Illusion eines Nullrisikos

Die US-Regierung versteht die Drohne als Wunderwaffe gegen den Terror. Doch ihre Attraktivität als vermeintlich risikoloses Instrument verleitet dazu, übermässig viele Einsätze zu fliegen. Das könnte kontraproduktiv sein.

Illusion eines Nullrisikos
Am Tag nach dem US-Drohnenangriff vom Sonntag, 29. August 2021, versammeln sich in Kabul Einwohner und ­Familienangehörige der Opfer neben dem beschädigten Fahrzeug. Bild: Bashir Darwish / UPI / laif.

 

«Wir werden den Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan und in anderen Ländern fortsetzen. Wir brauchen dafür auch keinen Bodenkrieg mehr zu führen. Wir verfügen über ­sogenannte ‹Über den Horizont›-Fähigkeiten, was bedeutet, dass wir Terroristen und Ziele angreifen können, ohne dass ­amerikanische Bodentruppen vor Ort sind – oder nur sehr wenige, falls notwendig.»

US-Präsident Joe Biden, 31. August 2021.

 

In seiner Rede, in der er den Abzug der amerikanischen Streit­kräfte aus Afghanistan ankündigte, wies Präsident Joe Biden darauf hin, dass die US-Mission zur Terrorismusbekämpfung auch ohne Bodentruppen weltweit fortgesetzt werden könne, da die USA im Krieg gegen den Terror über die Fähigkeit zur Bekämpfung «über den Horizont» verfügten. Diese Fähigkeit würde eine Mischung aus Drohnen und bemannten Flugzeugen bedingen, die von einer umfangreichen Überwachungs- und Nachrichtendienstinfrastruktur unterstützt werden, um ohne Bodentruppen in ­Afghanistan oder anderen chaotischen Kriegsschauplätzen rund um den Globus Terroristen ausschalten zu können. Im Kern ist eine «Over the Horizon»-Strategie eine Absage an das Konzept des «Nation Building» und ein Versuch, terroristische Bedrohungen im Ausland durch Luftüberwachung einzudämmen. Unbemannte Fluggeräte, besser bekannt als Drohnen, sind der zentrale Bestandteil dieser Strategie: Sie ermöglichen es Amerika, ausgewählte Ziele bzw. Zielpersonen sauber und aus der Ferne zu töten, ohne dass eigene Piloten einem Risiko ausgesetzt werden müssen. Mit diesen Vorteilen der Drohnentechnologie, so die Schluss­folgerung der Biden-Regierung, könne der Bodenkrieg in Afghanistan getrost aufgegeben werden – auch wenn der Kampf gegen den Terrorismus weitergeht.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein US-Präsident auf Drohnen zurückgreift, um eine schnelle Lösung für ein drängendes politisches Problem zu finden. Präsident Barack Obama zum Beispiel hat sich stark auf Drohnenangriffe gestützt, auch wenn er sich rhetorisch von Präsident George W. Bushs Krieg gegen den Terror distanzieren wollte: Um militante Netzwerke zu zerstören, hat Obama in den acht Jahren seiner Amtszeit gemäss einer Schätzung beispielsweise 373 Drohnenangriffe in Pakistan durch­geführt.1 Obamas Bilanz zeigt, dass Drohnen nicht zwangsläufig ein Allheilmittel sind: Die Mission in Afghanistan scheiterte – ­einem ausgeklügelten Drohnenprogramm zum Trotz. Der Islamische Staat stieg auf, erlebte dann aber einen Niedergang im Irak und in Syrien, schlug aber in Europa heftig gegen zivile Ziele zu. Drohnenangriffe im Jemen schwächten Al-Qaida, hinterliessen aber einen Bürgerkrieg und eine Hungersnot. Zugegeben: Die angesprochenen Ereignisse sind komplex und lassen sich in ihrer Kausalität nicht nur auf den amerikanischen Drohneneinsatz ­reduzieren. Nichtsdestotrotz sollten die ausbleibenden Erfolge im Krieg gegen den Terror Präsident Biden zu denken geben.

Gemeinsame Feinde

Präsident Bidens «Over the Horizon»-Strategie beruht auf einer Reihe von sich überschneidenden Grundannahmen, die mindestens fragwürdig sind. So spielt beispielsweise der Faktor Entfernung nach wie vor eine entscheidende Rolle: Selbst wenn Drohnen aus der Ferne «über den Horizont» hinweg eingesetzt werden können, müssen sie weiterhin noch vor Ort gestartet werden. Die Drohne MQ-9 Reaper hat eine Reichweite von 1850 Kilometern, fliegt in der Praxis hingegen oft nur kürzere Strecken von einigen hundert Kilometern.2 Das bedeutet, dass die USA befreundete Luftwaffenstützpunkte in der Nähe von Afghanistan benötigen, damit diese Strategie funktioniert. Die USA sind somit auch nach ihrem Abzug aus Afghanistan von der Kooperation Pakistans und anderer Regierungen in der unmittelbaren Nähe abhängig. Dies hat sich in der jüngeren Vergangenheit als ein Hindernis erwiesen: Die USA haben nicht bedacht, dass der mächtige pakista­nische Geheimdienst ISI einer der grössten Unterstützer der Taliban ist.

«Durch die Kombination von Eigenschaften wie Geschwindigkeit, ­

Präzision, ­Anpassungsfähigkeit und Distanziertheit üben Drohnen

eine nahezu unwider­stehliche ­Anziehungskraft auf politische ­

Entscheidungsträger aus – ohne dass sich ­diese dessen bewusst sind.»

Präsident Bidens «Over the Horizon»-Strategie verkennt auch, dass der Feind…

Am Tag nach dem US-Drohnenangriff vom Sonntag, 29. August 2021, versammeln sich in Kabul Einwohner und ­Familienangehörige der Opfer neben dem beschädigten Fahrzeug. Bild: Bashir Darwish / UPI / laif.
Illusion eines Nullrisikos

Die US-Regierung versteht die Drohne als Wunderwaffe gegen den Terror. Doch ihre Attraktivität als vermeintlich risikoloses Instrument verleitet dazu, übermässig viele Einsätze zu fliegen. Das könnte kontraproduktiv sein.

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