Al-Qaida™

Um ihre Macht zu vergrössern, nutzen Terroristen die Marketingmethoden erfolgreicher Unternehmen.

Al-Qaida™
Al-Qaida: Die traditionelle «Flagge des Johad», arabisch «Al-Raya», nach islamischer Überlieferung die Flagge, die bereits Mohammed hisste. Der Schriftzug ist das muslimische Glaubensbekenntnis, die «Shahada»: «Es gibt keine Gott ausser Gott (Allah), und Mohammed ist sein Prophet.»

Das wahre Ziel von Terroristen – oder, je nach Perspektive, Freiheitskämpfern – sind nicht die Menschen, denen sie das Leben nehmen. Es sind die, die dabei zusehen. Terrororganisationen kämpfen um die Köpfe und Herzen des Publikums.

Sie tun das zunehmend mit den Mitteln globalisierter Unternehmen. Mit offiziellen Logos, Markennamen, Netzkampagnen, online gestreuten Videos. Und es gibt nur einen Weg, dem zu begegnen: Entzauberung. Das Licht anzustellen. Genau zu beschreiben, was wahr ist und was behauptet, wie Verführung geschaffen und Menschen missbraucht werden.

Artur Beifuss tut genau das. Gemeinsam mit dem Grafiker Francesco Trivini Bellini  hat er die Logos von Organisationen gesammelt und analysiert, die auf den Terrorlisten der USA, der EU, von Indien, Russland und Australien stehen. Die Autoren beschreiben nüchtern, mit welchen Farben und Symbolen die Gruppen arbeiten – und nehmen ihnen so einen Teil ihres Mythos.

Ihr Buch ist so spannend, weil es etwas klarmacht: Organisierter Terror ist auch ein Geschäft. Was verkaufen Terroristen?

Jede terroristische Gruppierung legitimiert sich durch Revolution, Widerstand und Rebellion. Das ist allen Organisationen gemein. Revolution, Widerstand und Rebellion sind das Produkt. Mit diesem Produkt werden verschiedene Ideologien verknüpft, und die würde ich dann als «brands» oder Marken bezeichnen.

Es gibt sozusagen ein ganzes Sortiment, aus dem ein an Widerstand Interessierter auswählen kann?

Ja, das Feld ist hart umkämpft. Es gibt weltweit zahlreiche Gruppen, teilweise mit sehr ähnlichen Zielen. Und jede von ihnen versucht, herauszustechen.

Wie versuchen sie das?

Sehr ähnlich, wie reguläre Marken auch: mit den Mitteln der Kommunikation, also mit Marketing, Branding oder Werbung. Terrorismus kann und sollte auch als eine Kommunikationsstrategie verstanden werden. Natürlich ist es eine militärische und politische Strategie. Aber eben auch eine Kommunikationsstrategie. Das macht Terrorabwehr manchmal so schwierig. Terroristische Gruppen zielen auf die Emotionen der Menschen.

Genau darum sind visuelle Merkmale wie Namen, Kleidung oder eben Logos so wichtig, wie Sie in Ihrem Buch schreiben.

Sie sind essenziell für den Erfolg einer Organisation. Terrorismus zielt darauf, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, die dann wiederum Druck auf Entscheidungsträger ausübt, sich im Sinne der Terroristen zu verhalten. Visuelle Kommunikation ist essenziell, um die Identität und Botschaft der Organisation überhaupt bekannt zu machen.

Es gibt ein paar Dinge, die an den von Ihnen gesammelten Logos auffallen. Zunächst: es gibt offenbar kulturelle Vorlieben. Die Logos von europäischen und amerikanischen Organisationen sind eher schlicht, die aus dem Nahen Osten oder Zentralasien eher romantisch und verschnörkelt. Warum ist das so?

Man darf nicht vergessen, dass ich die Logos von nur einem Bruchteil aller weltweit tätigen Organisationen analysiert habe. Daher bin ich immer vorsichtig mit Verallgemeinerungen. Darüber hinaus sind das relative Begriffe. Was in einem Kulturkreis als «verschnörkelt» und «romantisch» gilt, kann in anderen Kulturkreisen eine vollkommen andere Wirkung haben.

Es gibt ein paar Ausnahmen. Die spannendste ist der IS. Er hat die Flagge der Al-Qaida übernommen – sie aber auf dem Weg deutlich schlichter gemacht. Ein Grafiker würde sagen entschlackt.

Was meinen Sie mit «übernommen»? Der IS hat sich seit 2003 mehrmals neu erfunden und auch die Flagge verändert. 2004 hat sich die Gruppe, damals noch unter dem Namen «Jamal al Tawhid wal Jihad», mit Al-Qaida zusammengeschlossen und in «Al-Qaida Irak» umbenannt. Sie nutzte im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Flaggen. Allen gemeinsam war die Shahada, das Glaubensbekenntnis, und ein kreisförmiges Objekt, damals noch als Symbol für den Mond. 2007 legitimierte ein islamischer Gelehrter das Design religiös. Seither gilt das Runde in der Mitte als Repräsentation eines Siegels, das der Prophet Mohammed benutzt hat. In einem Museum in Istanbul kann man dieses Siegel als Ring sehen. Die Al-Qaida-Flagge zeigt nur die Shahada.

In seiner Schlichtheit ähnelt das IS-Logo dem Logo eines Weltkonzerns.…