Herr Singer, die Wahrheit und der Klimawandel

Die Sonne – und nicht der Mensch – ist verantwortlich für den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur? Keineswegs, meint Andreas Fischlin. Auch ansonsten hält der ETH-Wissenschafter wenig von den Verlautbarungen vieler «Klimaskeptiker». Eine Replik.

Herr Singer, die Wahrheit und der Klimawandel

In einem einzigen Punkt gebe ich Herrn Singer voll und ganz recht: Ehrlichkeit und Redlichkeit sind die besten Mittel, um der Öffentlichkeit gegenüberzutreten. Als Wissenschaftler pflege ich mich deshalb auf inhaltlich-sachliche Argumente zu konzentrieren. Mit dieser Replik sehe ich mich aber gezwungen, von dieser Regel zum Teil abzuweichen. Ich schicke an dieser Stelle bereits voraus, dass Herr Singer erstens kein aktiver Klimaforscher ist und es, zweitens, gerade mit der «Ehrlichkeit und der Redlichkeit» nicht besonders genau nimmt. Drittens: Klimaforschung ist heute so breit, dass ein Einzelner nie in Allem Experte sein kann. Das trifft selbstredend auch auf mich zu und viele von Singer ins Feld geführte Themen fallen nicht in meine Kernkompetenz. Dennoch werde ich im Folgenden seinen zentralen Vorwürfen entgegentreten.

 

Die Hockeyschlägerkurve

Eine immer wieder von Singer vorgetragene Kritik am IPCC[1]-Bericht zielt auf die sogenannte Hockeyschlägerkurve[2]. Singer behauptet, die Hockeyschlägerkurve aus dem IPCC-Bericht von 2001 sei mittlerweile von Statistikern widerlegt worden. Das ist mir nicht bekannt, und ich zweifle, dass Herr Singer hierfür irgendeinen Beleg hat. Zwar trifft zu, dass methodisch-statistische Kritik an der Kurve geäussert wurde[3] und dass in der zugrundeliegenden wissenschaftlichen Arbeit[4] technische Fehler entdeckt wurden[5]. Was Singer aber verschweigt: den Kritikern sind in ihrer Analyse ebenfalls wissenschaftliche Fehler unterlaufen[6] und an der Hockeykurve waren bloss geringfügige Korrekturen erforderlich[7]. Die wesentlichen Erkenntnisse, die der Hockeystick illustriert, sind jedoch korrekt. Sie zeigen, dass erstens die schon vor zehn Jahren messbare Erwärmung sich deutlich aus dem Bereich der langfristigen natürlichen Schwankungen heraus bewegte, und zweitens, dass die heutigen Temperaturen diejenigen vergangener, warmer Epochen – auch die der mittelalterlichen Warmzeit, mit der Herr Singer gern argumentiert – übersteigen[8].

Zudem zielen Singers Vorwürfe am Wesentlichen vorbei: Fügt man (wie im vorletzten IPCC Bericht geschehen) die Temperaturen der letzten 1000 Jahre und die Projektionen für eine mögliche Erwärmung dieses Jahrhunderts aneinander, so ergibt sich nach wie vor ein Hockeystick. Ob der Stil am Hockeyschläger also etwas mehr oder weniger Krümmungen aufweist, ist letztlich irrelevant. Relevant ist hingegen, dass ohne wirksamen Klimaschutz die Spitze des Schlägers für das Jahr 2100 Temperaturen aufweist[9], die auf diesem Planeten letztmals vor 3 oder 40 Millionen Jahren herrschten! Und nicht ohne Folgen: Damals im Pliozän, vor 4 Millionen Jahren, war Grönland eisfrei und der Meeresspiegel lag 15 bis 25 Meter höher als heute.

 

Klimamodelle

Herr Singer behauptet, dass Klimamodelle als Mittel zur Abschätzung zukünftiger Temperaturen nichts taugten, da sie nicht genügend überprüft seien und nicht einmal vergangene Temperaturänderungen nachrechnen könnten. Beides sind unzutreffende Behauptungen: Klimamodelle basieren auf physikalischen Gesetzen, und ihre Berechnung hat eine lange Tradition. Sie wurden zunächst für die Wettervorhersage entwickelt, wo sie sich ständig, allerdings jeweils nur für wenige Tage, bewähren müssen. Klimamodelle sind ähnlich, aber man betreibt sie im Langzeitmodus. Nur so lassen sich Ausreisser durch zufällige Witterungsschwankungen ausgleichen und werden Klimatrends erkennbar. Der Betrieb dieser Modelle ist teuer: ein Lauf zur Berechnung von zwei Jahrhunderten mit einem modernen Klimamodell kostet beinahe eine halbe Million CHF. Trotzdem arbeiten Heere von Wissenschaftern mit grossem Aufwand an der Überprüfung und stetigen Verbesserung dieser Modelle. Sie machen auf den hierfür erforderlichen Hochleistungsrechnern so viele Läufe als möglich, und das sind Tausende. Die Ergebnisse werden immer besser und sind zufriedenstellend: Gemessene jahreszeitliche und regionale Muster, Schichtungsmuster bis hin zu vergangenen Klimaänderungen werden durch die Modelle gut wiedergegeben[10]. Zu behaupten, dass da gar keine Übereinstimmung mit Messwerten vorliege oder gar dass Überprüfungen unwillkommen wären, ist irreführend.

 

Beschleunigung des Klimawandels und der städtische Wärmeinseleffekt

Ja, der Klimawandel hat sich in der Tat in den letzten Jahrzehnten sehr wohl beschleunigt. Herr Singer unterstellt nun dem IPCC, die Daten der letzten 100 bis 200 Jahre nicht ausreichend…