Wir werden regiert von Undankbaren
Verantwortung und Demut sind essenziell für die Gesellschaft. Doch in der Politik sind Groll und Ressentiments die stärkste Währung.
«Kinder an die Macht!», sang Herbert Grönemeyer 1986. Das ist keine gute Idee. Kinder sind zwar etwas unglaublich Schönes. Aber sie sind auch abhängig, egoistisch und undankbar.
Evolutionsbiologisch macht das durchaus Sinn. Kinder, die nicht schreien, quengeln und anderen das Essen wegnehmen, haben in der Menschheitsgeschichte nicht lange überlebt. Dagegen bringen Verantwortungsbewusstsein, Demut, Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft keinen unmittelbaren Selektionsvorteil. Und doch sind sie essenziell für das Funktionieren einer Gesellschaft.
Erwachsen zu werden, bedeutet, selbstständig zu werden, zu lernen, Rücksicht auf andere zu nehmen und ihnen mit Anstand zu begegnen. All das kommt nicht von allein.
Auch Dankbarkeit muss erlernt und gelehrt werden. Doch sie ist keine Einbahnstrasse: Leute, die sich in Dankbarkeit üben, haben seltener Depressionen, weniger Herzkrankheiten und schlafen besser.
Jagd auf Sündenböcke
Politisch zahlt sich Dankbarkeit hingegen nicht aus. Im Gegenteil. Die stärkste Währung im politischen Wettbewerb sind Groll und Ressentiments: gegen Reiche, Ausländer, Männer, Feministinnen, Hauseigentümer oder Autofahrer.
- Zohran Mamdani gewann in New York kürzlich die Wahl zum Bürgermeister mit einem Programm, das vor allem hochgebildete Junge anspricht, die das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. Er präsentiert ihnen passende Sündenböcke – Supermarktketten, Hauseigentümer oder Konzernchefs – und tröstet sie mit Goodies wie Gratis-ÖV oder Mietendeckel. Zur Erinnerung: Mamdani ist Spross einer wohlsituierten Familie aus Uganda und wurde 2018 in den USA eingebürgert. Er bedankte sich bei seinem neuen Heimatland, indem er kurz darauf forderte, Statuen abzureissen und der Polizei die finanziellen Mittel zu streichen.
- Groll ist allerdings kein Monopol der Linken: Das Programm von Donald Trump funktioniert ähnlich – bloss, dass bei ihm die Sündenböcke die Chinesen, Immigranten und Pharmaunternehmen sind. Zur Erinnerung: Trump ist Sohn eines millionenschweren Immobilienunternehmers, fühlte sich aber sein ganzes Leben lang ungerecht behandelt und von dem ihm zustehenden Status ausgeschlossen. So viel zum Thema Dankbarkeit.
- In der Schweiz bedienen Linke und Rechte ebenfalls Ressentiments. Für die teuren Wohnungen werden wahlweise gierige Hauseigentümer oder Zuwanderer verantwortlich gemacht. Dass es für Landbesitzer absurd schwierig geworden ist, neuen Wohnraum zu schaffen, kehren beide Seiten unter den Teppich – sonst müssten sie nämlich sich selbst und ihre Regulierungswut an der Nase nehmen.
- Auch das derzeitige Ringen um das Entlastungspaket für den Bundeshaushalt ist ein unwürdiges Schauspiel. Eigentlich ist die Sache denkbar einfach: Der Staat kann auf die Dauer nicht mehr ausgeben als einnehmen (ausser er verschiebt das Problem in die Zukunft in Form höherer Schulden und/oder Inflation). Deswegen hat das Volk 2003 die Schuldenbremse in der Verfassung verankert. Nun zeichnet sich allerdings immer deutlicher ab, dass nicht genug Geld da ist, um die exponentiell wachsenden Ansprüche zu befriedigen. Das vom Bundesrat geschnürte Entlastungspaket löste bei Mitte-links dennoch Empörung über ein angebliches «Abbauprogramm» aus – obwohl gar nichts abgebaut, sondern lediglich das Wachstum der Ausgaben etwas gebremst würde. Doch selbst das ist für die Politiker im Bundeshaus offensichtlich nicht zumutbar. Somit läuft es wohl auf eine Aushebelung der Schuldenbremse oder höhere Steuern hinaus.
Die westlichen Demokratien werden offenbar regiert von Erwachsenen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes kindisch aufführen: Sie sind unselbstständig, selbstgerecht und undankbar. Weihnachten ist die Zeit der Dankbarkeit. Vielleicht eine gute Gelegenheit, die kindische Attitüde abzulegen und Verantwortung zu übernehmen.
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