In Panik

Wie Terrorismus funktioniert: eine Nacherzählung in drei Akten

In Panik
Yuval Noah Harari, photographiert von Antonio Olmos.

Prolog

In Paris ist es Februar. Seit den Anschlägen im November sind die Cafés etwas leerer geworden und die Preise für Getränke etwas teurer. Ein Bier in einem der markisenüberdachten Bistros zu trinken ist, zumindest in der Phantasie mancher Touristen, nun exklusive Randerfahrung mit potenzieller Todesgefahr. Auch die Metros sind leerer. Viele Einwohner der Stadt nehmen aus Angst vor neuen Angriffen nun das Auto, darum bildet sich vor allem an der Peripherie täglich mehr Stau. In grossen Kaufhäusern wie den Galeries Lafayette gibt es statt fünf nur noch einen Haupteingang, den dafür mit Sicherheitskontrolle. Taschen und Mäntel werden an vielen Eingängen der Stadt, ob vor Museen, Kirchen oder Buchläden, kontrolliert. Der Anblick von patrouillierenden Militärpolizisten hat sich normalisiert. Gibt es im Frankreich des Ausnahmezustands mehr Angst? Ja und nein, sagen die Anwohner. Es handle sich eher um ein neues Gefühl der Verwundbarkeit. Die vielen staatlichen Sicherheitsmassnahmen finden weite und dankbare Unterstützung. 

 

1. Akt: Psychologische Kriegsführung

Terroristen, sagt Yuval Noah Harari in seinem Büro an der Hebrew University of Jerusalem, verfügten nicht über die militärische Stärke, immense Schäden anzurichten. Am ersten Tag der grössten Schlacht des Ersten Weltkriegs, der Schlacht an der Somme vom 1. Juli 1916, starben auf britischer Seite 19 000 Soldaten, 40 000 wurden verwundet. Die Schlacht kostete bis zu ihrem Ende im November desselben Jahres auf britischer, französischer und deutscher Seite insgesamt über eine Million Menschen das Leben.

Bei den Terroranschlägen am 13. November 2015 in Paris kamen 130 Menschen ums Leben. Etwa 352 wurden verletzt, ein Drittel davon schwer. Eine vergleichsweise sehr geringe Opferzahl. Dennoch schaffen es Terrorakte, in Menschen grösseren Schrecken zu erwecken als der Gedanke an eine Weltkriegsschlacht. Warum?

Ihre Schwäche kompensierten Terroristen wie jene in Paris mit psychologischer Kriegsführung, sagt Harari. Sie entwürfen ein Spektakel mit Angstfaktor, ähnlich dem des Theaters. Harari: «Der Terrorismus funktioniert so gut, weil er eine Show furchtbarer politischer Gewalt inszeniert, die unsere Phantasie anregt, uns das Gefühl gibt, in mittelalterliches Chaos zu versinken.» Mit Rapmusik untermalte Hinrichtungen auf Video, schwarze Flaggen an Jeep-Konvois, Frauen auf Scheiterhaufen, auf Piken gespiesste Köpfe: Die spektakulären Szenarien, mit denen die Terroristen des «Islamischen Staats» (IS) sich darstellen, zerstören unser Sicherheitsgefühl. Selbst der Mord an ein paar Dutzend Menschen, sagt Harari, lasse so bei Millionen das Gefühl massiver Bedrohung entstehen. Doch wie reagieren Staaten auf diese Theatralik? Und wie sollten sie reagieren?

Die Hebrew University befindet sich auf einer Anhöhe im Nordosten Jerusalems. Von hier aus kann der Blick über die sandfarbene Stadt schweifen, vermeint man, die Kuppel der Al-Aqsa-Moschee auszumachen, weiter dahinter den schlanken Turm der Grabeskirche, in der diesigen Ferne den Berg Zion, weit weg dann das trockene Geröll des Umlandes, dazwischen ein paar dunkelgrüne Nadelbäume, irgendwo den Waber der Wüste. Hier in Jerusalem lehrt der 38jährige Yuval Noah Harari Geschichte. Hier veröffentlichte er unter anderem das Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit» (2013), das Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in seinen Online-Buchclub aufnahm und so Harari zu internationalem Ruhm verhalf. In Israel ist der überzeugte Veganer ein intellektueller Celebrity, er schreibt für die grösste Landeszeitung «Haaretz», auf YouTube sind Kurzclips seiner Vorlesungen beliebt. 

