Nacht des Monats
Iouri Podladtchikov, fotografiert von Jannik Belser.

Nacht des Monats

Jannik Belser besucht mit Iouri Podladtchikov die Richter-Ausstellung im Kunsthaus Zürich.

 

Wenn ich an Kunst denke, dann denke ich unvermeidlich an die riesigen Auktionen bei Sotheby’s oder Christie’s. Ich empfinde das als ein grössenwahnsinniges Säbelrasseln unter Millionären – möge das dickste Portemonnaie gewinnen. Abstrakte Meisterwerke? Das sind doch nur Farbkleckse auf einer Leinwand. Die Kunstwelt verstehe ich nicht – zumindest ging es mir so, bevor ich mich mit Iouri Podlad­tchikov im Kunsthaus Zürich traf. Die meisten werden seinen Namen wohl eher mit dem Profisport verbinden, 2014 gewann er an den Olympischen Winterspielen mit dem Snowboard an seinen Füssen und dem Yolo-Flip in der Luft die Goldmedaille in der Halfpipe. Doch Podladtchikov hat den Profisport hinter sich gelassen: «Wenn mich jemand über den Sport ausfragt, dann erscheint mir das wie eine Zeit vor mir selbst; ich bin nicht mehr in diesem Körper.» Sein neuer Körper wirbelt nicht mehr durch die Luft, sondern schwingt Pinsel oder Schreibfeder und klickt auf den Abzug der Fotokamera. Der neue Iouri Podladtchikov widmet sich mit vollem Elan dem Künstlerdasein und lässt seiner Fantasie freien Auslauf. Er geniesst die neugewonnene Unabhängigkeit: «Ich komme aus der Sportwelt. Dort werden dir keine Räume gelassen, alles ist geregelt und vordefiniert, du kannst nichts selber entscheiden. In der Kunst muss das anders sein.»

Heute ist Podladtchikov ein wenig angespannt: Gemeinsam besuchen wir am Eröffnungstag die Gerhard-Richter-Ausstellung. Der 32-Jährige hat hohe Erwartungen: «Wenn man von jemandem so viel hält, wie ich es von Richter tue, dann kann man eigentlich nur enttäuscht werden.» Podladtchikov hat dem deutschen Künstler unter anderem ein Kapitel in seinem neuen Buch «Brand New Songs» gewidmet, einer Zusammenstellung von Text, Fotografie und Zeichnung, die im Juni im Simonett & Baer Verlag erscheint. Im Kunsthaus fühlt sich Iouri Podladtchikov wohl, souverän und selbstsicher erzählt er mir von Richters wichtigsten Schaffens­etappen und den Hintergründen zu den ausgestellten Werken. Ich entschuldige mich für meine Kunstignoranz. «Macht nichts. Versuche nicht, alles zu verstehen», rät Podladtchikov. Und ohnehin: Die Kunstwelt sei frei von Hierarchien – hier dürfe jeder frei fühlen und denken.

Podladtchikov hat Kunstgeschichte in Zürich und Fotografie in New York studiert. Als er in einer Vorlesung zum ersten Mal von Ad Reinhardts Black Paintings erfuhr, war es um ihn geschehen: «Ich konnte nicht mehr schlafen, bis ich das in echt gesehen habe.» Geprägt haben ihn auch Gerhard Richters Werke, die sich mit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert auseinandersetzen: die Birkenau-Bilder und der Gemäldezyklus zu Baader-Meinhof. Die Vergangenheitsbewältigung sei ein häufiges und äusserst kontroverses Motiv in Richters Karriere, erzählt mir Podlad­tchikov. Er zeigt sich zufrieden mit der heutigen Ausstellung; die Meisterwerke des 89jährigen Deutschen präsentieren sich in gutem Licht. Nur etwas stört den Enthusiasten: An den Wänden wurden über den Bildern in weisser Farbe Richter-Zitate von den Kuratoren angebracht. «Wenn die ‹Abstrakten Bilder› meine Realität zeigen, dann zeigen die Landschaften oder Stillleben meine Sehnsucht», steht da zum Beispiel. «Schrecklich», kommentiert Podladtchikov kopfschüttelnd.

Langsam schwappt Podladtchikovs Begeisterung auch auf mich über. Eine Frage brennt mir allerdings auf der Zunge: Wie kann ein Richter Millionen kosten? Podladtchikov erklärt es so: «Wie Richter sein Leiden verarbeitet und in seine Bilder packt, ist einfach einzigartig. Seine Klarheit und Überzeugungskraft sind unbezahlbar.» Nach einer knappen Stunde haben wir die gesamte Ausstellung abgeklappert. Eine gute Länge, findet Podladtchikov. Wenn man vor lauter Betrachtung erschöpft werde, sei es höchste Zeit, aus der Ausstellung rauszulaufen. Denn wer Richters dichte Werke genau bestaunen wolle, der müsse dem Bild mit der vollen geistigen Aufmerksamkeitsspanne gegenübertreten. Zur Erholung trinken wir im Foyer ein Bier – und stossen auf Gerhard Richters Genialität an. Der Austausch mit Podladtchikov hat mir die Augen geöffnet: Selbst bei der abstraktesten Form der Kunst geht es um verdammt…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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