«Unser Herz schlägt im Kanton Schwyz»

Warum ist der Leader unter den Seilbahnherstellern in Goldau zu Hause? Warum ist die Schweiz der richtige Standort – trotz Frankenstärke und Reglementsdichte? Und: findet man hier genug Spezialisten? Der Chef der Seilbahnherstellerin Garaventa gibt Antworten.

Schweizer Monat: Wenn wir uns durch die Projekte Ihrer Firma durchlesen, kommen wir zum Schluss: Die Bergbahnen gelangen wie die klassischen Zivilisationsfolger aus den Bergen in die Stadt. Ist das neu?

Istvan Szalai: Das ist nicht korrekt. Sie waren schon lange in der Stadt, wurden aber nicht mehr wahrgenommen. Jetzt kehren Seilbahnen als Verkehrsmöglichkeit zurück.

Ist das ein neues Feld für die Doppelmayr/Garaventa-Gruppe?

Es ist in unserer Gruppensicht ein wichtiges Thema. Aber es braucht ziemlich Zeit, weil die Entscheidungen politisch geprägt sind. Wir sehen hier Chancen für Seilbahnen, die wir vor ein paar Jahren nicht sahen. Städteentwicklungen in wachsenden Märkten müssen schnell über die Bühne gehen – da bewähren sich Seilbahnlösungen sehr.

Wird sich die Seilbahntechnologie in der Stadt durchsetzen?

Wir werden mit ihr einen gewissen Marktanteil erwirtschaften können. Aber sie wird nicht dominant, denn sie kennt Grenzen. Ab einer bestimmten Distanz zum Beispiel sind andere Fortbewegungsmittel konkurrenzfähiger. Wer aber eine Stadt schnell wachsen lassen will, schätzt die Seilbahntechnologie. In La Paz in Bolivien hat die Gruppe inzwischen drei Linien in Betrieb genommen, weitere kommen in den nächsten vier Jahren dazu. Da geht es schnell vorwärts, weil die Staatsregierung dies in ihrem Masterplan für die Hauptstadt so vorsieht.

Sie wirken seit einer Fusion im Jahr 2002 in einer Gruppe zusammen mit der österreichischen Firma Doppelmayr. Wie muss man sich eine Arbeitsteilung zwischen Ihnen gerade am Beispiel La Paz vorstellen?

Doppelmayr/Garaventa arbeitet seit der Fusion mit zwei Kompetenzzentren. Das eine für Pendel- und Standseilbahnen ist bei Garaventa, das andere für Umlaufbahnen ist bei Doppelmayr. Die beiden Zentren tragen die Verantwortung für die Entwicklung von Seilbahnsystemen. In der Gruppe haben wir die Länderhoheiten beibehalten. Das bedeutet, dass wir für den ganzen Markt Schweiz zuständig sind. Wir bauen deshalb auch alle Umlauf- und Sesselbahnen in der Schweiz. Dabei greifen wir auf Produkte oder Entwicklungen unserer Konzernschwester zurück.

Wie gross ist Ihr Markt Schweiz?

In den letzten Jahren ist er nicht gewachsen und liegt bei rund 100 bis 120 Millionen Franken pro Jahr. Die Schwankungen sind enorm und lassen sich durch Grossprojekte erklären. Das 3S-Projekt in Grindelwald ist ein Beispiel oder das 3S in Zermatt. Projekte dieser Art machen schnell einmal dreissig Millionen Franken zusätzlich aus.

Wie viel Umsatzanteil machen Sie in der Schweiz?

Ungefähr die Hälfte des Umsatzes. Die Auslandanteile schwanken zwischen 40 und 55 Prozent. In La Paz in Bolivien ist unsere Schwesterunternehmung Doppelmayr führend. Wir sind unterstützend tätig und helfen bei der Montage und insbesondere beim Seilzug. Wir mussten dabei die Seile mitten durch die Stadt ziehen. Dies haben wir ausgeführt, auch weil wir die nötigen Werkzeuge dafür besitzen.

Sie haben vom Tempo in Bolivien gesprochen. In Europa ist es wohl tiefer, sind die demokratischen Spielregeln anders.

Das ist so. Aber eines bleibt dasselbe. Das gesellschaftliche Streben nach null Risiko. Eine unserer Haupttätigkeiten ist deshalb heute das Erbringen von Nachweisen. Wenn wir für ein einfaches Projekt 1200 Ingenieurstunden einsetzen, so müssen wir alleine für die Nachweise mit 400 Stunden rechnen. Tendenz steigend.

Ärgert Sie das?

Es ist eine Tatsache. Die Gesellschaft setzt voraus, dass niemandem etwas passiert, der unsere Anlagen benutzt. Die Behördenstellen regeln das rigide. Das führt zu einer Absicherungsmentalität, die geprägt ist durch Dokumentationen, Nachweise, Eventualitätsausschlüsse, Papiere noch und noch. Das Erstellen von Betriebs- und Wartungsanleitungen ist dabei besonders herausfordernd. Als ich vor etwas mehr als zwanzig Jahren die ersten schrieb, nahm das ungefähr eine Woche oder vierzig Stunden in Anspruch. Heute braucht man für dasselbe Dokument bis zu 600 Stunden. Man stelle sich das vor. Für die Regelung des Betriebs und der Wartung einer Pendelbahn. Bei uns sind alleine in der technischen Dokumentation inzwischen vier Personen tätig.