Ein neues patriotisches Lied für die Schweiz

Ist die Zeit reif für eine neue Landeshymne? Oder zumindest ein neues patriotisches Lied? Um diese Fragen zu beantworten, holt sich Philosoph Elmar Holenstein Inspiration bei Bertolt Brecht.

Ein neues patriotisches Lied für die Schweiz
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Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft schrieb 2013 einen Wettbewerb für eine neue Landeshymne aus.1 Innerhalb eines Jahres wurden über 200 Bewerbungen eingereicht. Sechs der Eingaben sind Ende März 2015 zur landesweiten Diskussion veröffentlicht worden. Die in Umfragen oben aufschwingende Version soll, sobald sie in der Bevölkerung genügend verbreitet und beliebt ist, den Bundesbehörden als neue Landeshymne vorgeschlagen werden.

Zusammen mit den seit einiger Zeit sich neu ausbreitenden patriotischen Gefühlen scheinen Landeshymnen etwas zu sein, für das auch Kunstschaffende und Intellektuelle wieder Feuer fangen. Patriotische Gefühle, Gefühle der eigenen Familie und Verwandtschaft gegenüber und ebenso religiöse Gefühle sind bei aller Verschiedenheit mit erotischen Emotionen vergleichbar. Sie haben ihre Wurzeln, wenn auch nicht so sichtlich und direkt wie diese, in der menschlichen Natur. Für alle vier gilt, was für natürliche Anlagen insgesamt zutrifft: Sie sind (nicht ohne Ausnahmen) allen Menschen gemeinsam. Vor allem bedeuten sie nicht allen gleich viel und dasselbe. Die einen pflegen sie als etwas vom Schätzenswertesten in ihrem Leben, die Begabten unter ihnen auf kunstvolle Weise. Andere vermögen ihnen nur auf geschmacklose Art Ausdruck zu verschaffen und bestehen auf ihrem Recht dazu. So schwanken viele Menschen allen vier Gefühlstypen gegenüber zwischen Spott und Respekt, oft genug auch zwischen Abscheu und diskreter Ehrfurcht. Anlass haben sie zu beiden Einstellungen. Die zweite bedarf von Zeit zu Zeit der Auffrischung. So war die Ausschreibung des Wettbewerbs für eine neue Landeshymne grundsätzlich zu begrüssen. Wahrscheinlich wäre es aber besser gewesen, statt einen Wettbewerb für eine neue Landeshymne, einen solchen für neue patriotische Lieder zu veranstalten – mit der Hoffnung, eines könnte sich in nicht absehbarer Zeit als alternative Landeshymne anbieten.

Die Bedingungen der SGG für die Teilnahme waren überraschend restriktiv. Die bedenklichste Einschränkung war, dass die Hymne «Inhalt, Sinn und Geist der Präambel der Bundesverfassung» wiederzugeben habe. Die Präambel der Verfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft steht gewiss auf ansprechende Weise für universale Werte, die zugleich als schweizerische empfunden werden. Sie ist, wie das für Verfassungspräambeln die Regel ist, jedoch ein gravitätischer Text. Er mag an ernsten Anlässen rezitiert werden; an internationalen Sportanlässen wäre seine Wortwahl aber wohl fehl am Platz. Die Anführung der Präambelwerte wirkt in einer von Sportlern und Sportlerinnen gesungenen Landeshymne leicht prätentiös und belehrend. Wie die Hymne gesungen wird, ist, vom Fernsehen rund um den Globus übertragen, für weit mehr Menschen nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar als bei allen anderen Anlässen (patriotischen Feiern, militärischen Treuegelöbnissen, Staatsempfängen), an denen sie ertönt, zusammengenommen. Die Hymne des eigenen Landes würde man gerne mit einem beschwingenden Text und einer ebenso beschwingenden Melodie vernehmen. So könnten die Athleten und Athletinnen sie auch so beschwingt und dazu glaubwürdig singen, wie man das von Angehörigen mancher anderer Nationen zu hören und zu sehen bekommt.

Eine zweite Bedingung für die Wettbewerbsteilnahme war, dass der Text «weltweit unveröffentlicht» ist. «Die melodische Linie» der heutigen Landeshymne sollte dagegen «vom Grundsatz her in der neuen Hymne beibehalten werden». Zu dieser dritten Bedingung hat man die Sportler und Sportlerinnen nicht konsultiert. Dabei ist man immer wieder enttäuscht, dass sie bei internationalen Anlässen die jetzige Hymne nicht oder nur zaghaft mitsingen. Schuld daran ist ihre Melodie mindestens so sehr wie ihr Wortlaut.2 Schliesslich waren Wettbewerbsteilnehmende ohne Schweizer Bürgerrecht aufgefordert, ihre spezifischen Beweggründe im Motivationsschreiben mitzuteilen. In den folgenden Ausführungen nehme ich auf diese vier Bedingungen direkt oder indirekt Bezug. Genauer: Ich gehe auf Abstand zu ihnen.

Der Text, den ich als ein neues Landeslied neben andern solchen Liedern vorschlage, erfüllte die Wettbewerbsbedingungen offenkundig nicht. Ich reichte ihn darum nicht ein. Ich meine auch nicht, dass er eine Chance hat, hors concours zur offiziellen Landeshymne erkoren zu werden. Das Haupthindernis sei, wie ich alsbald zu hören bekam, der Verfasser des Gedichts, das die Grundlage meines Liedtextes bildet: Bertolt Brecht, Marxist, Verteidiger der DDR der 1950er Jahre, deren freiwilliger und privilegierter Bürger, und Stalinpreisträger dazu. Für Brecht, vom Zeitgeist seiner frühen Jahrzehnte in Deutschland geprägt, war in der Tat freiheitliche Demokratie weder ein politisches Recht noch eine politologische Klugheit, so wenig wie für seine Zeitgenossen Ernst Jünger und Martin Heidegger auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Bei historischen Texten ist es jedoch möglich, Autor und Werk und desgleichen die Motive für das Geschriebene und seinen Gehalt auseinanderzuhalten. Bei zu vielen schätzenswerten Texten müssten wir sonst auf einen öffentlichen Gebrauch verzichten. Mir selber kam ein Bedenken, das dem vorgebrachten Einwand diametral entgegengesetzt ist: Hält man sich allein an den Inhalt von Brechts Lied, erweckt es, wenn man von seiner zweiten, von mir nicht übernommenen Strophe absieht, den Eindruck, es sei den derzeitigen «rechten Nationalkonservativen» und gerade nicht «linken Kreisen» nach dem Mund geredet.

Das Anliegen meines aus dem Rahmen bisheriger Vorschläge fallenden Liedtextes ist es in erster Linie, den Horizont der Diskussion um Landeshymnen (und patriotische Anliegen) aufzubrechen. Es ist an der Zeit, den Blick stärker auf das zu richten, was Patrioten aller Länder an sympathischen Zügen gemeinsam ist, und nicht allein auf die abschreckenden Entgleisungen, zu denen es immer wieder kommt. Erfreulich wäre es, würde das hier vorgeschlagene Gedicht zu einem patriotischen Lied, das von Zeit zu Zeit zusammen mit anderen patriotischen Liedern gesungen oder wenigstens als patriotisches Gedicht gelesen und bedacht würde. Noch erfreulicher wäre es, wenn es mit nur geringfügigen Anpassungen auch in anderen Ländern, vor allem in den deutschsprachigen Nachbarländern, als patriotisches Lied gesungen würde.

