Ohne Freiheit kein Fortschritt
Freiheit bezeichnet für viele einen wünschenswerten Zustand, in dem weder Willkür noch blinde Zufälle herrschen. Wer frei ist, kann sich frei entscheiden, muss aber die Folgen jedes Entscheids zumindest teilweise selbst tragen. Das ist der Preis der Freiheit.
Der Begriff Freiheit wird nicht nur im Zusammenhang mit mündigen Individuen verwendet, sondern auch im Zusammenhang mit menschlichen Gemeinschaften. Dort bedeutet er Selbstbestimmung im Gegensatz zu Fremdbestimmung, aber wie das jeweilige «Selbst» seinerseits bestimmt wird, bleibt offen. Wirtschaftliche, politische und soziokulturelle Beziehungsnetze haben diesbezüglich unterschiedliche und konkurrierende Bestimmungsgrundlagen, und die Grundfrage, ob es sich um eine «Freiheit von etwas» (negative Freiheit) oder um eine «Freiheit zu etwas» (positive Freiheit) handelt, wird nicht beantwortet. Dass die beiden in der politischen Theorie verwendeten Adjektive «negativ» und «positiv» eine Bevorzugung der «Freiheit zu etwas» suggerieren, irritiert jeden Freiheitsfreund, der konsequent auf die «negative Freiheit» setzt, denn ein beherztes Nein zur Fremdbestimmung generiert mehr echte Freiheit als ein Ja zu verlockenden Zielbestimmungen, an die man dann seine Freiheit bindet.
Was hat dies nun mit Fortschritt zu tun? Ohne menschliche Freiheit im Sinn von «Spielräumen» gäbe es überhaupt keine von Menschen bestimmte Entwicklung, weder zum Besseren noch zum Schlechteren.
Europa kann nur mit grossen Vorbehalten als «Kontinent der Freiheit» und des «Fortschritts durch Freiheit» bezeichnet werden. Das Wesensmerkmal dieses Kontinents ist die Vielfalt, aufgrund der im Lauf der Geschichte politische Machthaber Freiheiten eingeschränkt haben, und die Vielfalt, mit der sich die Betroffenen – mehr oder weniger erfolgreich – dagegen wehrten und immer noch wehren. In Europa wurden in diesem Prozess wesentliche Elemente der Freiheitsidee entdeckt, erarbeitet und erprobt, und dies blieb nicht ohne positiven Einfluss auf die technische Zivilisation und die globale Entwicklung der Menschheit.
«Fortschritt» ist stets kontrovers beurteilt worden. Es gab Fortschrittsgläubige, Fortschrittsskeptiker und Anhänger eines ambivalenten Mittelweges, die etwa in technischer Hinsicht Fortschritte feststellten, jedoch in sittlich-moralischer Hinsicht Rückschritte.
Der wichtigste Motor zumindest des technisch-wirtschaftlichen Fortschritts ist die Knappheit, nicht die Freiheit. Aber man kann mit Knappheiten freiheitlich umgehen oder hoheitlich, und der freiheitlich- ökonomische Umgang mit Knappheit ist erfahrungsgemäss effizienter als der hoheitlich-politische.
Der Mensch wurde mit guten Gründen als «Mängelwesen» definiert. Knappheit ist das lebensbestimmende Element, und die politisch-ökonomische Verheissung einer definitiven «Fülle für alle» ist eine gefährliche Illusion, die von «Sozialisten aller Parteien» immer wieder propagiert wird
Dass Knappheit und Mangel als Promotoren jedes Fortschritts zu gelten haben, ist zunächst keine «frohe Botschaft». Schafft denn nur die Not die Tugend, und gibt es nach der erhofften Überwindung von Not keinen Fortschritt mehr? Tugend ist sprachgeschichtlich verwandt mit «taugen», und sie ist letztlich das, was in der Realität «taugt». Ist eine Gesellschaft, in welcher Charles Darwins «survival of the fittest» im Mittelpunkt steht, nicht in der Lage, gleichzeitig mit dem Wohlstand auch die moralische Regung der Sympathie zu vermehren? Die vulgäre und polemische Deutung von Marktwirtschaft und Wettbewerb führt zu einem grundlegenden Missverständnis der Evolutionstheorie. «The fittest» ist der am besten Passende, das heisst der optimal Angepasste und allgemein Akzeptierte, und das kann nie der Brutalste sein. Fitwerden heisst lebenslänglich lernen können. Der Mächtige ist nicht «fit», denn Macht ist nach der Definition des Politologen Karl W. Deutsch «die Fähigkeit, nicht lernen zu müssen».
