auf der suche nach europa

wir sind barbaren? also gut. wir werden euch zeigen, was das ist – barbaren. und unsere unbarmherzige, schreckliche antwort – wird allein menschenwürdig sein. alexander block erinnerst du dich, europa, an unsere ersten berührungen? ich war vielleicht vierzehn oder fünfzehn jahre alt, ein halbwüchsiger, der mit einer unausgegorenen wut auf die diktatur sich aufmachte, die […]

wir sind barbaren?

also gut. wir werden euch zeigen, was das ist – barbaren.

und unsere unbarmherzige, schreckliche antwort –

wird allein menschenwürdig sein.

alexander block

erinnerst du dich, europa, an unsere ersten berührungen? ich war vielleicht vierzehn oder fünfzehn jahre alt, ein halbwüchsiger, der mit einer unausgegorenen wut auf die diktatur sich aufmachte, die freiheit zu suchen. «freiheit, die farbe der menschen», wie louis aragon dieses kostbare gut nannte, das wir nur in europa suchen konnten; hatten wir doch die fanfaren der französischen revolution noch in den ohren: »freiheit, gleichheit, brüderlichkeit!»

der halbwüchsige brach also auf, auf der suche nach freiheit, auf der suche nach europa. anfang der sechziger jahre war es gefährlich, in teheran unter der schah-diktatur nach freiheit zu suchen. also suchten wir nach ihren spuren: nach büchern. die werke der iranischen autoren, die von freiheit schrieben, waren verboten, sie selbst sassen in den gefängnissen, sofern sie noch lebten und nicht emigriert waren. also suchten wir nach büchern europäischer schriftsteller. aber auch die europäer waren von der zensur des diktators nicht verschont geblieben. so riskierten wir, vom geheimdienst beobachtet oder gar festgenommen zu werden, nur der bücher wegen, die wir suchten; ohne auch nur zu wissen, was wir suchen sollten. doch die fliegenden buchhändler vor der universität von teheran verstanden ihr handwerk und erkannten die durstigen sucher. auch sie riskierten einiges, weit mehr als wir. ihnen verdankten wir unsere schätze.

«die gerechten» von albert camus, «die mauer» von jean-paul sartre, «rot und schwarz» von stendhal, «die lebenden» von jean laffitte, «die mutter» von maxim gorki, und die erzählung «das schweigen des meeres», jene stille begegnung mit dem feind, die vercors 1941 im besetzten frankreich geschrieben und illegal herausgebracht hatte. der fliegende buchhändler, der sich nach vielen blickkontakten und einigen kurzen wortwechseln überzeugt hatte, dass wir keine spitzel waren, verkaufte sie uns. der ambulante aufklärer ermahnte uns, das buch gut zu verstecken und nach der lektüre zurückzubringen; er kaufe es uns wieder ab. so rannte der halbwüchsige nach hause, albert camus unter dem hemd versteckt, während er den gesamten geheimdienst an seinen fersen vermutete; kannte er doch einige, die wegen eines dieser bücher bis zu zwei jahren im gefängnis gesessen hatten. zuhause angelangt, fieberte er der abendstunde entgegen, um dann in den schwülen nächten teherans ins bett zu gehen, mit albert camus, nein, mit europa; ja, mit der freiheit selbst. dann las er mit geballter faust seine europäer. der halbwüchsige verstand sie nicht; wusste aber, dieses europa bedeutet freiheit. und er liebte sein europa.

um die mitte der sechziger jahre verlässt der halbwüchsige seine heimat. endlich! europa! als er die sprache einigermassen beherrscht, stürzt er sich auf die bücher und erleidet einen schock: albert camus, den er daheim nach langer suche und unter riskanten bedingungen ergattert hatte und den ihm die freunde wieder aus der hand rissen, lag hier stumm auf dem wühltisch – für einige pfennige zu haben – und niemand kümmerte sich darum. hatte europa seine apostel der freiheit vergessen, verdrängt, verramscht? das aber konnte der student, der, allen väterlichen ratschlägen zum trotz, deutsche literatur studieren wollte, partout nicht glauben – er suchte weiter: nach seinem europa.