Es wäre in der Tat keine Überraschung, wenn die vorgeschlagene Modifikation von Brechts Hymne in Deutschland auf mehr Zustimmung stiesse als in der Schweiz. In Deutschland und desgleichen in Österreich kommt es wie in der Schweiz immer wieder zu inhaltlichen und ästhetisch motivierten Unmutsäusserungen über die derzeitigen Nationalhymnen. In Deutschland wird dabei regelmässig Brechts Kinderhymne als geeignetere Nationalhymne vorgeschlagen, wenn auch fast ausschliesslich, wie man mir ebenfalls zu bedenken gab, von «linken» oder ehemals «linken Intellektuellen». Modifizierungsbedürftig ist die Kinderhymne als Nationalhymne nach meinem Urteil aber auch für Deutschland, freilich nicht, weil sie, wie gesagt, von Brechts zweiter Strophe abgesehen, linkslastig wäre, sondern weil sie Ansichten verhaftet bleibt, die im 19. und im frühen 20. Jahrhundert gang und gäbe waren, heute jedoch nicht mehr stimmig sind. Hier nun mein Vorschlag:

 

Freude spar’n wir nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand:
dass die Schweiz besteh’ und blühe
wie ein jedes gute Land.
 
Und nicht unter und nicht über
andern Menschen woll’n wir sein:
von den Alpen bis zum Jura,
vom Ticino bis zum Rhein.3
 
Und weil wir dies Land ererbten4,
mögen und erneuern wir’s:
Gar das liebste mag’s uns scheinen
so wie andern Leuten5 ihr’s.

 

Das vorgeschlagene Schweizer Lied im Vergleich mit Brechts Kinderhymne6:

(Die in Brechts Gedicht geänderten Passagen und ihre ausgeschiedene zweite Strophe sind rot wiedergegeben, die alternativen Stellen der schweizerischen Fassung blau.)

 

Freude spar’n wir nicht noch Mühe, Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand: Leidenschaft nicht noch Verstand.
dass die Schweiz besteh’ und blühe Daß ein gutes Deutschland blühe
wie ein jedes gute Land. Wie ein andres gutes Land.
   
  Daß die Völker nicht erbleichen
  Wie vor einer Räuberin
  Sondern ihre Hände reichen
  Uns wie anderen Völkern hin.
   
Und nicht unter und nicht über  Und nicht über und nicht unter
andern Menschen woll’n wir sein: Andern Völkern wolln wir sein
von den Alpen bis zum Jura, Von der See bis zu den Alpen
vom Ticino bis zum Rhein.  Von der Oder bis zum Rhein.
   
Und weil wir dies Land ererbten, Und weil wir dies Land verbessern
mögen und erneuern wir’s: Lieben und beschirmen wir’s
Gar das liebste mag’s uns scheinen Und das liebste mag’s uns scheinen
so wie andern Leuten ihr’s.  So wie andern Völkern ihrs.

 

Alles hat seine Zeit. Günstig für die Schaffung neuer Landeshymnen sind Zeiten des politischen Aufbruchs und Verhältnisse, in denen festliche gemeinschaftliche Gefühlsäusserungen als etwas Selbstverständliches empfunden werden. Gedichten und Liedern, die ohne eine derartige Einbettung entstanden sind, merkt man an, dass sie sich nicht einer Hochstimmung verdanken, sondern eine solche schaffen sollten. Häufig sind es Auftragsarbeiten, an denen selbst ansonsten kreative Dichter kläglich scheitern.

In gewöhnlichen Zeitläufen greift man besser auf bereits vorliegende Texte zurück, deren Wortwahl, Pathos und allmählich angewachsene Patina als zu ihrer Entstehungszeit gehörig empfunden werden. Es ist wie mit traditionellen Landeswappen. Dass sie altmodisch sind, gehört irgendwie zu ihnen. Sie passen besser zu dem, was sie versinnbilden, als manches schnieke neue Logo. Nicht selten wird ein Lied, das lange Zeit ohne staatliches Zutun als ein patriotisches Lied neben anderen gesungen wurde, zur offiziellen Nationalhymne erklärt. Beim Deutschlandlied («Deutschland, Deutschland über alles»), das der romantische Patriot Hoffmann von Fallersleben 1841 auf der damals zu Grossbritannien gehörenden Insel Helgoland verfasst hatte, dauerte es über achtzig Jahre (bis 1922), bei der gegenwärtigen Schweizer Landeshymne («Trittst im Morgenrot daher»), im gleichen Jahr komponiert, sogar 120 Jahre (bis 1961). Fast gleich viel Zeit (1814–1931) brauchte es beim amerikanischen National Anthem («The Star-Spangled Banner»), bei der etwas älteren «Mutter aller Nationalhymnen», der Marseillaise, allerdings nur gerade drei Jahre (1792–1795). Auch sie wurde allerdings nicht als Nationalhymne entworfen. Es war eine Augenblicksdichtung, über Nacht für Soldaten geschrieben, die singend in einen Freiheitskrieg ziehen wollten.

Sind nationale Symbole etwas von anderswoher Übernommenes, fällt dies nicht ins Gewicht. Wir sehen über ihre fremde Herkunft einfach hinweg. Entscheidend ist, dass sie für unser Land Sinn ergeben, und nicht, woher sie kommen. Der schweizerische Nationalmythos, die Sage von Wilhelm Tell, ist ein klassisches Beispiel. Auch dass seine alle einheimischen literarischen Erzeugnisse überragende Bühnenfassung von einem Deutschen stammt, stört nur wenige. Man ist dem Verfasser, Friedrich Schiller, dankbar und ehrt ihn mit Denkmälern. Vom Beresinalied («Unser Leben gleicht der Reise eines Wandrers in der Nacht»), das schon mehrfach als Schweizer Landeshymne vorgeschlagen wurde, glauben viele, der Glarner Offizier Thomas Legler habe es 1812 auf dem Rückzug Napoleons aus Russland am Fluss Beresina selbst gedichtet. Auch nachdem man seine schweizerischen Liebhaber darüber belehrt hat, dass es die vier letzten Strophen eines Gedichts sind, das Ludwig Gieseke aus Quedlinburg zwei Jahrzehnte zuvor unter dem Titel Die Nachtreise im Göttinger Musenalmanach veröffentlicht hatte, singen sie es weiterhin mit viel Einfühlung. Das schwermütige und doch zu Mut auffordernde und von Hoffnung getragene Durchhaltelied scheint ihnen einer «typisch schweizerischen» Stimmung in schwierigen Zeiten zu entsprechen. Verbreitet und populär geworden ist das im 19. Jahrhundert in der Schweiz nur selten gesungene Lied jedoch erst, nachdem es eine Reihe von Intellektuellen kurz vor 1900 auf eine Nachfrage hin aus Paris wiederentdeckt hatten. Heute gilt es international als Schweizer Volkslied, ähnlich wie Wilhelm Tell rings um den Erdball als genuin schweizerischer Nationalmythos gesehen wird.

