Ein moderner Finanzhistoriker alter Schule

Erinnerungen an Charles P. Kindleberger In der Zunft der Finanzhistoriographie nahm Charles P(oor) Kindleberger die Stellung eines Doyen ein. Er hat die Entwicklung und die Krankengeschichte des Finanzsystems in entscheidenden Phasen des 20. Jahrhunderts unmittelbar und nahe beim Aktionszentrum miterlebt und später aus kritischer Distanz analysiert und beschrieben.

Ein moderner Finanzhistoriker alter Schule

«In meinem Alter sind Sie durch mathematische Turnübungen nicht mehr so leicht zu beeindrucken», sagte an einem eisigen Winterabend 1977 der lange, hagere Professor mit dem aufrechten Gang des Offiziers, beim Ausgang des Ökonomietrakts des MIT in Cambridge, Massachusetts, zum jungen Schweizer, der zufällig denselben Weg hatte und sich vom soeben gehörten Vortrag eines jünglingshaften PhD-Wunderkindes tief beeindruckt zeigte. «Sagt Ihnen der Name Lieutenant Edward Tenenbaum etwas?» fragte derselbe, inzwischen möglicherweise mehr als der aufrechte Amerikaner gealterte Schweizer den mittlerweile 87 Jahre alt Gewordenen im Frühjahr 1997 auf der Fahrt vom Flughafen Kloten nach St. Gallen. «Aber gewiss, der junge, vielsprachige Offizier und brillante Ökonom Tenenbaum war der spiritus rector hinter der deutschen Währungsreform von 1948, und ich habe soeben seinen Nachlass gesammelt und der Harry Truman Library der Yale University übergeben.» Zwei Aussagen, die einiges über den Gelehrten Kindleberger verraten.

Nachdem der emeritierte Professor seine Frau Sara mehrere Jahre gepflegt hatte, war die vom Verein für Finanzgeschichte Schweiz-Liechtenstein finanzierte Gastprofessur an der Universität St. Gallen nach langem Unterbruch sein erstes längeres Auslandsengagement gewesen. Den Teilnehmern an der Vorlesung History of Banking and Finance war rasch klar: Die Finanzkrisen der Weltgeschichte gehören zum festen, jederzeit abrufbaren Bestand des Gedächtnisses und der Vorlesungen von Charles P. Kindleberger, Ford International Professor emeritus des Massachusetts Institute of Technology. Die grösste Finanzkrise des 20. Jahrhunderts, die Grosse Depression, die den mittelständischen Wohlstand der Eltern des 20-jährigen New Yorker Anwaltssohnes schwer erschütterte, sollte ihn prägen und für den Rest seines langen Lebens seine Aufmerksamkeit auf Währungs- und Finanzfragen und deren Geschichte hinlenken. «Nie in meinem Leben habe ich je wieder so viel Geld in der Hand gehalten wie 1928, als ich als 18-jähriger in meiner Ledermappe täglich mehr als eine Million Dollar als Kurier von einem Finanzinstitut zum andern trug», bekannte er in einer Vorlesung an der Universität St. Gallen.

Freie Märkte – auch freie Finanzmärkte – seien eine grossartige Sache und ermöglichten Wohlstand und Entwicklung, aber es gebe makroökonomisch-kollektive Stromausfälle, wo entschlossene, intelligente Intervention, namentlich der Zentralbanken und eventuell der Fiskalbehörden, vonnöten sei, war der durch die harte Eiszeit der Depression Gezeichnete überzeugt. Gleichzeitig war er sich der Risiken aller makroökonomischen Steuerungsversuche vollkommen bewusst: moral hazard in Form von Sorglosigkeit der Investoren im trügerischen Verlass auf geld- und fiskalpolitische Rettung bei Fehlkalkulationen, machten makro-ökonomische Rettungsaktionen zu einem gefährlichen Hochseilakt. Deshalb warnte er gleichzeitig vor verfrühter und allzu generöser Intervention und trug den Notenbankgouverneuren die «unmögliche» Mission auf, allfällige Erwartungen auf Intervention glaubwürdig zu bekämpfen und gleichzeitig im Notfall dennoch als lender of last resort entschlossen zu handeln.

Historisches Inventar der Finanzkrisen

Das aufgearbeitete Inventar der Finanzkrisen der letzten 400 Jahre hat er für die Nachwelt in seinem mehrmals nachgeführten Werke «Manias, Panics, and Crashes» deponiert, das seit zwei Jahren aus aktuellem Anlass einen ansehnlichen Zitations- und Verkaufsboom erlebt. Trotz seiner erfahrungsgeschulten Hellhörigkeit für Krisen gehörte Kindleberger nicht zu jenen Katastrophengurus, von denen Paul A. Samuelson schon in den sechziger Jahren sagte, sie würden mit so viel Beharrlichkeit den Crash voraussagen, dass sie unweigerlich einmal recht behalten würden. Er widerstand der Versuchung der Prognose des Unprognostizierbaren, aber sicherte das Wissen über Vorgänge von Hybris und Kollaps auf Finanz- und Investitionsmärkten.

Der – wie dies, vor der Selbstdisqualifizierung der deutschen Nationalökonomie, bei Amerikanern nicht unüblich war – neben Englisch auch Deutsch und Französisch sprechende 29-jährige war 1939, nach dem Doktorat an der Columbia University und einem Aufenthalt bei der für die internationalen Währungstransaktionen der USA zuständigen Federal Reserve Bank of New York, als Ökonom nach Basel an die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich gekommen. Da es in Basel nach dem Fall…

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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