Editorial

 

«Depressive Hypochonder auf dem Weg zum Augenarzt
Stossen sich den Fuss und denken gleich:
Das war’s, das war’s, das war’s.» 

Funny van Dannen, «Depressive Hypochonder» (1995)

 

Auch in Ihrer Schulklasse gab es so ein Kind, Sie erinnern sich, vielleicht waren Sie es sogar selbst: dicke Brille, immer etwas bleich, ziemlich träge und äusserst vorsichtig bei jeglichen Aktivitäten. Erhielt es im Sportunterricht einen Stoss, sass es bis zum Ende der Stunde am Rand und verzog das Gesicht. Erlitt es gar eine kleine Schramme und ein Tropfen Blut war zu sehen, schrie es nach einem Arzt – eine lebensbedrohliche Blutvergiftung drohte. Die Mutter: überfürsorglich. Der Vater: ein Schweiger.

Dieses ängstliche Kind ist heute zu unserer Gesellschaft geworden, und die Mutter zum überfürsorglichen Staatswesen, das glaubt, uns vor jeglichen Problemen im Leben bewahren zu müssen – auf unsere Kosten selbstverständlich. Schauen Sie sich um, die Angstgesellschaft ist real: Menschen zucken zusammen, wenn man ihnen etwas näherkommt oder auch nur hustet. Manche hat man seit Monaten nicht mehr gesehen, weil sie Angst haben, das Haus zu verlassen.

Die Anbetung des Gotts der vollumfänglichen Sicherheit fordert ihren Tribut vom einzelnen: Jeden Tag muss er ein Stück Freiheit, Verantwortung oder Eigentum abgeben – und erhält im Gegenzug ein klein wenig mehr tatsächliche oder vermeintliche Sicherheit oder etwas Wohlgefühl. Der Sicherheitswahn ist, neben der immer rascher voranschreitenden technologischen Entwicklung, die prägendste Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

Doch das Streben nach Gewissheit und Kontrolle ist eine Illusion: Gutes, Tragfähiges, Langlebiges ergibt sich in der spontanen Ordnung, wie sie in einer freien Zusammenarbeit entsteht. Wer glaubt, naturgesetzlich Unkontrollierbares vollumfänglich unter Kontrolle bringen zu können, überschätzt sich selbst und wird zwangsläufig irgendwann scheitern – umso härter, je länger der Kontrollversuch anhält. Der Tag der Wahrheit bringt dann den Konflikt, den man so lange aussitzen konnte, ans Licht: Die Insolvenz der Firma, die schon lange nicht mehr lebensfähig ist. Die Rezession, die man so lange hin­ausgezögert hat. Der Kollaps des Rentensystems, das man zu reformieren sich gescheut hat. Die Entwertung des Geldes, dessen Menge man immer weiter aufgebläht hat.

Wenn die Ordnung kollabiert, werden die sich heute überfürsorglich zeigenden Verantwortlichen in den Regierungsämtern abtauchen und verschwinden, so wie am 10. August im Libanon – und das ängstliche Kind wird auf sich alleine gestellt sein. Zeit, dass es Mut findet und Verantwortung wahrnimmt. So wie es in einer freien, demokratischen Gesellschaft vorgesehen ist.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»