Ein vergleichbares Schicksal kann man sich von Bertolt Brechts Kinderhymne vorstellen, freilich nur nach einschneidenden Modifikationen, dem ersatzlosen Ausscheiden seiner zweiten Strophe und dem Auswechseln mehrerer Wörter.7 Brecht hatte die Hymne 1950 als poetisches Gegenstück zum Deutschlandlied geschrieben und von seinem Freund Hanns Eisler vertonen lassen. Dieser hatte zuvor schon die Melodie zur neu geschaffenen DDR-Hymne («Auferstanden aus Ruinen») komponiert, von der sich Brecht, etwas weniger auffällig, mit seinem Gedicht ebenfalls absetzen wollte.

Vorbehaltloses Lob für Brechts Kinderhymne

Unmittelbar nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde Brechts Kinderhymne von verschiedenen Seiten als angemessenere deutsche Nationalhymne als das hoffmannsche Jubellied empfohlen. Auf eine von der Wochenzeitschrift Die Zeit veranstaltete Umfrage8 hin sprachen sich gleich mehrere der Befragten für sie aus, mit zitierenswerten Worten der Historiker Ernst Engelberg («eine Kinderhymne auch für Erwachsene, poetisch, schlicht, unübertroffen in der Verbindung von Patriotismus und Völkerverbindendem»), der Publizist Peter Bender («Brechts Gegengedicht zu Bechers DDR-Hymne drückt alles aus, was uns beim Neubeginn nach 1945 Hoffnung und Verpflichtung war und es beim Neubeginn wieder sein sollte») und mit besonderem Nachdruck Martin Walser:

«Als Hymne kann es, glaube ich, keine bessere geben als den Text von Brecht, den er Kinderhymne nannte. Das wäre endlich und zum ersten Mal eine Hymne, bei der man, wenn man sie singt, keinen Schluckauf bekäme. Wenn ich eine Zeitung hätte, würde ich diesen Text ein paar Wochen lang immer wieder drucken und die Leser zu einer Abstimmung ermuntern; die kann ich mir nur als eine Zustimmung vorstellen. Einen günstigeren Text kann es für uns nicht geben.»

Als wohl Erster hatte sich Wolf Biermann9 Brechts Lied als Nationalhymne für ein vereinigtes Deutschland erhofft, 1987, zwei Jahre bevor die Wiedervereinigung unerwartet früh als eine Möglichkeit erschien. Bemerkenswerter als der Zeitpunkt ist Biermanns Bekenntnis, dass ihm die Bedeutung von Nationalhymnen bei Sportanlässen in einem American Football-Stadion in Ohio bewusst geworden sei: «Mir sprangen Tränen aus dem Gesicht.» Später vor der «Glotze» habe er, der von der frühesten Jugend an transnational dachte, realisiert, dass er sich unwillkürlich freue, wenn ein Landsmann, der ihm weder von seiner physischen Erscheinung her noch als Person sympathisch war, «ein Ass gegen irgendeinen netten Schweden landet». Er hoffte, dass man dereinst mit Brechts Hymne den Sieg eines glänzenden Athleten «ohne Seelenverrenkung» besingen könne, so wie er es bei den Collegestudenten in Columbus, Ohio, erlebt hatte. Er meinte damit auch: ohne für den Augenblick an die vergangenen nationalen Schandtaten denken zu müssen.

Schon früher, 1975, hatte der Politikwissenschaftler Iring Fetscher das Gedicht in einem Beitrag für Marcel Reich-Ranickis Frankfurter Anthologie gerühmt, ohne absehen zu können, dass es innert kurzer Zeit als Nationalhymne des vereinigten Deutschland vorgeschlagen würde: «Es gibt wohl keine Hymne, die die Liebe zum eigenen Land so schön, so rational, so kritisch begründet, und keine, die mit so versöhnlichen Zeilen endet.»

Diesem Urteil kann man zustimmen, jedoch nicht uneingeschränkt Fetschers Überschrift «Leidenschaftlich, aber kontrolliert». Man wünscht sich, Brecht hätte bei der Wahl einzelner Wörter mehr Kontrolle walten lassen.

«Nicht mehr Zeitgemässes»

Es ist nicht erstaunlich, dass Brechts Gedicht bis heute immer wieder als passendere Nationalhymne als das mit peinlichen historischen Assoziationen belastete Deutschlandlied vorgeschlagen wird. Verwunderlich sind allein die uneingeschränkt überschwänglichen Worte, mit denen es seine Befürworter preisen. Keiner von ihnen meldet einen Redaktionsbedarf an. Dabei gehört die Kinderhymne offenkundig nicht zu Brechts stärksten Gedichten.

Eine der raren Kritiken findet sich in der Vorlage für eine Deutschstunde.10 In ihr äussert sich der Lehrer Volker Schneider so negativ über Brechts Kinderhymne, wie die bisher zitierten Persönlichkeiten für sie nur rühmende Worte fanden. Soweit seine Kritik poesieanalytisch bleibt (und den Inhalt der zweiten Strophe betrifft), ist sie bedenkenswert:

«Formal bieten Brechts Strophen in ihrer traditionellen Durchgestaltung wenig Revolutionäres im Sinn eines künstlerischen Neuaufbruchs, wie man es hätte erwarten dürfen. Hier ‹verfremdet› Brecht rein gar nichts, keine Spur ‹epischer› Distanz, alles ist so banal gemeint wie schlicht gesagt. […] Brechts sprachliches Instrumentarium [reicht] nicht über Gewohntes hinaus: Antithesen, Anaphern, Parallelismen und was die Klamottenkiste der Rhetorik sonst noch zu bieten hat. […] Brechts brave neopatriotische Reimabsonderung enttäuscht formal wie inhaltlich.»

Gegen Schneiders Kritik wäre aber ebenfalls zu bedenken, dass Parallelismen, Wortwiederholungen (Anaphern) und Antithesen archaische und aus sehr vielen Sprachen bekannte poetische Verfahren sind. Sie sind älter, weiter verbreitet, weniger verbraucht und vor allem eindrucksvoller neu einsetzbar11 als Reime und die spezifischen Stilmittel der klassischen und romantischen Dichtungen Europas, von denen »moderne Dichtung« sich absetzt.

Am Inhalt des Gedichts ist nach meinem Empfinden mehr Enttäuschendes als an seiner Form. Was Walter Jens12, der gleichfalls ohne Einschränkung über Brechts Hymne des Lobes voll war («ein hinreissender Text»), am Deutschlandlied, der jetzigen deutschen Nationalhymne, auszusetzen hatte, lässt sich mit gleichem Recht von Brechts Hymne sagen: Mehrere Passagen sind «unsäglich» und «nicht mehr zeitgemäss». Hinzu kommen zwar nicht gerade «teilweise unverständliche» Verse, wie sie Jens im hoffmannschen Preislied störten13, aber doch solche, die man nicht auf Anhieb versteht. Kinder, für die sie ja geschrieben wurden, werden sie jedenfalls nicht sogleich verstehen.