bald sollte er getröstet werden. die revolte der studenten überwältigte ihn, und sie tröstete ihn. für ihn, der noch den schatten der diktatur im herzen trug, war es die erste offene begegnung mit freiheit, solidarität und freundschaft. er wusste nun: das ist sein europa! diese begegnung prägte ihn für immer. er hoffte wieder. er lernte mehr von europa, vor allem von seinen schriftstellern, die ihm zu jenem aufrechten gang verhalfen, den er und seine freunde bitter nötig hatten für die kommenden jahre. und noch eines lehrte ihn sein europa, dass nämlich »freiheit immer die freiheit der andersdenkenden ist».

der halbwüchsige in teheran hatte sich nicht geirrt. der student genoss und verteidigte die freiheit, hand in hand mit europäischen freunden. was kümmerte ihn der geheimdienst zuhause, der die entwicklung des später exilierten genau beobachtete? wichtig allein war die freiheit. doch gerade die freiheit und die europäischen freunde zeigten ihm auch ein anderes gesicht europas.

er erfährt, dass der geheimdienst seines landes beste beziehungen pflegt zum «intelligence service», zum «deuxieme bureau», zum «verfassungsschutz», die den kollegen in teheran mit spitzelarbeit und informationen zur hand gehen. aber damit nicht genug. er erfährt, dass auch die folterinstrumente aus seinem europa stammen, folterinstrumente, mit denen des diktators schergen frauen foltern, um sie dann «dreckige europäische huren» zu nennen.

aber, europa, du verkaufst nicht nur alles, du willst auch alles kaufen. der nunmehr exilierte liest in deinen zeitungen, wo überall in der welt deine bürger einfallen, die harte währung in den taschen: in zimbabwe zum golfspielen, in peru zum kinderholen, in thailand zum erwerb jungen fleisches, in paraguay zur farmgründung, in indien zum organpflücken.

voller verwunderung bemerkt er, dass du zwei drittel dieser welt «entwicklungsländer» nennst, um ihnen überall zu hilfe eilen zu können – mit dem erfolg, dass diese immer ärmer werden, und du immer reicher. er fragt sich, ob diese divergenz die logische folge deiner freiheit ist? warum sonst ziehst du das schwert, wenn einer diesen graben mit demokratischen mitteln zu überbrücken sucht? es hat wahrlich an solchen demokraten nicht gefehlt in den letzten jahrzehnten, du hast sie alle fallenlassen. während du unsere ausgestreckte hand ausschlägst, suchst du die hand der mörder, die dich um waffen und kredite bitten und unsere länder in restlose verschuldung und abhängigkeit stürzen. europa, du erstickst uns mit deiner ökonomischen logik.

deinetwegen, europa, wegen der liebe zu dir, wurden wir in unserem eigenen volk isoliert; weil wir der jugendliebe die treue hielten, nicht zuletzt, um uns selbst nicht zu verraten. denn wir waren überzeugt, dass es ohne europa nicht gehe. so haben wir dich – aber auch uns – verteidigt, als ayatollah chomeini und seine späteren nachfolger – welcher colour auch – deine kultur verderbt und deine freiheit pornographisch nannten. du aber fielst uns in den rücken; denn deine «freie presse» lieferte für diese thesen eines chomeini unfreiwillig den beweis; sie verfiel in hysterie und zog über die sarazenen her. bedeutet denn deine meinungsfreiheit, ein jeder könne sagen, was er wolle?

wahrlich, europa, du verstehst dich nicht immer auf deine vielgepriesene toleranz! und der exilierte, inzwischen ein vierteljahrhundert im exil – in freiheit –, ist müde geworden, europa. er ist müde geworden, weil er weder zu denjenigen gehört, die dich blindlings nachäffen, um ihre identität auszulöschen, noch zu denen, die dich so hassen, dass sie ihre geschichte verleugnen müssen. er ist müde geworden, weil du immer sieger, nie aber freund sein willst. weil du die tagesvernunft gegen den anstand stellst und gegen brüderlichkeit. nur: dort, wo keine liebe ist, wächst auch kein verstehen.

ach europa! bedenke doch, die kreuzzüge sind vorbei, die päpste gezähmt; wir dürfen jene fehler nicht wiederholen. zieh nicht das schwert, frag nach dem brot; denn der hunger bestimmt die art des todes. und bedenke, dass es für das gewissen keine grenzen der zeit und des raumes gibt.

und du, mein freund, hast du europa gesehen, nachdem du so lange schon sein gast bist? seine kultur eingeatmet, seine literatur und seine demokratischen freiheiten genossen hast, als ein citoyen, wenn auch nicht als staatsbürger? dermassen, dass du dich mit der zeit deiner heimat entfremdet hast? warum sonst wirst du zunehmend deinen landsleuten fremd und sie dir, die dich des öfteren – verächtlich – den deutschen nennen?

