In Ascona mit Peter und Ursula

Wollte man «Die Welt ist blau» von Victoria Wolff, der Präsentation des AvivA-Verlages folgend, als heiter-erfrischenden Sommerroman aus Ascona lesen und besprechen, so läge man nicht falsch – doch der eigentliche Wert des Buches, die Editionsleistung und die aussergewöhnlich bedachte Gestaltung blieben auf der Strecke.

«Also gut, in die Schweiz, ein einsilbiges Wort zwar, aber es lässt sich hören… Wo liegt eigentlich das Tessin?» – so willkürlich entscheiden Ursula Eisenlohr und Peter Mack, zwei junge, frischverliebte Menschen aus Süddeutschland darüber, wohin ihre erste gemeinsame Reise gehen soll. Während Peter schon überzeugt ist, in seiner Freundin die Frau fürs Leben gefunden zu haben, fühlt sie sich einer Art innerer Moral verpflichtet – vielleicht auch den Ratschlägen ihres Vaters und ihrer verheirateten Schwester, die Unverbindlichkeit und Eigenwillen aus Vernunftgründen vorschreiben: sie soll das Leben als Sport betreiben. Am glücklichen Ende der Geschichte schliessen Peter und Ursula einen Pakt der gegenseitigen Achtung persönlicher Grenzen und Werte, und §5 des Papiers enthält die Forderung: «Die Welt muss blau sein, auch wenn sie grau ist!» Sehr einfühlsam und klug sind die Gedanken der jungen Frau dargestellt, die manchmal aus Launen, manchmal aus plötzlicher Einsicht ihren Gefühlen folgt, sofern sie diese erkennen kann. Viel Witz und bisweilen köstliche Aperçus unterhalten den Leser, der zuschaut, wie beide Reisenden im Versuch, sich gegeneinander wohlüberlegt zu verhalten, anderen Personen, Nebenbeimenschen, begegnen und sich gegenseitig missverstehen.

Eines Abends aber wird die junge Frau plötzlich verhaftet und über Nacht eingesperrt. Erst später wird klar, dass Peter seiner Freundin eine Art Läuterung im Stile Jane Austens zumutet. Um ihr Interesse an einem Zauberkünstler zu ersticken, hat er diese Verhaftung selbst inszeniert. Im Bewusstsein der historischen Hintergründe bleibt dem Leser allerdings das Lachen im Halse stecken. Die Geschichte spielt 1933 in Ascona, das spätestens im Mai desselben Jahres, nach der Bücherverbrennung, zum Fluchtziel vieler Deutscher werden wird, denen zu Hause nächtliche Verhaftungen ganz anderer Art drohen.

Für die Schriftstellerin Victoria Wolff, damals noch verheiratete Wolf, war die Fahrt in die Schweiz keine Fahrt ins Blaue. Als Jüdin und reichsfeindliche Autorin lebte sie zu jenem Zeitpunkt bereits mit ihren Kindern in Ascona im Exil, während ihr Ehemann im heimatlichen Heilbronn verblieb. «Die Welt ist blau» erschien mit grossem Erfolg, zuerst 1933 als Vorabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung . Später wurde Wolff wegen unerlaubter schriftstellerischer Tätigkeit aus der Schweiz ausgewiesen und gelangte über Nizza und Lissabon nach Los Angeles, wo sie 1992 in hohem Alter verstarb. Es ist das Verdienst des AvivA-Verlages und der Herausgeberin, Anke Heimberg, nach «Das weisse Abendkleid» nun ein zweites Werk (von sehr vielen weiteren) der Autorin herausgebracht zu haben. Wolff, die in Ascona mit Ignazio Silone, Erich Maria Remarque und in Kalifornien mit den Feuchtwangers und Manns befreundet war, hatte bereits in den dreissiger Jahren Berühmtheit als Journalistin und Schriftstellerin erlangt und blieb in den USA bis zu ihrem Tod als Autorin (auch von Hollywood-Drehbüchern) bekannt.

In einem Nachwort zeigt Heimberg die direkten Hintergründe des Aufenthalts in Ascona auf; manche in «Die Welt ist blau» vorkommende Personen, Orte und Ereignisse entstammen direkt der Szene im Tessin der damaligen Zeit. Historische Ansichten des Lago Maggiore verschönern den Band und bringen dem Leser zusätzliche Freude. Das aufmerksam gewählte Titelbild einer jungen Frau im Badeanzug – blau auf blau, die Person verschwimmt fast in ihrer Umwelt – erscheint wie die liebevolle Summe des Buches: der Wille zum verträumten Blau ginge auf Dauer auf Kosten der Differenziertheit.

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

Victoria Wolff: «Die Welt ist blau. Ein Sommerroman aus Ascona». Berlin: AvivA, 2008.

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