Die «nicht mehr zeitgemässen» und «unsäglich» gewordenen Stellen zuerst: Die ganze zweite Strophe von Brechts Hymne wird, wie bereits erwähnt, am besten ersatzlos weggelassen. Ihre beiden ersten Verse («Dass die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin») lassen an den politischen Darwinismus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten des 20. Jahrhunderts denken. Politologen lehrten damals, eine Nation beweise ihre Stärke, ja überlebe nur, wenn sie sich den Lebensraum anderer Staaten gewaltsam aneigne. Von diesem Wahn glaubt man sich in Westeuropa, zurzeit wenigstens, geheilt. Die anschliessenden Verse («Sondern ihre Hände reichen / Uns wie anderen Völkern hin») erinnern an die abgeschmackten Begrüssungsrituale der vormaligen sozialistischen Bruderstaaten.

In dieser Strophe ist zudem gleich zweimal von «Völkern» die Rede, in den anschliessenden Strophen nochmals je einmal. Rechtsstaaten definieren sich nicht ethnisch, schon gar nicht rassentheoretisch «völkisch».14 Die Schweiz hatte es in ihren Entstehungszeiten nicht getan und ebenso wenig bei der Gründung des heutigen Bundesstaates 1848. In den frühesten überlieferten Bündnisdokumenten auf ihrem Boden ist schlicht von «Menschen» und «Leuten» die Rede, von den «homines vallis Uranie»15 in dem auf das Jahr 1291 datierten Brief, von «die Lantlüte von Ure, von Swits und von Unterwalden» im Brief von 1315. Als «Leute» bezeichnet man die in einem bestimmten Gebiet wohnenden oder auch nur sich gerade aufhaltenden Menschen. «Leute» entspricht der «gemeinen» und nicht der eingeschränkteren ethnischen Bedeutung des doppelsinnigen Wortes «Volk». Auch das ihm im Englischen entsprechende Wort people wird in vielen Kontexten am passendsten mit «Leute» übersetzt,16 so in der Verfassungspräambel der Vereinigten Staaten: «We the People of the United States […] do ordain and establish this Constitution.»

Bemerkungen zu den einzelnen Strophen: Zur ersten Strophe

Die Mahnung «sparet nicht», mit der Brecht die Kinderhymne eröffnet, hört sich an wie ein morgendlicher Tagesbefehl in einem halbmilitärisch organisierten nationalen Jugendlager. Der Eindruck wird bestätigt, wenn man liest, dass in Brechts anfänglicher Fassung des Gedichts das erste Wort nicht «Anmut», sondern «Arbeit» lautete.17 Statt «Anmut sparet nicht» ist man jetzt aber unwillkürlich geneigt «An Mut sparet nicht» zu hören. Dieses Missverständnis wird freilich gleich hinfällig, weil es dann nicht auch «an Mühe» heisst. Im Kontext des ersten Verses ist «Freude» ebenso sinnvoll und vor allem nicht missverständlich wie «Anmut».18 Freude ist eine Eigenschaft, die man gleicherweise Sportlern und Patrioten zumutet, den zwei Gruppen von Menschen, die zu den häufigsten Sängern von Landeshymnen gehören. Eine reizende Nebenwirkung der Wahl des Wortes «Freude» am Anfang der Hymne eines europäischen Landes ist, dass es an Schillers «Ode an die Freude» erinnern kann und damit insgeheim an die Europahymne.19 Mehr als nur reizend, aufreizend wäre es für manche, wenn zum ersten Wort hinzu auch der erste Takt der Schweizer Landeshymne an die Europahymne anklingen würde.20

Die Ersetzung des Imperativs («sparet») durch ein gemeinsames Bekenntnis («spar’n wir») hat den zusätzlichen Vorteil, dass nun alle drei Strophen das solidarisierende Personalpronomen der ersten Person Plural («wir») zum Subjekt haben. Die durchgehende sprachliche Parallelisierung der drei Strophen stärkt den Eindruck ihrer Zusammengehörigkeit.

Die Formulierung der ersten zwei Verse des Gedichts bleibt auch nach der Auswechslung von «Anmut» durch «Freude» leicht sperrig. Nicht nur Brechts lautlich zweideutig hörbare Forderung «Anmut / An Mut sparet nicht», auch das zweifache «nicht noch» lässt kurz stocken. Man muss für einen Augenblick die Satzkonstruktion überdenken, um zu erfassen, was gemeint ist. Dabei klingen die beiden Verse mit ihrem doppelten «nicht noch» und dem Wechsel zwischen «unter» und «über» besonders rhythmisch und lyrisch. Sie dürften sich Kindern ins Gedächtnis einprägen, noch bevor sie diese voll verstanden haben.

Man wird schwerlich die Anfangsstrophe einer Nationalhymne finden, die Athleten und Athletinnen an internationalen Sportanlässen aufrichtiger singen könnten als die modifizierte erste Strophe von Brechts Hymne. Mit dem Land, das bestehen und blühen soll, würden sie auch sich selber meinen. An internationalen Wettkämpfen sind sie «die Schweiz» oder «Deutschland» oder welches Land auch immer. Die besungenen Eigenschaften sind zugleich sportliche und politische Tugenden, nicht nur Leidenschaft und Anstrengung, sondern ebenso Verstand und nicht zuletzt Freude.

Es sind zwei Paare einander entgegengesetzter Eigenschaften, die ihre optimale Wirkung in einem Spannungsverhältnis zueinander zeitigen.21 So einleuchtend und gewichtig sie als Werte sind, man wird sie doch kaum in Verfassungspräambeln lesen können, sicher nicht als Viererfigur alle zusammen. In Landeshymnen lassen sich Eigenschaften besingen, die in Präambeln von Verfassungen befremden würden.

Der dritte Vers der ersten Strophe klingt im brechtschen Original wie in der vorgeschlagenen Neufassung bieder und herkömmlich patriotisch.22 In der Verbindung mit dem folgenden vierten Vers wird er jedoch sogleich zustimmungsfähig. Gerade Sportler und Sportlerinnen wissen, dass andere Länder in ihrer Leistungsfähigkeit ebenso gut sein können und oft besser sind als sie. Anders als Nationalisten haben sie keine Hemmung, ihr Land, das sie an internationalen Anlässen vertreten, an anderen Ländern zu messen. Es gibt kaum eine dem Sport ergebene Nation, die nicht phasenweise dazu motiviert ist, andere Nationen als Vorbild zu nehmen.

Zur mittleren Strophe

Am offensichtlichsten setzt sich Brecht mit der in der vorgeschlagenen Fassung alleinigen mittleren Strophe vom Deutschlandlied ab, und zwar zweifach, (a) was das politische Verhältnis zwischen den Nationen angeht und (b) mit der geografischen Umgrenzung des Landes. Im unüberhörbaren Kontrast zu den Jubelversen «Deutschland, Deutschland über alles, / Über alles in der Welt» heisst es bei ihm «nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein». Und statt «Von der Maas bis an die Memel, / Von der Etsch bis an den Belt» dichtet er unter Aufgabe aller umstrittenen Gebietsansprüche «Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein».

