Anton Krättli — ein Nachruf

Von 1965 bis 1994 war Anton Krättli Redaktor der «Schweizer Monatshefte». Am 11. November ist er achtundachtzigjährig in Aarau gestorben.

Als Anton Krättli im Januar 1994 die Leitung des Kulturteils der «Schweizer Monatshefte» in jüngere Hände legte, hatte er der Zeitschrift während 28 Jahren als Kulturredaktor gedient – eine beeindruckende Zeitspanne, die heute, angesichts des immer mehr auf unmittelbare Aktualität ausgerichteten Kulturbetriebs, zur Ausnahme geworden ist. Dabei wäre es gerade im Kulturbereich wichtig, dass man der Kontinuität mehr Beachtung schenken würde. Mit guten Gründen kann man rückblickend von einer «Ära Krättli» reden, und sein Name bleibt untrennbar mit der Geschichte der Zeitschrift verbunden.

Krättlis Kritikerurteil war nie anmassend, und es war in einer seltenen Weise unbestechlich. Als er 1965 von der Tageszeitung «Winterthurer Tagblatt» zu den «Schweizer Monatsheften» wechselte, entdeckte und nutzte er schnell die Möglichkeiten einer Monatszeitschrift. Getreu der Überzeugung seines Doktorvaters Emil Staiger («Die Farben der Lyrik in der Goethezeit», so das Thema von Krättlis Doktorarbeit), galt es in Kultur und Literatur, das Einzigartige zu identifizieren und zu vermitteln. Anton Krättli erkannte als einer der ersten die Bedeutung von Hermann Burger. Als Adam Nautilus Rauch hat Burger Anton Krättli in seinem Roman «Brenner» aus seiner Sicht literarisch charakterisiert. Diese Namensgebung soll hier nicht aufgeschlüsselt werden, aber der Vorname Adam weist doch auf Bleibendes, Allgemeinmenschliches hin.

Dem Schaffen Jürg Federspiels, E.Y. Meyers, Hugo Loetschers und Adolf Muschgs galt die besondere Aufmerksamkeit des Redaktors. Viele Schweizer Autoren wussten seine Kompetenz und Fairness zu schätzen. Unter ihnen Friedrich Dürrenmatt, Hans Boesch, Klaus Merz, die Anton Krättli zur Erstveröffentlichung in den «Schweizer Monatsheften» ihre Kurzprosa anvertrauten. Selbstverständlich wandte er sich immer auch dem grösseren deutschen Sprachraum zu. Günter Grass, Heinrich Böll, Kurt Drawert, Albert Drach, ganz besonders aber auch Thomas Bernhard sind in einer langen Reihe von Kritiken und Aufsätzen ausführlich diskutiert worden, die sich in kleine Monographien zusammenfügen liessen. Insgesamt hat Anton Krättli in 28 Jahren 325 Beiträge für seine Zeitschrift geschrieben.

Einen weiteren Schwerpunkt seiner Redaktionstätigkeit setzte Krättli in den sechziger Jahren mit den «Zürcher Theaterbriefen» unter dem Pseudonym Lorenzo. Hier finden sich nicht nur Aufführungsbesprechungen, sondern Überlegungen zum Spielplan, zur Führungsstruktur des Zürcher Schauspielhauses, zur Förderung junger Dramatiker. Auch die Reflexion über das eigene Tun war ihm ein wichtiges Anliegen: 1982 gab Anton Krättli ausgewählte Beispiele seiner Zeitschriftenarbeit in einer dreibändigen Sammlung «Zeit Schrift» heraus, 2002 liess er den Band «Momentan nicht im Gespräch» folgen, einen vielbeachteten Rückblick auf seine Kritikertätigkeit.

Für sein vielfältiges Schaffen erhielt Krättli mehrere Auszeichnungen, darunter 1976 die Ehrengabe des Kantons Zürich und 1994 den Aargauer Literaturpreis. In Deutschland war der Kritiker aus Aarau Mitglied renommierter Literaturjurys.

Zwischen 1975 und 1991 leitete Anton Krättli, zusammen mit François Bondy als Verantwortlichem für das Wirtschafts- und Politikressort, die Geschicke der «Schweizer Monatshefte». Beiden war die Überzeugung zu eigen, dass auch Wirtschaft und Politik kulturelle Phänomene seien, und sie unterstellten den publizistischen Geist der «Schweizer Monatshefte» konsequent dieser Maxime, so wie es später auch die Autoren dieses Beitrags taten – der eine ab 1991 noch zwei Jahre lang als Anton Krättlis Kollege, der andere ab 1994 als sein Nachfolger – und die den regelmässigen Gedankenaustausch mit ihm zu schätzen wussten, meist bei einem guten Tropfen am Hallwyler See. Anton Krättli ist am vergangenen 11. November achtundachtzigjährig in Aarau gestorben.

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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