Adam Smith hat den Zusammenhang von moralischem Fortschritt und wirtschaftlichem Erfolg in seinen beiden Werken «The Theory of Moral Sentiments» und «The Wealth of Nations» bejaht und seine «unsichtbare Hand» sowohl als Movens der Wohlstandsmehrung wie auch als Agens der moralischen Verbesserung des Menschengeschlechts gedeutet. Möglicherweise war er zu optimistisch und – aus heutiger Sicht – zu fortschrittsgläubig. Ein herzloser amoralischer Materialist, für den der rein monetäre Profit zum allgemeingültigen Mass des menschlichen Wohlbefindens wird, war er jedenfalls nicht.
Die Frage, was Fortschritt bedeutet und ob es so etwas wie Fortschritt überhaupt gibt, kann generell und losgelöst von Menschenbildern und Geschichtsbildern gar nicht abschliessend beantwortet werden. Selbst die Einschränkung auf den materiellen, technisch- wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt hilft nicht weiter, weil er die entscheidende Frage nach dem subtilen Zusammenhang mit einem moralischen Fortschritt offenlässt, eine Frage, die schon Rousseau aufgeworfen und negativ beantwortet hat. Ist der Mensch ein moralisch neutrales, biologisches Wesen, ist er von Grund auf gut oder schlecht oder gemischt, bald Engel, bald Teufel, ist er erlöst oder verdammt, ist er frei und verantwortlich oder genetisch programmiert, triebgesteuert und führungsbedürftig, oder ist er eine bunte Mischung, bei der sich von Fall zu Fall andere Schlüsse ziehen lassen? Ist der Mensch erziehbar, schwererziehbar oder hoffnungslos erziehungsresistent und damit fortschrittsunfähig? Gilt dies für jedes Individuum oder für Gruppen oder für das ganze Menschengeschlecht?
Ein relativer Fortschritt bei einzelnen Individuen und Gruppen ist immerhin oft objektiv feststellbar. Ein genereller Fortschritt der gesamten Menschheit ist fragwürdiger. Haben die beiden Fortschrittstypen – der individuelle und der kollektive – einen Zusammenhang, und kann eine grössere Zahl von fortschrittlichen Individuen einen dauerhaften, das Individuum überlebenden Fortschritt der Gesamtheit bewirken? Die Beantwortung solcher Grundsatzfragen hängt letztlich vom Welt- und Menschenbild ab. Sie ist eher eine Frage des Bekenntnisses als der Erkenntnis. In diesem Umfeld bestimmt das individuelle Bewusstsein das Sein.
Ob es einen Fortschritt gibt und was Fortschritt bedeutet, wirft neben der allgemeinen Frage nach dem Welt- und Menschenbild noch eine spezifischere Frage auf, die heute viele Menschen und auch viele Historiker relativ kalt lässt. Es ist die von Karl Jaspers in seinem Lebenswerk schon 1944 gestellte Frage nach dem «Ursprung und dem Ziel der Geschichte», und sie hängt sehr direkt mit dem Fortschrittsbegriff zusammen.
Wer die Geschichte aus der Sicht der Bibel mit der Schöpfung, dem Paradies, mit der unschuldigen Natur, aus der der Mensch nach dem Sündenfall vertrieben wurde, beginnen lässt und mit dem «Jüngsten Gericht», der Versöhnung von Gott, Mensch, Natur und Kultur, abschliesst, der wird das Problem des Fortschritts anders sehen als jemand, der mit dem von Ovid besungenen antiken Weltbild des schrittweisen Zerfalls von Zeitaltern vertraut ist. Und wer die Ankunft des Messias noch erwartet, wird ein anderes Fortschrittsbild entwerfen, als wer an die Erlösung durch den Opfertod und die Auferstehung des Erlösers als ein historisch fassbares Ereignis glaubt.
Wieder anders erlebt der fortschrittsgläubige Aufklärer die Geschichte, nämlich als eine kontinuierliche «Erziehung des Menschengeschlechts», das erfahrungsgemäss schwererziehbar, aber vielleicht doch nicht gänzlich erziehungsresistent ist. Neben dem Modell des Anfangs und Endes gibt es auch die zyklischen Theorien von der ewigen Wiederkehr gleicher Muster, von der durch Evolution und Zufall gesteuerten Natur. Beweisen lässt sich keine dieser Sichtweisen, aber der Mensch ist frei, sich für eine zu entscheiden.
Einen Fortschritt im eigenen Denken mögen wohl auch die konsequentesten Fortschrittsskeptiker nie ganz ausschliessen.