Ersetzt man «Völker» durch «Menschen» oder «Leute», ist in der Schweiz die Umkehrung der Reihenfolge von «über» und «unter» angezeigt. Um was sich manche Schweizer in politischer Hinsicht an allererster Stelle sorgen, ist, unabhängig zu bleiben. Historisch unvermeidlich werden sie beim Bekenntnis «nicht unter andern Menschen woll’n wir sein» an «fremde Richter»23 denken, denen sie sich auf keinen Fall unterstellen wollen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn die Abwehrhaltung nicht nur mit Leidenschaft, sondern auch, dem Bekenntnis in der ersten Strophe entsprechend, mit Verstand und möglichst auch mit Anmut und nicht verbissen eingenommen wird.24

Die Anfügung «und nicht über andern Menschen» ist in der Schweiz keineswegs überflüssig. Die kleine Schweiz mag gegen den Wahn gefeit sein, über «andern Völkern» stehen zu wollen. Den einzelnen Schweizern und Schweizerinnen ist die Einbildung jedoch überhaupt nicht fremd, sie seien anderen Menschen überlegen, denjenigen aus anderen sozialen Schichten, Wohlhabende den Besitzlosen, Gebildete den Ungebildeten, Städter den Leuten vom Land, sowie, besonders grassierend, Einheimische den Zugezogenen und, nicht zu vergessen, Männer den Frauen, ebenso Angehörige eines Landesteils, einer Partei und einer Weltsicht denjenigen eines anderen Landesteils, einer anderen Partei und einer andern Weltsicht.25

Die Anpassung der geografischen Umgrenzung des Landes fällt im Fall der Schweiz leicht. Etwas ungewöhnlich und damit vielleicht hier und dort zu einem Augenaufschlag anregend ist die Blickrichtung «Vom Ticino bis zum Rhein». Zumindest in der deutschen Schweiz ist man die Definition des Landes von Norden nach Süden gewohnt: vom Rhein bis zur Rhone und, besonders geläufig, vom Boden- bis zum Genfersee.26 Die italienische Schweiz soll jedoch in der Raumumfassung nicht fehlen.27

Einer der konsultierten Kollegen meinte, dass das von mir vorgeschlagene patriotische Lied über die geografischen Namen hinaus nichts enthalte, mit dem man sich speziell als Schweizer oder Schweizerin gefühlsmässig identifizieren könnte. Die mittlere Strophe scheint mir aber gerade dieses Angebot zu machen, nicht nur wegen der historischen Assoziation, die der Ausspruch «nicht unter andern Menschen woll’n wir sein» weckt, auch gerade wegen der gewählten geografischen Namen. Patriotische Schweizer empfinden sie nicht emotionslos. Die Alpen sind für die Schweiz geografisch, geschichtlich und seit je auch wirtschaftlich wichtiger und zentraler als für Deutschland, für das sie ein Grenzgebirge sind. In den Alpen liegen nach traditioneller Sichtweise die Anfänge der Alten Eidgenossenschaft. Im 18. und 19. Jahrhundert kamen dann die wirkmächtigsten kulturellen, politischen und sozialen Impulse für »die moderne Schweiz« aus Frankreich über den Neuenburger und Berner Jura, nicht allein über die Rhonestadt Genf. Wie die Alpen ist auch der Jura geografisch, geschichtlich und ökonomisch für die Schweiz bedeutsamer als für Frankreich, das Nachbarland, mit dem sie den Jura teilt. Mit dem Ticino ist «Italianitá» assoziiert, etwas, das man im ganzen Land nicht missen möchte. Im Unterschied zu den Alpen hat der Rhein für Deutschland eine grössere emotionale Bedeutung als für die Schweiz. Aber für die Schweiz kommt ihm, der in der Schweiz entspringt, doch auch eine spezielle, nämlich ambivalente Bedeutung zu. Einerseits ist er ein Grenzfluss, der die Schweiz von Deutschland absondert, andererseits zugleich ein Fluss, den die Schweiz mit Deutschland teilt und der sie so mit dem nördlichen Nachbarland auch verbindet.28 Alle vier genannten geografischen Gegebenheiten sind somit etwas, das für die Schweiz von einer wichtigen Bedeutung ist und das sie doch gleichzeitig mit Nachbarländern gemeinsam hat. Ganz speziell vermag diese Hymne bewusst zu machen, dass, was auf den ersten Blick als etwas dem eigenen Land Besonderes erscheint, sich zugleich als etwas Transnationales herausstellen kann, geografisch konkret in der mittleren Strophe, wertmässig fühlbar in der ersten und letzten Strophe. Diese Einsicht ist etwas, das in eins als genuin schweizerisch und als universal gültig empfunden werden kann. Schweizer und Schweizerinnen verdanken sie einem besonderen geschichtlichen und geografischen Privileg.

Zur dritten Strophe

Die kommentierungsbedürftigste Änderung in der letzten Strophe ist die Ersetzung des zu hoch gegriffenen Verbes »lieben« durch das sachtere «mögen». Ohne dass man sich übernimmt, kann man sagen, dass das heutige Verhältnis zum staatlichen Gemeinwesen für die meisten von uns differenzierter ist als dasjenige, das frühere Generationen zu ihm hatten. Dasselbe gilt für die Auffassung von Liebesbeziehungen. Auf die Frage, ob er den deutschen Staat liebe, soll der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann erwidert haben: «Ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau.» Das Verbundenheitsgefühl, das heute viele Menschen unwillkürlich ihrem Land gegenüber hegen, drückt das unprätentiöse Wort «mögen» wohl besser aus als das schillernde «lieben». Das Land, in dem wir leben, haben wir nicht selbst geschaffen. Viele betrachten es als ein Privileg oder als einen glücklichen Zufall, dass gerade dieses Stück Erde mit seiner Geografie und Geschichte ihr Land ist.29 Wie manches Erbstück erscheint es, wenn wir zurückblicken, als schätzenswert und, wenn wir vorwärtsschauen, zugleich als auf- und verbesserungsbedürftig und von Zeit zu Zeit als eigentlich erneuerungsbedürftig.30

Bei «das liebste» im dritten Vers stockt man abermals, wiederum aus einem sprachlichen und aus einem sachlichen Grund. Man muss sich einen Augenblick lang den Kontext vergegenwärtigen, bis man realisiert, dass das Adjektiv hier für «das liebste Land» steht und nicht etwa für das Allerliebste überhaupt, das man sich denken kann. Kritiker werden zudem fragen, warum ein Wort mit dem Stamm «lieb» hier nun doch und dazu im Superlativ stimmig sein soll. Es ist stimmig, weil keine faktische Aussage gemacht wird. Man bekennt sich freimütig zu einem subjektiven Eindruck. Dieser wird im folgenden Vers zusätzlich mit der Anerkennung relativiert, dass es ein Eindruck ist, den Angehörige anderer Staaten, Menschen wie wir, aus dem gleichem psychologischen Grund und so auch mit dem gleichen psychologischen Recht von ihrem Land haben. «Patriotismus» erweist sich, wie eingangs erwähnt, ähnlich wie die besondere Verbundenheit, die wir der eigenen Familie gegenüber empfinden, als etwas, das in der Natur der Menschen angelegt ist. Er ist eine in einem Gefühl gründende Einstellung, die Angehörigen der verschiedensten Kulturen gemeinsam ist, also etwas «Völkerverbindendes», wie man früher gesagt hätte.

