«Viele Staaten
werden implodieren»

René Scheu im Gespräch mit Gunnar Heinsohn Alle sprechen von der demographischen Herausforderung. Aber kaum jemand nimmt sie ernst. Der Soziologe Gunnar Heinsohn schon. Gespräch über das Ende des Sozialstaats, wie wir ihn kennen, über Bildungsillusionen und den Segen qualifizierter Zuwanderung.

Herr Heinsohn, wir treffen uns in Zug. Sind Sie öfter in der Schweiz?

Gunnar Heinsohn: Meine Vortragsreisen führen mich immer wieder in das kleine Land mit den vielen Bergen. Diesmal war es die Hochschule Zentralschweiz, die mich einlud. Wir haben ökonomische Themen behandelt. Dabei ging es auch um die Finanzkrise…

…wenn man gegenwärtig über Ökonomie spricht, muss man auch über Demographie reden. Darüber wollten wir uns heute eigentlich unterhalten.

Wir türmen heute Staatsschulden auf, die einer vermeintlichen Abmilderung von Folgen der Finanzkrise dienen sollen. Dabei gehen wir davon aus, dass im Jahr 2030 oder 2040 noch genügend Steuerzahler da sind, die diese Schulden auch zurückzahlen können. Neusten Schätzungen zufolge wird der Raum von Deutschland bis Japan in West-Ost-Richtung unter Einschluss aller slawischen Nationen (aber ohne China) sowie von Estland bis Griechenland in Nord-Süd-Richtung von 480 Millionen Einwohnern auf 340 Millionen Einwohner im Jahr 2050 schrumpfen. Das sind 140 Millionen Menschen weniger, und dies, während gleichzeitig das Durchschnittsalter von 40 auf 50 Jahre ansteigt. Diese schrumpfvergreisende Bevölkerung soll unsere Staatsschulden einmal bedienen – in diesem Befund liegt ungeheurer politischer Sprengstoff!

Wo brennt es denn genau?

Keines der europäischen Länder, von denen wir sichere Daten haben, kann sich aus eigener Kraft demographisch retten. Die Lösung des Problems kann einzig in kontrollierter Einwanderung liegen, doch gibt es für diese Einwanderung derzeit nicht genügend qualifizierte Interessenten. Es können nicht alle der 70 Nationen überleben, in denen weniger als 2 Kinder pro Frau geboren werden. Das schaffen, wenn es gut kommt, vielleicht 20. 50 müssen also implodieren.

Mit Verlaub, das klingt nach demographischer Endzeitstimmung.

Nein, überhaupt nicht. Wir können ja im Kleinen bereits beobachten, was uns im Grossen bevorsteht. Schauen Sie sich die Konkurrenz zwischen Kleinstädten in Mecklenburg oder Brandenburg an. Dort werden in vier von fünf Kleinstädten die sehr teuren Infrastruktureinrichtungen geschlossen, weil die Steuermittel hierfür schlicht nicht mehr eingetrieben werden können: die Feuerwehr, die Post, das Krankenhaus, der Kindergarten. In einer fünften Kleinstadt dürfen diese Einrichtungen noch ein wenig leben, für vielleicht noch einmal zehn bis fünfzehn Jahre. Dann ist auch diese am Ende, denn mehr Babys gibt es dort auch nicht. Der Kampf darum, wer als fünfte Stadt oder als fünftes Dorf überlebt, wird global zwischen 70 Nationen ausgetragen. Es ist zweifelhaft, ob Deutschland dazugehören wird.

Noch vor zehn Jahren war die Rede von Bevölkerungsexplosion. Was ist daraus geworden?

Sie existiert andernorts. Indien wird zwischen 2010 und 2020 rund 120 Millionen neue Arbeitskräfte haben – das ist mehr, als Indien daheim absorbieren kann, weil diese Nachkommen aus einer Generation stammen, in der indische Frauen im Schnitt noch 3 bis 4 Kinder gebaren. Solange Indien also zuviele Nachkommen produziert und wir zuwenige, ergibt sich ein interessantes demographisches Zukunftsmodell: Geber- und Nehmernationen helfen einander, indem sie ihren Bedarf an Nachkommen abgleichen. Da aber auch Indien heute auf 2,6 Kinder pro Frau herunter ist, schliesst sich dieses Fenster in zwanzig Jahren.

Dann ist ja erst mal alles gut, das Demographieproblem westlicher Staaten gelöst.

Leider nicht. Diese vielleicht 50 Millionen, die etwa Indien bis 2020 abgeben kann, streben vornehmlich in Länder, die Englisch sprechen. Nehmen wir an, dass ein gutqualifizierter Inder ein Angebot aus Toronto und eines aus Hamburg vorliegen hat – beides interessante Städte. Wenn er sich entscheiden soll, stellt sich für ihn zunächst die Frage nach der Sprache – Toronto bietet ihm hier das ideale englischsprechende Arbeitsumfeld, das er von Indien her kennt. Dann kommt die zweite Überlegung: Wo kann er sich als zwanzig- bis dreissigjähriger Mensch noch eine Altersversicherung in der neuen Heimat aufbauen? Der Hamburger Bürgermeister ruft ihm zu: «Komm zu uns! Aber von 100 Verdienst behältst du nur 45 in…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»