Kaufen Sie afrikanisch!

Ein wirklich freiheitlicher Geist müsste eigentlich das Bleiberecht für alle mittragen.

Kaufen Sie afrikanisch!

 

Meldungen zu Bootsflüchtlingen und den damit einhergehenden Tragödien haben ein neues Hoch erreicht. Photos unterkühlter Afrikaner, von der italienischen Küstenwache aufgegriffen, sind in jeder Zeitung abgedruckt. Zu Tausenden warten junge Menschen, vor allem Männer, aus allen Ländern des afrikanischen Kontinents am Mittelmeer auf die Überfahrt. Millionen von Dollars fliessen an die Schlepper, die die Überfahrt organisieren. Während die Rechte in Europa auf dem Buckel der Flüchtlinge an Boden gewinnt und die radikale Linke das Bleiberecht für alle fordert, bleiben Liberale auffällig stumm. Wo bleiben ihre Vorschläge zum Umgang mit Bootsflüchtlingen? Geht es um das Rauchen, die Prostitution, den Euro oder das Bezahlen hoher Steuern, äussern sie sich gern laut und pointiert und vermitteln den Eindruck, das Leben wäre so einfach, wenn alle dächten wie sie. Doch angesichts der Heerscharen afrikanischer Wirtschaftsflüchtlinge verschlägt es auch dem libertärsten Europäer die Sprache.

Ein wirklich freiheitlicher Geist müsste eigentlich das Bleiberecht für alle mittragen. Hat nicht der neoliberale Prophet Milton Friedman das Gebot erlassen, dass jeder ins Land kommen und sein Glück versuchen darf, solange er den bereits Ansässigen – also dem Sozialstaat – nicht zur Last fällt?

Doch ohne Einkommen ist das Bleiberecht nutzlos. Auch mit legalem Aufenthaltsstatus sind afrikanische Bootsflüchtlinge während Jahren auf intensive private Hilfe oder ein staatlich finanziertes Integrationsprogramm angewiesen. Für die Wirtschaftsflüchtlinge, die kaum schreiben und lesen, die nicht multiplizieren und dividieren können, die an einem Tramfahrplan, einer Bedienungsanleitung, einem Vertrag, einem Ortsschild und jedem amtlichen Brief scheitern, gibt es in Europa keine Arbeitsplätze. Wenn man die Flüchtlinge gemäss Friedman legalisiert und dann sich selbst überlässt, müssen sie die Grenze zur Illegalität fast zwangsläufig gleich wieder überschreiten, um ein Einkommen zu erzielen.

Friedman lebte in einem anderen Zeitalter. In den 1960er Jahren galten die Länder Afrikas noch als Markt der Zukunft, das Pro-Kopf-Einkommen von Ländern wie Senegal oder Sambia lag nur leicht unter jenem von Spanien oder Portugal. Seither klafft die Einkommensschere auseinander. Das Einkommensverhältnis zwischen Malawi und der Schweiz beträgt heute 1:365, 1960 betrug es 1:38. Je grösser der Unterschied zum Herkunftsland, umso schwieriger für die Flüchtlinge, am neuen Ort auf eigenen Beinen zu stehen. Das Bleiberecht bietet auch keine Hilfe für jene Bootsmigranten, die im Mittelmeer ertrinken, in Libyen stranden oder bereits in Nigeria um 600 Dollar leichter von den Schleppern sitzengelassen werden. Es bekämpft auch nicht die Verschleuderung von jährlich Millionen von Dollars des ohnehin schon kläglichen afrikanischen Einkommens an eine monatelange Migrationsodyssee.

Konsumieren statt Lamentieren

Was ist denn nun die liberale Lösung für das Migrationsproblem? Der slowenische Marxist und linke Superstar Slavoj Žižek definierte den Neoliberalismus einmal so: «You are free to do anything as long as it involves shopping.» Nun denn! Kaufen Sie afrikanisch! Wenn Sie grundsätzlich bereit sind, von Linken und Netten als Kapitalist beschimpft zu werden, während Sie erfolgreich durchs Leben gehen, warum machen Sie bei Afrika eine Ausnahme?