Wie wir mit dem letzten Vers der ersten Strophe bekennen, dass das, was wir für unser Land anstreben, etwas ist, das wir in anderen Ländern vorbildlich realisiert finden können, so bekennen wir mit dem letzten Vers der abschliessenden Strophe, dass die besondere Wertschätzung, die wir unserem Land gegenüber empfinden, anderen Menschen ihren Ländern gegenüber gleichfalls eigen ist. Es ist nicht zuletzt dieses Bekenntnis zur Vergleichbarkeit der Beziehungen der Menschen zu ihren Staaten, das die Übernahme von Brechts Lied als Nationalhymne für Länder, für die es gar nicht gedacht war, nahe legt. Es dürfte (mit der jeweiligen Anpassung der angeführten geografischen Namen) wohl kaum eine leichter universal verwendbare Nationalhymne zu finden sein. So wäre es denn auch passend, den letzten Vers, wie das Hanns Eisler bei seiner Vertonung des Brecht-Gedichts getan hat, zum Abschluss der Hymne refrainartig zu wiederholen.31

Zur Versstruktur und Melodie der Hymne

Die Hymne ist in der schlichten Form eines Volksliedes geschrieben, mit vierfüssigen Versen (Trochäen), abwechselnd klingender («weiblicher») und stumpfer («männlicher») Kadenz und mit Kreuzreimen in der ersten Strophe. Als solche bleibt sie leicht im Gedächtnis haften und erweist sich als ausgesprochen sangbar. Nicht zufällig gibt es eine ganze Anzahl von bereits vorhandenen und bekannten Melodien, auf die sie gesungen werden kann, nicht nur die Melodie, die Eisler für sie schrieb.32 Mit geringfügigen Anpassungen liesse sie sich bei nichtinternationalen Anlässen auch mit der festlich-feierlichen Melodie des Deutschlandliedes oder mit der gedämpfteren des Beresinaliedes singen. Die Melodien beider Lieder sind ihrerseits geborgte Melodien. Die des Deutschlandliedes wurde von der österreichischen Kaiserhymne («Gott erhalte Franz den Kaiser») übernommen, bei deren Vertonung sich Joseph Haydn möglicherweise von einem kroatischen Volkslied anregen liess33, und die erste Hälfte der heute in der Schweiz üblichen Melodie des Beresinaliedes von einem mittelalterlichen liturgischen Choral (Pange lingua). Der Form nach passt selbst Beethovens Melodie für Schillers Ode an die Freude auf die brechtschen Verse. Schliesslich finden sich mindestens drei eigens für die Kinderhymne komponierte Melodien, die als Alternativen zu Eislers Vertonung vorgelegt wurden.34 In Anbetracht ihrer ausgesprochen sangbaren Volksliedstrophen dürfte es in der gegenwärtigen Volkskulturkonjunktur ein Leichtes sein, Komponisten für eine Neuvertonung der Kinderhymne eigens zu ihrer Adoption als schweizerisches Landeslied zu gewinnen.

 

Danksagung

Frau Barbara Brecht-Schall danke ich für das Recht, Bertolt Brechts Kinderhymne für die vorgeschlagene »schweizerische Fassung« zu verwenden. Mehrere Kollegen und Freunde haben meine Modifikation der Hymne und ihre Besprechung in für mich anregender Weise kommentiert. Zumindest fünf von ihnen möchte ich mit Namen anführen: Egon Ammann, Christoph Frei und Erwin Koller verdanke ich Änderungsvorschläge an meiner Gedichtversion, die ich spontan übernommen habe. Ulrike Frank und Marcel Senn danke ich für wichtige Revisionsvorschläge zum Begleittext. Die verbleibenden Unvollkommenheiten des Gedichts und des Kommentars sind selbstverständlich allein von mir zu verantworten. 

 

Der Autor

Elmar Holenstein, geboren 1937 in Gossau (SG) studierte Philosophie, Psychologie und Sprachwissenschaft an den Universitäten Louvain, Heidelberg und Zürich. 1977–90 war er Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und 1990–2002 an der ETH Zürich. 1986/87 weilte er als Gastprofessor an der University of Tokyo und 2004 an der Chinese University of Hong Kong. Seit 2002 lebt er in Yokohama.

 

Literatur

Brecht, Bertolt, 1950: «Kinderhymne», in: Werke: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 12: Gedichte 2, hrsg. von Werner Hecht u. a. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988. S. 303; dazu Anmerkungen von Jan Knopf zu Brechts «Kinderliedern», S. 440–443.

Brecht, Bertolt, 1949: «Bonner Bundeshymne», ebenda, Band 15: Gedichte 5. 1993: S. 207 f.

Biermann, Wolf, 1987: «Reden über das eigene Land: Deutschland», in: Klartexte im Getümmel, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1990. S. 235–257.

Eisler, Hanns, 1949 [sic!]: «Anmut sparet nicht noch Mühe: Kinderlied» (Klavierauszug), in: Lieder und Kantaten, Band 1, hrsg. von der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, Leipzig: VEB Breitkopf und Härtel Musikverlag. 1956: S. 8 f.

Fetscher, Iring, 1975: «Bertolt Brecht, Kinderhymne: Leidenschaftlich, aber kontrolliert» (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Oktober 1975), in: Frankfurter Anthologie, Band 2, hrsg. von Marcel Reich-Ranicki, Frankfurt am Main: Insel 1977: S. 159–162.

gbs, 2006: «Giordano Bruno Stiftung präsentiert alternative Nationalhymne»: http://www.leitkultur-humanismus.de/hymne.htm und http://www.leitkultur-humanismus.de/hymne.mp3.

Jens, Walter, 2006: Zitate in der Frankfurter Allgemeiner Zeitung Nr. 137 vom 16. Juni 2006, S. 1; online: http://www.faz.net/themenarchiv/2.1084/nachrichten/streit-ueber-die-deutsche-nationalhymne-ungeheuerlicher-vorgang-1329691.html.

Müller, Gerhard, 2010: «Lieder der Deutschen: Bertolt Brechts Kinderhymne als Gegenentwurf zum Deutschlandlied und zur Becher-Hymne (1989), erweiterte Onlinefassung: http://muellers-lesezelt.de/aufsaetze/lieder_der_deutschen.pdf.

Naumann, Thomas, 2000: «Anmut sparet nicht: Deutsche Hymnen»: http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_10/text5.htm [mit Wiedergabe von Brechts Autograf].

Norberto42: 2012, «Brecht: Kinderhymne – Analyse»: http://norberto42.wordpress.com/2012/12/06/brecht-kinderhymne-analyse/.

Schneider, Volker, 2008: «Von der Oder bis zum Rhein – Brecht als verunglückter Nationalhymnen-Poet»: http://www.gymherm.de/web/08_fachbereiche/deutsch/deutsch.htm.

Schutte, Sabine, 1975: «Nationalhymnen und ihre Verarbeitung», in: Hanns Eisler, Berlin: Argument Verlag, S. 208–217.

Wikipedia, «Kinderhymne»: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhymne, und «Children’s Hymn»: http://en.wikipedia.org/wiki/Children’s_Hymn.

Die Zeit, «Symbole für das neue Deutschland: Welcher Name? Welche Hymne? Welcher Feiertag? – Antworten auf drei Fragen der ZEIT», in: Die Zeit, Nr. 25 und 26, 15. und 22. Juni 1990; ZEIT ONLINE: http://www.zeit.de/1990/25/symbole-fuer-das-neue-deutschland und  http://www.zeit.de/1990/26/symbole-fuer-das-neue-deutschland.