ob ich europa gesehen habe, mein europa? nein! doch es kommen ständig wanderer von den abgebrannten rändern, die von sich behaupten, sie hätten europa gesehen. ihre berichte widersprechen sich, und gerade in diesen widersprüchen habe ich versucht, das konterfei des verlorenen kontinents für mich zu rekonstruieren. mitunter heisst es in ihren berichten:

europa sei eine alte vettel geworden. sie sitze nun in der sonne, lause ihre schamhaare und seufze. und manche wollen mit eigenen augen gesehen haben, dass sie mit ihren zähnen an der nabelschnur kaue, um sich von ihrer missgeburt, ihrer geschichte, zu trennen.

europa sei ein alter seelenverkäufer, stellen die anderen fest, voller atommüll, auf der suche nach einem hafen in der dritten welt, um sich zu entladen; und verkaufe zugleich die menschenrechte.

und die mit einem langem gedächtnis räsonieren, europa habe sich zurückgezogen auf seine ex-kolonien. es sitze dort auf der veranda und repetiere noch einmal seinen jean-jacques rousseau, der aus christen menschen machen wollte.

und es gibt welche, die erzählen, europa sei nun ein legastheniker, der an alzheimer leide. er residiere in seinem landhaus, untätig, und sabbere etwas von wohlstand und vollbeschäftigung. unternehme dieser greis gelegentlich etwas, so vergesse er seine tat noch während der ausführung. ein wohlmeinendes vergessen habe sich, besonders nach dem ende des kalten krieges, in seinem gemüt breitgemacht.

und manche geifern gar, europa sei ein kleiner, aufgedunsener mann, der seinen lebensabend als kultivierter menschenfresser friste: er verzehre das fleisch seiner sklaven mit gabel und messer und betupfe sich nach jedem bissen den mund mit einer seidenen serviette. hernach verteile er grosszügig glasperlen an die hinterbliebenen der verzehrten.

und so manche böse zungen meinen zu wissen, europa sei ein wissenschafter in blütenweissem kittel, der in seinen geheimen laboratorien arbeite, hinter verschlossenen türen, von elektronischen augen bewacht. und hier, in diesen geschlossenen räumen, sei auch Aids entstanden. und die behaupten: zwar sterben täglich in den entwicklungsländern 40’000 kinder an hunger, doch diese sterblichkeitsrate sei nicht schnell genug für die weltbank, die zuweilen mit so viel humankapital nicht zurechtkomme.

und es gibt auch welche, die fürchten, europa arbeite als blinder sozialarbeiter, tröste seine auschwitzleugner und beschäftige sich sozialpädagogisch mit der kindheit seiner klientel. denn es sei voller verständnis für kleine delikte und wolle zugleich gesellschaftliche probleme von der wurzel her behandeln.

und einige überraschen mit der botschaft, europa sei ein alter barde, der auf allen jahrmärkten auftrete und geschichten erzähle. doch er erzähle seine geschichte in einer weise, dass niemand ihn verstehe – vielleicht habe er sich im laufe der jahrhunderte so weit von sich selbst entfernt, dass er unverständlich geworden sei.

und die blauäugigen prophezeien, europa habe sich dank einer alchimie unsichtbar gemacht, um an der erweiterung seiner toleranzmeile zu arbeiten. dieses betrachte es als sein lebenswerk. zugleich aber verwechsle es sich oft und gern mit dem westen und verarme dadurch.

und die verzagten meinen, europa sei ein kleiner, subalterner beamter. er sitze mit augenschirm und ärmelschonern in seinem goldenen kontor und notiere die kontingente seines exports und seines imports – panzer und flüchtlinge. und begreife den zusammenhang zwischen domestizierung und revolte nicht.

und die, die oft an die ränder abgedrängt wurden, sagen, europa sei eine siebenzüngige retortensirene, deren synthetischer gesang die schiffe der flüchtlinge auf die klippen locke. hierbei ziehe sie weisse handschuhe an und lasse sich von staatlichen fernsehanstalten filmen. anschliessend lasse sie den film in jene gebiete senden, aus denen die flüchtlinge stammten.

