Von Adam & Eva zu Fannie & Freddie

Erst gingen die Banken pleite. Nun sind es ganze Staaten. Wie kam es dazu? Der tschechische Topökonom Tomáš Sedláček hat statt mathematischer Modelle die Menschheitsgeschichte studiert. Er weiss: sogar die biblische «Urschuld des Menschen» sagt über die gegenwärtige Krise mehr aus als das Bruttoinlandsprodukt.

Von Adam & Eva zu Fannie & Freddie

Er erscheint gute zwanzig Minuten zu spät, mit hochrotem Kopf. Sich mehrfach entschuldigend, fällt er dann in den weichen Ledersessel uns gegenüber – und reibt sich die geröteten Augen. «Es war spät, gestern. Und noch später gab es einfach keinen Gin mehr.» Tomáš Sedláček ist, auch wenn man es ihm gerade nicht ansieht, ein Shootingstar der zeitgenössischen Ökonomie. Der Tscheche konterkariert dabei jedes Ökonomen-Klischee: Er ist kein Freund des Finanzlifestyles, statt im Anzug taucht er deshalb in Jeans und Knuddelhemd auf. Seine Lockenpracht scheint eher auf ein Heavy Metalkonzert zu passen als aufs WEF. Trotzdem ist er an Wirtschaftskongressen ein umworbener Gast. Was er dort sagt? Sedláček beugt sich vor, lächelt uns mit müden Augen an. «Ich sage ihnen: ihr habt euch verrannt, Freunde. Und zwar mächtig.»

 

Herr Sedláček, Sie werden in der Publizistik als «junger Wilder» gehandelt, der in den von Paul Samuelson sehr mathematisch geprägten Wirtschaftswissenschaften neue Wege geht. Wie sehen Sie sich?

Ich bin nicht revolutionär. Ganz einfach, weil ich es nicht auf eine ökonomische Revolution anlege. Der Begriff ist irreführend…

…können Sie sich mit dem Titel des Reformers anfreunden?

Viel eher! Denn: es war leider in den letzten Jahrzehnten nicht besonders populär, aus historischen Quellen und Geschichten auf die Bewältigung aktueller ökonomischer Probleme zu schliessen, obwohl diese Art der Untersuchung des menschlichen Handelns eigentlich ein Kern ökonomischer Wissenschaft sein sollte. Mein Ansatz unterscheidet sich von der Herangehensweise vieler Gegenwartsökonomen durch die Abwesenheit von Zahlen, Modellen und darauf aufbauenden Theorien.

Was haben Sie gegen Modelle?

Ganz einfach: das Modell ist das eine, die Wirklichkeit das andere. Der Ansatz, alles zu rationalisieren und zu verkürzen, hat sich spätestens mit unserer gegenwärtigen Dauerkrise als falsch herausgestellt. Die allermeisten Menschen und Ökonomen gehen heute
davon aus, dass sie die Welt besser verstehen als die Menschen in den letzten Jahrtausenden unserer Geschichte. Das ist purer Grössenwahn. Wir glauben heute alle an technologischen Fortschritt, an Wachstum und an permanente Rationalisierung, ohne dass wir die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien wirklich verstünden. Man könnte auch sagen: Wir haben uns die Skepsis erfolgreich
abtrainiert. Unsere Nachfahren werden einmal sagen: Das waren grössenwahnsinnige Möchtegernweltenerklärer, diese Leute um die Jahrtausendwende.

Sympathisch, aber der Vorwurf liegt nahe: alle Problemfelder der gegenwärtigen Ökonomie –  von Überschuldungsproblemen der westlichen Industriestaaten über die Bankenkrise bis zu mass­losen Aktienhändlern – existierten zu Pontius Pilatusʼ Zeiten nicht.

Gegenbeweis. Ich zitiere Jesus Christus: «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» «Schuld» hatte jenseits des heutigen Finanzsprechs einmal eine religiöse Konnotation: «Schuld» war gleichbedeutend mit «Sünde». Im Griechischen, im Lateinischen und im Aramäischen sind die Worte hierfür dieselben – Schulden sind also etwas Schlechtes…

Sicher. Aber die biblischen Moralvorstellungen sind für die meisten unserer Zeitgenossen nicht mehr massgebend – da müssen Sie sich als echter Reformator schon etwas Besseres einfallen lassen.

Ich bin noch nicht fertig: Nehmen Sie nun einmal die «Financial Times» hervor und ersetzen «Schulden» durch «Schuld». Sie erhalten einen Gospelsong! Denn was Jesus Christus seinen Jüngern beibrachte, das tun gegenwärtig auch die Banken: Sie reichen die Schulden an die nächsthöhere Instanz weiter, also nicht an Gott, sondern an die Staaten, die Staatenbünde oder die Weltbank. Auf dass sie alle den Griechen und Spaniern die Schuld erlassen, denn sie sind nicht mehr Herr ihrer Schulden – die Schulden sind Herren über sie. Religion und Ökonomie gleichen sich also insofern, als es einen Heiland geben muss, der uns aus unserer angeborenen Sünde oder Schuld heraus retten muss. So weit klar?

Ja. Das muss ein starker Heiland sein, mit einem starken Kreuz.

Richtig. Und nun das grosse Problem an dieser Parallelität: Gott ist allmächtig, die Staaten…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»