Spielräume

Erika Rohrer, Pflegedirektorin

Die Frau, die mir gegenübersitzt, mit wachem, intelligentem Blick, hat einen der wichtigsten und anspruchsvollsten Jobs, die es in Spitälern gibt – oder überhaupt in modernen, komplexen Unternehmen: Erika Rohrer ist Pflegedirektorin und damit unter anderem verantwortlich für die sogenannte Patientendisposition. Sie sorgt dafür, dass Operationssäle, Zimmer und Betten im genau richtigen Mass ausgelastet sind. Leer genug, um für Notfälle und Überraschungen gerüstet zu sein, aber auch voll genug, um kein Geld zu verlieren. «Wir machen eine Triage», sagt Rohrer. «Und das oberste Prinzip ist die Dringlichkeit.» Jeder Patient, der dringend medizinische Hilfe braucht, der einen Herzinfarkt hatte oder einen Hirnschlag, soll diese Hilfe sofort bekommen. Das ist das Wichtigste. Erst danach zählen andere Kriterien, der Versicherungsstatus etwa oder die Auslastung von spezialisierten Operateuren. «Was wir tun, hat eine gesellschaftliche Bedeutung», sagt die Pflegedirektorin.

Erika Rohrer hat vor 16 Jahren als Pflegefachfrau in der Klinik St. Anna begonnen, stieg auf zur Stationsleiterin und schliesslich in die Geschäftsleitung. Noch immer arbeitet sie monatlich selber in der Pflege mit. Wenn sie von ihren Aufgaben spricht, sagt sie nicht «ich», sondern «mein Team und ich». Ihre Erfahrung, sagt sie, sei essenziell: «Ich weiss, was die Arbeit auf der Station bedeutet.» Ohne menschliches Augenmass kommt eine Patientenplanung auch dann nicht aus, wenn Big Data noch mehr Effizienz ermöglicht, ist Rohrer überzeugt. Die Grundsätze könne man in einen Algorithmus einspeisen – doch letztlich blieben jeder Patient und jede Situation einzigartig. «Wir werden immer Ermessensspielraum brauchen.»


Olivia Kühni
ist stv. Chefredaktorin des «Schweizer Monats».

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