Wir können mehr!

Vom Schweizer Pioniergeist ist nur noch in der Vergangenheitsform die Rede, das Land droht zu einem ängstlichen Verwalter des Erreichten zu werden. Es ist Zeit, sich wieder mehr zuzutrauen.

Wir können mehr!
Andrea Gmür-Schönenberger, zvg.

Auf die Gründung der Eidgenossenschaft im Jahr 1848 und die Jahre danach fallen einige wegweisende, für unser Land prägende Ereignisse – alle in Zusammenhang mit dem Zürcher Alfred Escher, der als Eisenbahnpionier, Bankengründer und grosser Politiker in die Schweizer Geschichte eingegangen ist. Zwischen 1848/49 und den frühen 1860er Jahren realisierte Escher die Nordostbahn (1852/53) und legte mit dem eidgenössischen Polytechnikum den Grundstein für die ETH (1854/55). Escher baute nicht nur die Schweizerische Kreditanstalt (1856) auf, die als Credit Suisse fortlebt, sondern auch die Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt (1857), die als Swiss Life bis heute erfolgreich am Markt wirkt. Zwischen den Gründungen dieser Finanz- und Bildungsinstitutionen, die in über einem Jahrhundert gewachsen sind, sich etabliert und rund um den Globus Bekanntheit und Bewunderung erlangt haben, und der Gegenwart liegen über 150 Jahre. Escher begrüsst zwar weiterhin als Statue die Ankommenden am Zürcher HB, sein in vielen Geschichtsbüchern bis heute beschworener Pioniergeist aber scheint verschwunden.

Wir Schweizerinnen und Schweizer gehören heute zu den weltweit Reichsten – und zu den am besten Versicherten. Wir schützen Hausrat, Auto, Wertsachen und neben vielem mehr unser Leben. Wie der Teufel das Weihwasser fürchten die meisten von uns es aber, ein Risiko einzugehen, um noch mehr zu erreichen – aber womöglich auch einen Misserfolg in Kauf nehmen zu müssen. Und weshalb? Weil, wer hierzulande scheitert, schnell zur Persona non grata, mitunter also gesellschaftlich geächtet wird. Falsche Richtung! Wie viel einfacher hätten wir es, nähmen wir das Risiko ein bisschen amerikanischer, ein bisschen unbeschwerter und lockerer in Angriff. Der Basketballstar Michael Jordan hat die dazu notwendige Mentalität einfach und prägnant auf den Punkt gebracht: «Ich bin immer und immer wieder gescheitert in meinem Leben. Und genau deshalb bin ich erfolgreich.»

Warum wagen?

Durchaus, an Verunsicherungen herrscht aus der Warte des bestversicherten Landes der Welt kein Mangel: die weltpolitische Lage scheint fragiler als auch schon. Vielerorts herrscht Krieg, Menschen befinden sich auf der Flucht, gewaltige Migrationsbewegungen sind im Gang. Nach dem Brexit weiss man nicht so recht, wohin sich die Europäische Union entwickeln wird. Die Einigkeit in Europa schien schon grösser, die Arbeitslosigkeit war de facto einmal tiefer, das Gefälle zwischen Nord und Süd geringer. Inmitten all dieser Unsicherheiten geht es uns in der Schweiz hervorragend – nicht nur im internationalen Vergleich. Dennoch fühlen sich zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer vom Wandel des Arbeitsmarkts durch die Digitalisierung, durch Sparzwänge, durch zunehmende Verteilkämpfe und durch die gesellschaftlichen Veränderungen mit einer wachsenden Zahl von Menschen aus fremden Ländern verunsichert und haben Angst, sie müssten künftig mit weniger zurechtkommen. Bedenkenträger, Zögerer und Zauderer, die auf jede neue Idee mit «Das brauchen wir nicht, das wollen wir nicht, hatten wir doch bisher auch nicht» reagieren, haben Konjunktur.

Gute, vielleicht aber nicht völlig ausgegorene Ideen werden in solchen Zeiten eher im Keim erstickt denn angepackt, potenzielle Veränderungen stets zuerst als Bedrohung gesehen. Oder deutlicher: weil es uns in jüngerer Zeit immer so gut ergangen ist, glauben wir, uns nicht mehr bewegen zu müssen. Der Pioniergeist, der weite Teile der Schweiz von einem Armenhaus in ein reiches Land verwandelt hat, kommt abhanden, Risikobereitschaft wird zum Fremdwort. «Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und alles verloren werden kann?», lässt Schiller, der deutsche Nationaldichter, in «Kabale und Liebe» einmal fragen. Tun wir nichts, so könnte sich dieses Zitat für uns Schweizerinnen und Schweizer als ziemlich prophetisch erweisen…

Der Wohlstand, den wir im 19. und 20. Jahrhundert hart erarbeitet haben, hat uns auch träge gemacht. Obschon wir den Gürtel in den letzten Jahren nachweislich sehr viel weiter schnallen konnten als unsere Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern, haben wir uns innert Kürze an diesen historisch sehr jungen Komfort gewöhnt. Wir wollen gar nichts anderes mehr, denn Wagnisse verlangen Verzicht und Disziplin – sich auf dem erlangten Erfolg auszuruhen, verlangt zwar zunächst nichts, irgendwann dafür aber umso mehr. Unser Staat trägt sein Scherflein dazu bei: wo der Staat (zu) stark für den einzelnen sorgt, erhöht er noch die Gefahr, dass letzterer sich wie eine Perle in seine Muschel einschliesst und abschottet.