Auf dem Schwarzen Kontinent lebt eine Milliarde Menschen. Der Anteil Afrikas am Welthandel beläuft sich aber gerade mal auf zwei Prozent. Viele afrikanische Länder verfügen über kein Exportprodukt, und auch die Exportprodukte der reichsten Staaten an der Westküste lassen sich an einer Hand abzählen. Entgegen den Schauermeldungen über die «chinesische Invasion» in Afrika ist Europa weiterhin der wichtigste Abnehmer für das jämmerlich kleine Output, das dieser Kontinent auf den Weltmarkt trägt. Die meisten Afrikaner haben nur die Landwirtschaft, mit der sie sich ein kleines Extra verdienen könnten. Doch da sind uns die eigenen Bauern näher. Seit Jahrzehnten fahren die EU und die USA lieber ein zigmilliardenschweres Agrarschutzprogramm, als Afrika ein bisschen Mais, Früchte oder Baumwolle abzukaufen. Europa möchte eigene Bauern, die Schweiz möchte sogar eigene Bergbauern, die USA hängen an ihren Baumwoll- und Maisfeldern im Süden.

Zu Schutzmauern aus Importzöllen, Kontingenten, Exportsubventionen, Produktsubventionen und Direktsubventionen gesellen sich seit den 1990er Jahren Hygienevorschriften, Qualitätsvorschriften, Sicherheitsvorschriften, Ursprungszertifikate, Transportbescheinigungen, Beschriftungen, Markierungen, Normierungen und bilaterale Handelsverträge oder Regelungen mit Dutzenden von Einzelstaaten. Für Afrikas krumme Gurken, magere Hühner, zu kleine Orangen, zu grosse Ananas, für all seine Waren, die ohne jegliche Bürokratie entstanden sind, hat Europa keine Verwendung. Stattdessen laden wir seit Jahrzehnten Tonnen von überschüssigen Agrarprodukten zu subventionierten Dumpingpreisen auf den Kontinent ab. Seit den 1960er Jahren sind deswegen viele afrikanische Länder von Agrarexporteuren zu Agrarimporteuren geworden.

Traurigerweise erfolgt die Ausgrenzung Afrikas aus dem Welthandel oftmals im Namen der Menschenrechte, des Umweltschutzes oder der Korruptionsbekämpfung. An den wenigen afrikanischen Produkten, die noch von den letzten Konzernen auf den Markt getragen werden, will sich kein westlicher Gutmensch die Finger verbrennen. Die öffentlich zelebrierte Ächtung der westlichen Rohstoffkonzerne steht in krassem Gegensatz zu all den ungenutzten Rohstoffvorkommen auf dem Kontinent und der überwältigenden Mehrheit der Firmen, die sich gegen Investitionen in Afrika entscheiden.

Trotz Strukturprogrammen und Förderzonen des Internationalen Währungsfonds scheuen westliche Firmen Investitionen in Afrika wie der Teufel das Weihwasser. Die Handelskammer Schweiz–Afrika rät kleinen und mittleren Unternehmen schlicht ab, überhaupt auf dem Schwarzen Kontinent zu investieren. Auch in den politisch stabilsten Staaten mit den tiefsten Korruptionsraten wie Ghana oder Botswana sind westliche Investitionen in Produktionsstätten oder Verarbeitungsbetriebe rar. Auch für multinationale Grosskonzerne, die das finanzielle Risiko stemmen könnten, ist Afrika aus rechtlichen Gründen eine Sperrzone geworden. Demnach ist eine Investition in Afrika ein solches Hochrisiko, dass sie als Spende verbucht werden sollte.

Investieren Sie in Tro-Tros, Tuk-Tuks und Fernbusse!