 

2. Akt: Überreaktion

Der moderne Staat, erklärt Harari, gründe sich auf der Prämisse, das eigene Territorium frei von politischer Gewalt zu halten. Tatsächlich sei das Leben in den meisten heutigen Staaten vor politischer Gewalt viel geschützter, als es das in jeder vorangegangenen Epoche war. Auf das Spektakel des Terrorismus reagiere der Staat mit einem «Theater der Sicherheit», orchestriere übertrieben spektakuläre Shows, die Stärke demonstrierten, wie die Verfolgung ganzer Bevölkerungen oder Invasionen in fremde Länder. Der damalige US-Präsident George W. Bush rief nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 den «Krieg gegen den Terror» aus. Auch Frankreich befindet sich «im Krieg». Präsident François Hollande deklarierte ihn am 15. November, ohne jedoch eine zu bekämpfende Einheit – den IS oder andere Terrorgruppen – zu nennen. Für Harari unterscheidet sich Terrorismus jedoch grundlegend von Krieg. Es sei eine irrige Annahme, dass «Krieg» gegen Terror möglich sei.

In den meisten Fällen stellten solche Überreaktionen eine viel grössere Bedrohung des Weltfriedens dar als der Terrorismus selber. «Terroristen sind wie Fliegen, die versuchen, einen Porzellanladen zu zerstören», sagt der Forscher und erklärt weiter: «Die Fliege ist so schwach, dass sie noch nicht mal eine einzige Tasse bewegen kann. Also findet sie einen Stier, setzt sich in sein Ohr und beginnt zu summen. Der Stier dreht vor Angst und Wut durch und zerstört den Porzellanladen. Das ist im letzten Jahrzehnt im Nahen Osten passiert. Islamische Fundamentalisten hätten die Regimes von Saddam Hussein, Muammar al-Gadhafi oder Bashar al-Assad nie stürzen können. Also haben sie mit 9/11 die Wut der USA auf sich gezogen, und die USA haben den Porzellanladen des Nahen Ostens für sie zerstört. Jetzt gedeihen sie in den Trümmern.» 

 

3. Akt: Das Ende der Freiheit

Auch in Europa selber wirkt das Gift der Terroristen. Drei Monate nach den Anschlägen hat das französische Parlament der Aufnahme des im November ausgerufenen Ausnahmezustands in die Verfassung zugestimmt. Wie wird sich ein Ausnahmezustand mit offenem Ende auf das öffentliche und staatsbürgerliche Leben auswirken? Ist Normalität in Frankreich, vielleicht einmal in ganz Europa, fortan bloss eine Fassade, hinter der Demokratien bürgerliche Freiheiten verletzen?

Israelis leben in einem von der Regierung sanktionierten, permanenten Ausnahmezustand, sowohl legal als auch psychisch. Seit den Angriffen auf Paris werden zunehmend Stimmen von einer bevorstehenden «Israelisierung Europas» laut, zum Beispiel sich verändernde Sicherheitsstandards, auf den Strassen patrouillierende Militärpolizei, Ausgangssperren, Hausdurchsuchungen. Doch ist eine Gleichsetzung von Europa und Israel überhaupt gerechtfertigt, gar angemessen? Glücklicherweise sei Europa, was die Bedrohung durch Terror wie auch die staatlichen Reaktionen auf den Terror angehe, noch sehr weit von Israel entfernt, antwortet Harari. Auch, das wolle er betonen, habe Israel aufgrund der Erinnerungen an den Holocaust und aufgrund der realen Gegebenheiten im Nahen Osten einen weitaus besseren Grund für Paranoia. Wenn der unmittelbare Nachbar das Assad-Regime sei, dazu noch Hamas und Hisbollah kämen, sei Paranoia ja nicht verwunderlich. Das bedeute aber nicht, dass diese Paranoia Israel gut tue oder dass israelische Gegenmassnahmen stets gerechtfertigt seien. Es bedeute aber, dies wird Harari nicht müde zu betonen, dass Europa und Israel sich in einer sehr unterschiedlichen Lage befänden. Doch wie sollen sich Staaten nun verteidigen gegen Terrorismus?