und es gibt auch vorwitzige, die gar überzeugt sind, europa sei ein verbitterter alter im blauen overall mit einem eimer farbe in der hand. er gratwandere an den virtuellen rändern des fortschritts, ziehe eine rote linie zwischen den fronten und achte akribisch darauf, dass niemand seinen fuss über diese linie setze.

und die verwegenen flüstern, europa sei ein mickriger, griesgrämiger mann, der mit einer lupe in der hand auf den verregneten strassen des nordens umherziehe und die hautfarbe der fremden untersuche. er habe angst vor einer durchrassten gesellschaft – ungeachtet der dramatischen schrumpfung der eigenen bevölkerung. er wisse, dass die bevölkerung der nachbarländer sich vermehre und verjünge, und er ziehe daraus seine irrlehre: er befürchte einen neuen krieg – den krieg der kulturen.

und schliesslich behaupten die weitsichtigen, seit die sansculotten den gott zugunsten des staates abgeschafft hätten, sei europa ein paria geworden, ohne trost. denn die sansculotten hätten damals alles aufgeklärt, selbst die steine, bis der gott völlig verlorenging – und auch die brüderlichkeit.

doch du, mein freund, nun seit 40 jahren auf der flucht auf diesem kontinent, bist du europa je begegnet?

ich weiss, du wirst jetzt sagen: dieses europa hat keine haut und es hat berührungsängste mit allem und jedem, was nicht seine farbe trägt. hier, in diesem europa, wirst du nicht gebraucht, hier gebraucht man dich nur. ich weiss, du wirst nun behaupten, dieses abendland sei in den kreuzzügen geboren worden und brauche stets neue kreuzzüge, um zu gedeihen. aber schliesslich erlaubt dir dieses europa, dieser kleinstkontinent, frei zu denken, deine gedanken frei zu äussern, und zu arbeiten. was du dort, wo dein zuhause ist – in jener vermeintlichen heimat – nie durftest, und auch heute nicht darfst. dieses europa erlaubt dir sogar, nach eigener fasson unglücklich zu sein, während zum beispiel die machthaber in deinem land sogar die form deiner trauer bestimmen wollen.

wo aber, mein freund, wirst du denn überhaupt benötigt? in deiner heimat? setzen die nicht alles daran, dieses europa im eiltempo zu überholen? oder glaubst du, die machthaber deines landes würden eine sekunde zögern, die atombombe zu zünden – wenn sie die technische möglichkeit dazu hätten? mein freund, inzwischen bist du zu einem kompositum geworden aus zwei welten. und noch immer liebst und suchst du dein europa?

wer so viel verloren hat, kann nur mit der schönheit getröstet werden: mit drei zeilen des deutschesten aller deutschen dichter, friedrich hölderlin: auch ein fremdling, der zeit seines lebens gesucht und nichts gefunden hat – bis auf ein hölzernes zimmer hoch über einem fluss, der an ihm vorbeirauschte, und die zuneigung von des tischlers tochter.

dass so ferne dir die heimat liegt,

armes herz, du wirst sie nie erfragen,

wenn dir nicht ein traum von ihr genügt.

ist das, was du suchst, was du noch immer europa nennst, nicht die summe jener substantiellen schönheiten, die du von deinem europa gelernt hast?

dass gleichheit die brüderlichkeit nicht ausschliesst;

dass brüderlichkeit die freiheit bedingt;

dass freiheit immer die freiheit der andersdenkenden ist;

dass die wahrheit keine uniform verträgt und immer neue masken benötigt;

dass dir durch die jahre des exils ein drittes ohr gewachsen ist für das wehende;

dass die zeit den schmerz vielleicht lindert, die wunden aber nicht heilt;

dass ethik weder nationale noch andere grenzen kennt;

und dass die kulturen sich stets gegenseitig stützen, auch in den zeiten des unfriedens.

und genügt dir, mein freund, nicht das, was du mit dem herzen gelernt hast? frage nicht nach dem wegweiser; er ist vielleicht verwittert und unkenntlich geworden – der weg allein soll dich beflügeln. also bleib schön und suche weiter. denn der suchende beherzigt jenen aufrechten gang, der ihn weitertreibt – bis zu den aussenbezirken der liebe.

dieses ist die unbarmherzige, schreckliche antwort.

SAID, 1947 in Teheran geboren, hat mit 17 Jahren seine Heimat verlassen und lebt sei 1965 in München. Sein literarisches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Adelbert-von-Chamissopreis (2002) sowie der Goethe-Medaille des Goetheinstituts.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»