 


 

1 Siehe https://www.chymne.ch/de.

2 Anlässlich des Davis-Cup-Halbfinals in Genf 2013 bekannte Roger Federer, dass er die Hymne gegen seinen Vorsatz bisher nicht voll mitgesungen habe. Sie sei etwas langsam und es falle ihm schwer, im Rhythmus zu bleiben. Siehe René Staufer: «Der Baselbieter Roger Federer sprach über seine patriotischen Gefühle. ‘Wir sagten uns: Nun singen wir die Nationalhymne richtig’» In: Der Tagesanzeiger. Online, 13.09.2014.

3 Variante: Von der Rhone bis zum Rhein.

4 Variante: erhielten.

5 Variante (wie in der zweiten Strophe): Menschen

6 Schreibung nach der Wiedergabe in der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe von Brechts Werken, Band 12. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988, S. 303.

7 Die Giordano-Bruno-Stiftung, die 2006 Brechts Hymne als «alternative weltoffene Nationalhymne» für Deutschland vorschlug, «gesungen nach der leicht veränderten Melodie [des Deutschlandliedes] von Joseph Haydn», ließ diese zweite Strophe ebenfalls weg. Siehe (und höre) www.leitkultur-humanismus.de/hymne.htm.

8 «Symbole für das neue Deutschland: Welcher Name? Welche Hymne? Welcher Feiertag? – Antworten auf drei Fragen der Zeit» am 15. und 22. Juni 1990; Online-Anschriften im Literaturverzeichnis. Weitere Zeugnisse sind online zu finden unter http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhymne und http://www.globkult.de/gesellschaft/projektionen/441-nationalsymbole-und-pathos-in-deutschland-bert-brechts-kinderhymne.

9 1987: S. 237 f. und S. 256 f.

10 Am Gymnasium Hermeskeil bei Trier, mutmaßlich 2008, im Internet zugänglich. Siehe das Literaturverzeichnis.

11 Vgl. Paul Celans Todesfuge (http://www.celan-projekt.de/todesfuge-deutsch.html).

12 Zitiert in: Frankfurter Allgemeiner Zeitung Nr. 137. 16. Juni 2006, S. 1.

13 «Wer weiß denn schon, was ‹des Glückes Unterpfand› ist?»

14 Zu Brechts Vorbehalten nicht dem Plural «Völker», wohl aber dem Singular «Volk» gegenüber siehe Müller, 2010: S. 12. – In der schweizerischen Bundesverfassung ist formelhaft und ganz und gar traditionell und landesüblich vom «Volk» im Sinn von «Bevölkerung» (englisch people oder auch folk) die Rede, so in der Präambel und im ersten Artikel vom «Schweizervolk», später von «Volksinitiative» und «Volk und Stände». (In der Präambel ist nur das nicht mehr ohne weiteres [richtig] verstandene Wort «Stände» durch «Kantone» ersetzt. Für «Volk» hat man entweder keinen passenden Ersatz gefunden oder gar nicht gesucht.) Gemeint ist die stimm- und wahlberechtigte Bevölkerung der Schweiz. Es wurde bei der Redaktion der neuen Bundesverfassung vor bald zwanzig Jahren nicht bedacht, wie leicht die schillernden Wörter «Volk» und «Schweizervolk» in der Schweiz heute nationalistisch und im Hinblick auf die großen Zahlen südosteuropäischer und nichteuropäischer Immigranten auch ethnisch und rassistisch verstanden und missbraucht werden. Während es im deutschsprachigen Text der Bundesverfassung heisst «dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen», liest man im französischen Text «que la force de la communauté se mesure au bien-être du plus faible de ses membres». Im Deutschen würden sich Formulierungen wie «dass die Stärke eines Staates sich misst am Wohl seiner schwächsten Bewohner« oder »dass die Stärke einer Gesellschaft sich misst am Wohl ihrer schwächsten Mitglieder» anbieten.

Nota bene: Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft schreibt in ihrer Verlautbarung zum Landeshymnenwettbewerb: «Sobald der Siegerbeitrag in der Bevölkerung [nicht: im Volk] genügend verbreitet und beliebt sein wird, …»

15 Gängige Übersetzungen sind «Leute der Talschaft Uri» und «Talleute von Uri». Natürlich soll nicht übersehen werden, dass mit «homines» und «Leuten» in diesen Briefen nur Männer gemeint waren. In Anbetracht der ethnischen und sprachlichen Homogenität der Bewohner dieser Täler ist die nicht «rassisch» eingeschränkte Bundesmitgliedschaft keine besondere historische Errungenschaft. Ebenso wenig ist aber zu missachten, dass die gewählten Wörter und wichtige Erklärungen dieser Briefe doch ab dem 18. Jahrhundert, seit man sie wieder zu lesen und zu kommentieren begann, dank der Möglichkeit, sie ohne soziale, ethnische und geschlechtliche Beschränkung zu verstehen, geschichtswirksam geworden sind, mit ausländischer Druckausübung für die Juden freilich erst im späten 19. und für die Frauen im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Siehe dazu meine Sammlung politologischer Texte zur Schweiz. Elmar Holenstein: Kulturphilosophische Perspektiven. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998: S. 53–57.

16 Im Unterschied zu peoples, mit dem ethnisch unterschiedene Völker gemeint sein können.

17 Siehe die Wiedergabe der von Hand korrigierten Schreibmaschinenabschrift des Gedichts in Naumann, 2000. In der DDR-Hymne von Johannes R. Becher beginnt die dritte Strophe mit: «Lasst uns pflügen, lasst uns bauen, / Lernt und schafft wie nie zuvor». Volker Schneiders Kommentar zu Brechts erster Strophe ist, wenn man deren Entstehungsgeschichte kennt, hinfällig: «Als Anklang an Schillers ‹Anmut und Würde› ersetzt Brecht den letzteren Begriff mit werktätiger ‹Mühe›. Die künstlich wirkende Einbindung klassischen Erbes, dem Brecht sonst höchst reserviert begegnete, in einen moralischen (Leit- und Allerweltswort: ‹gut›) Neubeginn misslingt ihm jedoch.» Wo Schneider nur ein moralisches Allerweltswort hört, findet Gerhard Müller (2010: S. 13) das angestrebte Ziel («ein gutes Deutschland») «vorsichtig, bescheiden, karg und lakonisch ausgesprochen». Noch lakonischer ist es, wenn man auf das schmückende Adjektiv ganz verzichtet.

18 Erst recht missverständlich sind die geläufigsten Übersetzungen von «Anmut» in den anderen Landessprachen und im Englischen: grâce, grazia, grace. Sie werden zu leicht mit der Bedeutung von «Gnade» gelesen. Wegen der Missverständlichkeit von grace wählten Catherine und Leo Schelbert, die unaufgefordert eine englische Übersetzung meiner Landeshymne erstellten, an seiner Stelle joy. Dies brachte mich auf die Idee, auch im Deutschen «Anmut» durch «Freude» zu ersetzen. Das Recht, Brechts Kinderhymne auch für die englische Fassung meiner Landeshymne zu verwenden, habe ich nicht erhalten.

