf zu haben – er zahlt dann eben den Preis, wenn SRI niedrigere Gewinne abwerfen. Ebenso steht es Anlage- und Investmentfonds frei, Investoren damit zu locken, dass sie ihnen auf soziale Verantwortung geprüfte Portfolios anbieten, solange das Bekenntnis zu SRI deutlich kommuniziert wird und die Investition freiwillig erfolgt. Weit fraglicher ist hingegen, ob Portfoliomanager, die ja verpflichtet sind, die höchstmöglichen Renditen für ihre Kunden anzustreben, überhaupt das Recht haben, bei der Auswahl von Aktien nichtfinanzielle Faktoren zu berücksichtigen, insbesondere wenn SRI die Gesamtrendite schmälert.

 

Was ist SRI genau?

SRI gibt es in vielerlei Formen. Im einfachsten Fall ist es die Massgabe, anrüchige Aktien oder Unternehmen mit kontroversem Gebaren zu meiden. SRI kann aber auch so weit gehen, dass man gezielt in gemeinwohlorientierte Unternehmen investiert und in Kooperation mit ihnen sozial wertvolle Ziele zu verwirklichen sucht. Vielen Anhängern des SRI-Trends ist es nur darum zu tun, mit…