Krieg ist der grösste Feind der Freiheit
Militärische Interventionen werden oft im Namen der Sicherheit, Moral oder Gerechtigkeit begründet. Historisch führen sie jedoch vor allem zu mehr Macht für den Staat – und beschneiden die Freiheit des Einzelnen.
Der Angriff der Vereinigten Staaten und Israel auf Iran entzweit die Gemüter. Kein Zweifel: In Teheran regiert ein Unrechtsregime. Und es steht ausser Frage, dass diejenigen, die von ihm bedroht, gepeinigt, geschädigt werden, sich zur Wehr setzen dürfen. Doch ich argumentiere: Ein Verteidigungskrieg eines Staates, bei dem Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden, ist abzulehnen; gleiches gilt selbstredend für Angriffskriege von Staaten.
Mein Argument lehnt sich im Grunde an ein Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts von 2006 an. Die Richter entschieden, dass der Abschuss eines entführten Flugzeugs verfassungswidrig ist, weil er gegen die Menschenwürde (Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes) und das Recht auf Leben (Artikel 2) verstösst. Ein von Selbstmordattentätern entführtes Passagierflugzeug etwa darf auch dann nicht abgeschossen werden, wenn es in einen Büroturm gesteuert werden soll, um Unschuldige zu töten.
Dem Urteil kann ich als libertärer Ökonom uneingeschränkt zustimmen, und so lautet auch mein Argument gegen Krieg: Kein Mensch (und damit auch kein Staat) darf Gewalt gegen das Leben oder legitim erworbenes Eigentum eines Unschuldigen initiieren. Wenn der Staat Krieg führt, dann verletzt er diesen Grundsatz: Er bombardiert und tötet Zivilisten, verursacht «Kollateralschäden», zwingt Menschen zur Kriegsführung – Militärzwang ist letztlich eine Form von Sklaverei –, finanziert das Tötungsgewerbe mit Steuern, also mit erpresstem Geld und/oder inflationärem Geld, und fügt Unschuldigen damit grossen Schaden zu.
Krieg lässt den Staat wachsen
Wer Krieg befürwortet, der bereitet den Weg zur Allmacht des Staates – in Form von Steuern, Zwangsmilitärdienst, Zensur, Propaganda, Staatsschulden, Inflation, Bürokratie und Auswuchern des Staatsapparats zu einem «tiefen Staat». Selbst vermeintliche «Siege» stärken übrigens den Staat noch weiter. Sie lassen ihn wachsen – zu Lasten der Freiheit unschuldiger, friedvoller Konsumenten und Produzenten.
Der Krieg zerstört moralisch und kulturell. Er korrumpiert die Gesellschaft, das Massentöten wird normalisiert, Propaganda schürt Hass auf «den Feind», freies Denken wird unterdrückt, Menschenwürde und Kultur verkommen. Auch wirtschaftlich richtet er grossen Schaden an. Ressourcen werden von produktiver Nutzung in Zerstörungswerkzeuge umgeleitet. Jeder angebliche «Wirtschaftsaufschwung» durch Krieg ist illusorisch – er gleicht einer Seuche, die nur Bestatter reich macht.
«Wer Krieg befürwortet, der bereitet den Weg zur Allmacht des Staates – in Form von Steuern, Zwangsmilitärdienst, Zensur, Propaganda, Staatsschulden, Inflation, Bürokratie und Auswuchern des Staatsapparats zu einem «tiefen Staat».»
Zu glauben, der Staat lasse sich zielgerecht einsetzen, um das Gute zu tun und einen «gerechten Krieg» zu führen, ist Wunschdenken. Man denke nur an die US-amerikanischen Kriege, die in den betroffenen Ländern in der Regel Zustände hinterliessen, die schlimmer waren als zuvor – etwa in Korea oder Vietnam. Oder an die Flächenbombardements deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges durch britische und US-amerikanische Streitkräfte, die schätzungsweise 300 000 bis 500 000 zivile Todesopfer forderten.