Suchen Sie eine liberale Antwort auf Bootsflüchtlinge? Schaffen Sie Arbeitsplätze in Afrika! Kaufen Sie afrikanisch! Kaufen Sie Afrikanern ihre Arbeitskraft, ihre Produkte und ihre Dienstleistungen ab! Starten Sie das Integrationsprogramm für Afrikaner, integrieren Sie Afrika in den Weltmarkt!

Treten Sie mit gewöhnlichen Afrikanern in eine Handelsbeziehung! Kaufen Sie Fussballclubs, Marathonteams und Modelagenturen! Investieren Sie in Tro-Tros, Tuk-Tuks, Taxiunternehmen und Fernbusse! Kaufen Sie stillgelegte Eisenbahnstrecken, Bahnhöfe, Flugplätze und Inseln! Geben Sie Kapital für Internet-Cafés, TV-Sender, Tankstellen, Schweinefarmen, Sägereien, Bierbrauereien, Schneckenzuchten, Schweineborstenfarmen, Naturkautschuk-Wälder! Machen Sie Urlaub in Afrika und lassen Sie Ihr Geld in Hotels, Restaurants, Strandbars, Festivals und Märkten liegen! Fliegen Sie ZanAir, Air Burkina, Ghana International Airlines, Air Namibia und mit Jubba Airways nach Somalia! Organisieren Sie dort für Ihren Murray-Rothbard-Lesezirkel eine Studienwoche! Beschäftigen Sie Führer, Musiker, Köche, Chauffeure, Photographen und Computerspezialisten! Schaffen Sie Nachfrage! Buchen Sie ein Transportschiff und exportieren Sie Yams, Kochbananen, Orangen, Mango, Erdnüsse, Baumwolle, Flip-Flops aus Autoreifen, Glasperlen, Kalebassen, Lederwaren und Holzmöbel! Erwerben Sie Telekomanteile, Antennen, Handyshops und Reparaturservicestellen! Kaufen Sie Aktien von sämtlichen Unternehmen, die in Afrika tätig sind! Werden Sie aktiv an den Börsen von Gaborone, Blantyre, Mbabane, Maputo oder Daressalam! Tauschen Sie Ihre ungeliebten Euros in Cedis, Pula, Kwanza, Nakfa, Birr, Dalasi und sonstige Währungen! Je schlechter Sie sich den Namen der Währung merken können, umso mehr hat sie die Nachfrage nötig! Verlangen Sie von Ihrem Vermögensverwalter, dass er Ihr Geld in Afrika investiert! Pumpen Sie all Ihr Geld in die afrikanische Wirtschaft! Das Risiko ist bodenlos, aber die Skalenerträge sind fantastisch! Ruhen Sie nicht, bis Sie von Mauretanien bis Swasiland, von Togo bis zum Südsudan einem afrikanischen Unternehmer ein Produkt abgekauft haben!

Suchen Sie afrikanische Fabriken! Laden Sie Container voll mit «Choco Delight», dem afrikanischen Nutella made in Ghana! Bestellen Sie die europäische Presse an den Zoll im Basler Rheinhafen, sprechen sie sich mit der Direktion der Art Basel ab! Erklären Sie Ihren Container voll «Choco Delight» zur Kunstaktion! Streichen Sie vor laufender Kamera Brötchen, diskutieren Sie mit den Zöllnern, die Sie nicht ins Land lassen werden, weil Ihnen Formulare fehlen, Hygienevorschriften nicht eingehalten wurden, weil die Packungen nicht korrekt angeschrieben sind und weil Sie Importzoll bezahlen müssten, weil das Produkt Milchbestandteile enthält! Erklären Sie der Presse, dass Sie Arbeitsplätze in Afrika schaffen und deshalb mit einem Container voll Ware in Europa gelandet sind! Im Gedenken an Christoph Schlingensief können Sie noch einen Container mit Flüchtlingen danebenstellen. Titel der Installation: Europa hat die Wahl.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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