Thomas Sevcik, zvg.

The End of…
Problemschweiz

Die Schweiz hat jahrelang darunter gelitten, dass ihr qualitativer Vorsprung in den starren und ungenauen quantitativen Messsystemen und Ranglisten (etwa dem Bruttoinlandsprodukt, dem Bildungsstand etc.) nicht richtig sichtbar wurde. Im Gegenteil wurde die Schweiz von der OECD etwa wegen ihrer niedrigen Maturanden- und Akademikerquote getadelt. Einige Jahre lang sah Irland auf dem Papier gar reicher aus als die Schweiz. Wer jemals in Irland war, weiss, wie absurd das ist.

Doch das hat sich nun geändert. Die Schweiz eilt allen davon. In einer Grafik der «Financial Times» neulich über verfügbare Einkommen in ­verschiedenen sozioökonomischen Klassen (von Arm bis Reich) war die Schweiz einsamer Spitzenreiter (ausser bei den Superreichen: Da sind die USA auch noch dabei). Der Ginikoeffizient ist stabil und zeigt keine ­beunruhigende ökonomische Ungleichheit. In etwa der gleichen Woche kam die UNO mit der Nachricht heraus, dass die Schweiz nun das Land mit der höchsten menschlichen Entwicklung sei. Und alle wollen das duale Ausbildungsmodell der Schweiz mit Berufslehre und flexiblem Zugang zu Fachhochschulen kopieren.

Die Problemschweiz scheint weit weg zu sein. Das ist in der Tat auch so. Zwar muss das Land aufpassen, dass die Staatsquote nicht immer weiter steigt, und sollte nun die vielen staatsnahen Firmen und die Neigung zum Protektionismus wieder in die Schranken weisen. Auch sind Rentensystem und Gesundheitswesen nach wie vor reformbedürftig. Eine gewisse Wohlstandsdekadenz ist klar sichtbar. Doch die Schweiz hat bewiesen, dass ihr politisches System und ihr Wertschöpfungsmodell als Mix aus Laisser-faire und funktionierenden staatlichen (!) Institutionen und Infrastrukturen von Volksschule bis SBB einfach gut sind. Und das beileibe nicht in einem ­Mikrokleinstaat, sondern in einer global orientierten Top-20-Volkswirtschaft mit bald 10 Millionen Einwohnern, heftiger Urbanisierung und einem ­Migrationsanteil, der um ein Vielfaches höher ist als in fast allen anderen Ländern.

Die Welt sollte mehr von der Schweiz lernen. Das ist kein Witz und kein Grössenwahn, sondern eine trockene Analyse, die immer mehr Menschen teilen. Felix Helvetia!

«Kurvt unentwegt jenseits
der Staatsgläubigkeit.»
Beat Kappeler, Ökonom und Publizist,
über den «Schweizer Monat»