Was dabei meist übersehen wird: Der Staat – so wie wir ihn heute kennen – ist eine aggressive Institution, ein Zwangs- und Gewaltapparat, nach innen wie auch nach aussen, sobald er gross genug geworden ist. Staaten, die vorgeben, die Aggression anderer Staaten zu bekämpfen, oder sich gar als Weltpolizei aufspielen, sind selbst Aggressoren. Denn diejenigen, die in ihrem Dienst stehen, üben notwendigerweise Zwang und Gewalt gegenüber ihren Mitmenschen aus.
Die modernen Staaten sind kein Bollwerk gegen Kriege – sie sind vielmehr deren Ursache. Vor allem auch weil diejenigen, die die Staatsmacht innehaben, die Kosten ihres Handelns nicht selbst zu tragen haben, sondern sie auf andere abwälzen können. Dafür einzutreten, sie mit Waffen auch noch hochzurüsten, finanziert mit Geld, das unschuldigen Menschen abgepresst wird, ist so gesehen an Unvernunft kaum mehr zu überbieten.
Strikte Selbstverteidigung
Was also ist die Lösung, die Alternative, um in Frieden zu leben? Sie lautet: Die Gesellschaft richtet sich strikt auf Selbstverteidigung aus – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Selbstverteidigung darf dabei keinesfalls in Imperiumsbildung oder in «kollektive Sicherheitssysteme» oder Bündnisse münden. Denn das führt zwangsläufig zu Konflikten und Krieg.
Man hat sich vielmehr aus den Angelegenheiten anderer Staaten strikt herauszuhalten («radikaler Nicht-Interventionismus»). Zudem muss der Verteidigungsapparat aus freiwillig bereitgestellten Mitteln bestritten und darf nicht durch Geld finanziert werden, das der Staat sich per Zwang und Gewalt beschafft, etwa durch Steuern oder inflationäres Geld. Insbesondere muss die Teilnahme an Verteidigungsdiensten auf freiwilliger Basis aufgebaut sein – etwa in Form einer Freiwilligenmiliz –, gegebenenfalls ergänzt durch vertraglich angeheuerte Privatfirmen, die professionell auf Verteidigungsdienste spezialisiert sind.
Für kleine Staaten ist es ratsam, strikt neutral zu sein, sich nicht in Konflikte hineinziehen zu lassen, wie es die Schweiz praktiziert. Ohnehin empfiehlt es sich, aus grossen Staaten kleine zu machen. Kleine Staaten sind wirtschaftlich nicht autark, sie müssen daher freundlich sein, damit sie für Handel, Auslandskapital und Talente attraktiv sind. Auch haben kleine politische Einheiten kaum Anreize, Konflikte anzuzetteln. Die Gefahr, angegriffen zu werden, ist damit vergleichsweise gering. Und sollte ein kleiner Staat tatsächlich angegriffen werden, wird es Gegenwehr geben oder nicht – und zwar entsprechend der Entscheidung der Freiwilligenmiliz. Auf ebendieser Grundlage besiegten übrigens die Amerikaner im Revolutionskrieg die Briten.
Im Fall des Iran hätte man mit dieser Art von Selbstverteidigungsdoktrin durchaus – nachdem alle Verhandlungsoptionen gescheitert sind – gezielt die Produktionsstätten von Massenvernichtungswaffen zerstören und jene Personen ausschalten können, die nachweislich für Bedrohung und Terrorakte verantwortlich sind. Was aber keinesfalls legitim ist, sind Raketenangriffe von Staaten auf Wohnstätten, die Ausweitung von Angriffs- und Verteidigungskrieg auf Unschuldige und deren Eigentum – ganz zu schweigen von der Androhung oder gar Anwendung von Massenvernichtungswaffen.
Konflikte zwischen Menschen wird es wohl leider immer geben. Aber Kriege – geplante, gross angelegte, organisierte Gewalt, die alles und jeden mit hineinreisst – rühren aus der Existenz von Staaten. Der Ökonom Ludwig von Mises formulierte es im Jahr 1919 treffend: «Wer Frieden zwischen den Völkern will, muss den Staat und seinen Einfluss auf das Stärkste einzuschränken suchen.» Wer Mises darin folgt, der verwirft auch die Ideologie, die bislang immer wieder Kriege heraufbeschwört.