Für Harari steht fest: Demokratien hätten das Recht und die Pflicht, sich und den öffentlichen Raum zu verteidigen. Politische Gewalt sei eine reale Bedrohung für das Fortbestehen des demokratischen Gemeinguts. Trotzdem sei es in den meisten Fällen nicht notwendig, bürgerliche Freiheiten einzuschränken. Der Kampf gegen den Terror solle sich vielmehr auf zwei wesentliche Dinge konzentrieren: Erstens müssten die Regierungen in die Informationsbeschaffung zu Terrornetzwerken und den entsprechenden Geldflüssen investieren. Zweitens sollten die Medien die Verhältnismässigkeit wahren. Das Theater des Terrors könne ohne mediale Unterstützung nicht überleben, erklärt Harari nachdrücklich.

«Die wahre Front im Kampf gegen den Terror ist die Psyche eines jeden», sagt Harari. «Der Terrorismus hält unsere Phantasie gefangen, wendet sie gegen uns. Wieder und wieder spielen wir einzelne Terrorshows vor unserem inneren Auge ab, erinnern uns an 9/11 oder die Pariser Anschläge. Terroristen töten 100 Menschen und 100 Millionen vermuten dann einen Terroristen hinter jedem Baum.» Die Psyche also als eine Art verinnerlichtes Schlachtfeld, eine innere Bühne, auf der der Staat den Terrorismus bekämpft? Plötzlich wirkt Harari optimistisch. Ja, der Terror sei subjektiv; besiegt man die Angst in sich, besiegt man auch den Terrorismus: «Jeder einzelne trägt die Verantwortung, Psyche und Vorstellungskraft von Terror zu befreien, sich klarzumachen, dass die Bedrohung viel geringer ist, als man denkt.» Nur weil die Menschen anfällig für die Bilder des Terrors sind – für düstere IS-Videos, rauchende World-Trade-Center-Türme, davon wie Käfer herunterstürzende Menschen –, sind auch die Medien von diesen Bildern besessen, verbreiten und wiederholen sie. Und zwingen so die Regierungen zu Überreaktionen. 

 

Epilog

Anfang März ist im Elysée-Palast die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu Besuch. Einen Tag lang berät sie sich hinter verschlossenen Türen mit Präsident Hollande zum Umgang mit den Flüchtlingen, die gerade zu hunderttausenden aus der IS-Hochburg Syrien nach Jordanien, in den Libanon, in die Türkei, nach Griechenland und Zentraleuropa flüchten. Als die beiden Staatschefs am Abend vor die Medien treten, sehen sie sehr müde aus. «Wir arbeiten», sagt Hollande, «im gemeinsamen Geist und mit gemeinsamem Willen.» Zur gleichen Zeit wimmelt es in der Pariser Innenstadt vor Kameras auf Stativen und aufgespannten weissen Lichtschirmen. Lange, dünne Menschen eilen über die Strassen. Man spricht über das Modehaus Dior, dessen Chefdesigner vor wenigen Monaten abgesprungen ist. Und über eine 94jährige New Yorker Modedame namens Iris Apfel, die einfach nicht aufhören will, guter Laune zu sein. Es ist Fashion Week in Paris, die grösste, wichtigste und glamouröseste aller Werkschauen. Gegründet 1914, mitten im Ersten Weltkrieg, mit kommerziellem Trotz gegen eine Welt voller Uniformen.

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Al-Qaida: Die traditionelle «Flagge des Johad», arabisch «Al-Raya», nach islamischer Überlieferung die Flagge, die bereits Mohammed hisste. Der Schriftzug ist das muslimische Glaubensbekenntnis, die «Shahada»: «Es gibt keine Gott ausser Gott (Allah), und Mohammed ist sein Prophet.»
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Um ihre Macht zu vergrössern, nutzen Terroristen die Marketingmethoden erfolgreicher Unternehmen.

Doing Business

Die Schweiz ist Spitze, dies zumindest lässt sich verschiedenen internationalen Wirtschaftsrankings entnehmen. Nur: Kein kleines Unternehmen überlebt das erste Jahr, wenn es seine Ressourcen nicht aufs Arbeiten, sondern aufs Ausfüllen von Datenblättern und Steuerunterlagen richten muss.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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