19 Das Wort «Freude» bleibt in der Europahymne unausgesprochen. Die Europahymne ist ein rein musikalisches Instrumental-Arrangement ohne Schillers Text. Sie ist die offizielle Hymne der Europäischen Union, der die Schweiz nicht beigetreten ist, und des Europarates, dem auch die Schweiz seit 1963 angehört.

20 Man stelle sich utopisch zweierlei vor: zum einen, dass eine Bedingung für die neue Landeshymne nicht wäre, dass die melodische Linie der gegenwärtigen Hymne vom Grundsatz her in ihr beibehalten werde, sondern vielmehr, dass die Schweizer Hymne leicht erkennbare Anklänge an die melodische Linie der Europahymne enthalte, und zum anderen, dass der inhaltlich beste Beitrag gerade einer wäre, der auch Anklänge an die mit der Europahymne unwillkürlich assoziierte «Ode an die Freude» aufweist.

21 In Nationalhymnen bilden sie eine originelle, sozusagen singuläre Viererfigur, wie Gerhard Müller (2010: 14) zu Recht feststellt. Er fragt dazu, ob in ihr «nicht das Gegenbild zu Hoffmanns mittlerweile zum Kitsch gewordenen Viererformel» «Deutsche Frauen, deutsche Treue, / Deutscher Wein und deutscher Sang» zu sehen sei. In Brechts sarkastischer Bonner Bundeshymne, geschrieben ein Jahr vor der Kinderhymne, ist die Anspielung auf Hoffmanns Viererfigur mit dem vierfach zitierten Adjektiv «deutsch» deutlicher: «Deutsche Kohlen, deutsches Eisen / Deutsches Holz und deutschen Stahl / Liefern wir zu Schleuderpreisen / An das Wallstreetkapital.» Zitiert nach Brecht, 1993: S. 207.

22 Brechts Wort «blühe» wird als bewusster Anklang an den Schlussvers der dritten Strophe des Deutschlandliedes interpretiert (so von Müller, 2010: S. 13): «Blühe, deutsches Vaterland!»

23 Im 1291er-Bundesbrief gelobten die Eidgenossen, in ihren Tälern keinen Richter anzunehmen, «der nicht unser Einwohner oder Landsmann [wörtlich: «Mitprovinzler», lateinisch: noster incola sive conprovincialis] ist». Wie weit der Ausschluss fremder Richter nur den Eigeninteressen der Mächtigen im Lande zugutekam und den Vorteil einer weiter gehenden Gewaltenteilung außer Acht ließ, ist ein Thema für sich.

24 Es sind an erster Stelle die eigenen Richter und Juristen, die festzustellen haben, was an internationalem Recht mit der eigenständig beschlossenen Verfassung vereinbar ist. Kommen sie und nach ihrer Anhörung das Parlament oder die Mehrheit der Bevölkerung zu einem anderen Urteil als die internationalen Gremien, gilt die Ansicht der Väter der amerikanischen Unabhängigkeitsverfassung: «A decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which impel them to the separation.» So wenig, wie kein Staat seinen Wohlstand allein sich selbst verdankt, ist ein Staat allein vor (und für) sich selbst verantwortlich.

25 Für die Umstellung von «unter» und «über» gibt es auch ein rein klangliches Motiv. «Und nicht unter und nicht über» (die Lautfolge u, u, u, ü) ist wohlklingender als «Und nicht über und nicht unter» (die Lautfolge u, ü, u, u).

26 Das war nicht immer so. Auf der ältesten Karte der Schweiz, 1494 von Konrad Türst geschaffen, ist nicht der Norden, sondern der Süden am oberen, dominierenden Kartenrand. «Süden oben»-Karten waren damals nicht ungewöhnlich, aber doch auch nicht bedeutungslos. Das Land, Italien, zu dem die Schweizer (der Zürcher Türst, ein Renaissancegelehrter, mit eingeschlossen) in jener Zeit aufschauten, lag im Süden.

27 Die Ersetzung meines anfänglich ordinär gewählten Verses «Von der Rhone bis zum Rhein» durch «Vom Ticino bis zum Rhein» samt der angefügten Begründung verdanke ich Egon Ammann.

28 Dieselbe Bedeutung hat der Rhein für die Schweiz und für Österreich, wenn auch mit einer viel kürzeren Strecke und mit geringerem Bewusstsein in beiden Staaten. Ein Wiener Kollege meinte, der Rhein sollte, wenn die vorgeschlagene Hymne in allen deutschsprachigen Ländern (Liechtenstein miteingeschlossen) gesungen würde, in allen vier Varianten als Grenzfluss angeführt werden, in Österreich zum Beispiel mit dem Vers «Von der March [dem ältesten Grenzfluss Österreichs] bis an den Rhein».

29 Das Pronomen «wir» im ersten Vers der dritten Strophe ist nicht nur aus rhythmischen Gründen, sondern auch dieser Auffassung wegen zu betonen.

30 Das von Brecht gebrauchte defensive Verb «beschirmen» im zweiten Vers habe ich in einem ersten Durchgang durch das im Vers zuvor getilgte Verb «verbessern» ersetzt. Später habe ich mich für das forschere, mehr Kreativität heischende ‹erneuern› entschieden. Brechts Wort «beschirmen» dürfte Karikaturisten zu Zeichnungen einer Schar von Heimatschützern verlocken, die über ihr Land einen Schirm zur Abwehr von Einwanderern und fremden kulturellen Einflüssen spannen.

31 Eine solche Verdopplung empfiehlt sich auch für den analogen Schlussvers der ersten Strophe (»Wie ein jedes gute Land«).

32 Von Eisler selbst gesungen: http://www.youtube.com/watch?v=a7GkiBcPz1s. – Wie in Brechts Text gibt es auch in Eislers Melodie mehrfach Anklänge sowohl an das Deutschlandlied wie an die von ihm ebenfalls vertonte DDR-Hymne (Schutte, 1975: 212 ff.; Jan Knopf in Brecht, 1988: 442; Müller, 2010). Nach Wolf Biermann (in seiner Antwort auf die zitierte Zeit-Umfrage von 1991) sollte Brechts Kinderhymne als neue deutsche Nationalhymne mit «der schönen Musik von Hanns Eisler gesungen werden, die so leichtfüßig ist und sich nicht zum Marschieren eignet». Vgl. dazu die differenzierte Analyse von Sabine Schutte (1975: S. 213 und S. 215): Brechts «dritte Strophe wird zum Teil gesungen, zum Teil tritt sie aber auch in einer instrumentalen Fassung auf, die den Charakter eines ‹Militärkapellen-Arrangements› hat». Ab Takt 21 wird «eine marschartig wirkende Pizzicato-Akkordik unterlegt […], die die Worte ‹über› und ›unter‹ besonders unterstreicht». 

33 Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Österreichische_Kaiserhymnen#Die_Melodie_von_Joseph_Haydn. Was spricht dagegen, dass die Schweiz als drittes deutschsprachiges Land Haydns Volksliedmelodie nicht auch für ein patriotisches Lied übernimmt?

34 Von Leo Spies, Fidelio F. Finke und Kurt Schwaen, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhymne & http://www.kurtschwaen.de/schwaen/noten/Kinderhymne.pdf.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»