Zeugnisse von Schweizer Pioniergeist

Werfen wir einen Blick zurück: Im Juni 2016 durften wir die Eröffnung des Tunnels durch den Gotthard feiern. Aus ganz Europa reisten Staatsoberhäupter und Wirtschaftsführer an und freuten sich mit uns über den längsten Eisenbahntunnel der Welt, über das Jahrhundertprojekt, das unser kleines Land für einmal rund um den Globus im gleissend hellen Rampenlicht erscheinen liess. Ein erster Meilenstein dazu wurde im Jahr 1992 gelegt, mit der damaligen Volksabstimmung, in der sich die Bevölkerung hinter die NEAT und die damit verbundene Finanzierung stellte. Über ein Vierteljahrhundert wurde geplant und gebaut. Stolz durchqueren heute Grosseltern mit ihren Enkelkindern die Alpen und präsentieren ihnen das imposante Bauwerk und das wohl vorläufig letzte, grosse Zeugnis von Schweizer Pioniergeist. Denn: eine NEAT würde heute bei einer Volksabstimmung kaum mehr eine Mehrheit finden; ganz zu schweigen von einem mindestens zum Teil auch privat finanzierten KKL, das sich neben der Kapellbrücke zum touristischen Leuchtturm Luzerns entwickelt hat und dessen 20-Jahr-Jubiläum dieses Jahr zelebriert wird. Die Liste liesse sich fortsetzen, man ist auch irgendwie stolz auf das Erreichte, aber ähnliche, neue Projekte werden heute unter «Gigantismus» abgehakt und vom Tisch gefegt, bevor sie fertig geplant oder auf verschiedene Schultern verteilt finanziert werden können. Zürich kämpft bald seit Jahrzehnten für ein neues Kongresszentrum oder «nur» ein neues Fussballstadion – bisher ohne nennenswerten Erfolg.

Warum nicht das Grossprojekt «Sion 2026» wagen?

Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob allenfalls auch unsere direkte Demokratie hie und da an ihre Grenzen stösst. Neue Projektideen werden teilweise bereits im parlamentarischen Prozess beerdigt, öfters auch mittels Referenden oder Initiativen. Kaum hatte der Bundesrat etwa zu «Sion 2026» Stellung bezogen, wurde eifrig getwittert, auf Facebook gepostet und online verbreitet, wie teuer und wenig nachhaltig die ganze Geschichte sei – mitten in der Projektphase notabene, in Unkenntnis von Fakten, Zahlen und Budget. Der Bundesrat hat in der Zwischenzeit eine Milliarde Franken dafür bewilligt. Zugegeben: eine unglaubliche Stange Geld, besonders dann, wenn gleichzeitig aus Spargründen Steuererhöhungen diskutiert, Prämienverbilligungen gestrichen und Stipendien gekürzt werden müssen. Verständlich, dass Kritik laut, eine Volksabstimmung dazu verlangt wird. Dafür reicht aber die Zeit nicht.

Der Fall ist exemplarisch: leider ist es heute gang und gäbe, sich ultimativ und sofort eine Meinung zu bilden, ungeachtet dessen, ob man nun bereits weiss, worum es geht oder nicht. Sehr schnell lehnt man sich so weit aus dem Fenster, dass man nachher gar nicht mehr zurückbuchstabieren und unter Umständen seine Meinung revidieren kann, obwohl man das vielleicht gerne tun möchte. Es ist bequemer, einfacher und schneller, eine Situation in irgendeine Richtung aufzuheizen, Meinungen zu äussern, Parteien gegeneinander auszuspielen. Wer etwas wagen will, und sei das nun politisch oder privat, sieht sich einer Phalanx unreflektierter, dabei aber immer lauter und unflätiger Reagierender, sich selbst «Kritiker» Nennender gegenüber. Es ist beinahe nachvollziehbar, dass immer mehr potenzielle Pioniere ihre Projekte dort verwirklichen, wo sie nicht befürchten müssen, niedergebrüllt und für ihre Ideen abgekanzelt zu werden.

Eine Chance geben

Um grossen Projekten zu grösserem Rückhalt zu verhelfen, braucht es aber auch wieder mehr Identifikationsfiguren wie damals einen Alfred Escher oder wie bei der NEAT einen Adolf Ogi. Doris Leuthard hat es geschafft, die zweite Gotthardröhre beim Volk durchzubringen. Es braucht Menschen, die ungeachtet der Kritik, die aufgrund ihres Engagements auf sie einprasselt, für ein Projekt bedingungslos einstehen, andere dafür begeistern und davon überzeugen können. Lassen wir also nun beispielsweise das Wallis in aller Ruhe über «Sion 2026» entscheiden. Geben wir dem Projekt die prinzipielle Chance, sehen wir neben der Gefahr exorbitanter kurzfristiger Kosten auch den längerfristigen Nutzen in Form von Infrastrukturinvestitionen und weltweiter touristischer Werbung. Auch der Sportsgeist, der die ganze Schweiz wohl wieder packen würde, darf in die Rechnung einfliessen.

Wir können mehr! Zur Aktivierung des Pioniergeistes muss kein positives Narrativ erfunden werden, wie aktuell immer und überall behauptet wird. Denn der Pioniergeist liegt längst in uns. Wir müssen uns dessen nur wieder bewusst werden, vielleicht wieder mehr darüber diskutieren, was wir anpacken wollen, und nicht nur darüber, was alles zu verhindern ist. Unser Land benötigt in allen politischen Lagern eine unternehmerische Aufbruchstimmung und ein aktualisiertes Bewusstsein dafür, dass unser Glas weder halbleer noch halbvoll, sondern in beinahe allen Bereichen randvoll ist, also zu unserer individuellen und gesellschaftlichen Verfügung steht. Vincent van Gogh statt Friedrich Schiller: «Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren.»


Andrea Gmür-Schönenberger
ist seit 2015 Nationalrätin für die CVP. Sie wohnt in Luzern.