Im Taka-Tuka-Land

Mit Pippi-Langstrumpf-Politik haben wir es zu tun, wenn ihre Repräsentanten oder die Bürger glauben, die Gesellschaft per Dekret einem idealisierten Wunschbild entsprechen lassen zu können.

«Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.» So lautet ein Satz im Titellied der ikonischen Filmreihe «Pippi Langstrumpf» aus dem hohen Norden. Nun macht es Politiker sicher nicht unsympathisch, wenn sie in ihrer Jugend begeisterte Zuschauer dieser Filme waren. Im Gegenteil. Bedenklich stimmt jedoch, wenn sie sich das Titellied gleichsam zum Motto ihrer politischen Karriere erküren.

Mit Pippi-Langstrumpf-Politik haben wir es zu tun, wenn ihre Repräsentanten oder die Bürger glauben, die Gesellschaft per Dekret einem idealisierten Wunschbild entsprechen lassen zu können. Eben: ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Immer häufiger entsprechen politische Initiativen dieser – gelinde gesagt – optimistischen Vorstellung, auch in der Schweiz.

Gibt es zu viele Menschen, die keinen auskömmlichen Lohn erhalten? Hoppla, die Politik verordnet einen Mindestlohn. Gibt es umgekehrt Menschen, die obszön hohe Löhne kassieren? Zack, die Politik schreibt fest, dass der Boss maximal das Zwölffache des geringstverdienenden Mitarbeiters erhält. Entwickeln sich gefühlt die Vermögen der Bürger auseinander? Ein Schwung mit dem politischen Zauberstab, und die Erbschafts- und Vermögenssteuer sorgt für Gleichheit und Harmonie.

Die Pippi-Langstrumpf-Politik betrachtet eine Gesellschaft wie ein Knetküchlein, das beliebig zu lustigen Brezeln oder Schnecken geformt werden kann. Es braucht dazu nur einen ausreichend starken politischen Willen. Schliesslich konnte die freche Pippi mit den roten Zöpfen sogar ihr Pferd in die Höhe stemmen. Und wenn Pippi den Gesetzen der Physik trotzen konnte, dann kann die Politik erst recht der Gesetze der Ökonomie spotten.

Es bleibt jedoch ein Problem. Eine Gesellschaft ist leider keine leblose Knetmasse – sie besteht aus quicklebendigen Individuen, mit einem freien Willen ausgestattet. Und mit ganz unterschiedlichen Vorlieben, Talenten und Wünschen. Natürlich kann die Politik diesen Individuen Hürden in den Weg legen – sie kann eine Handlung erschweren oder auch begünstigen. Aber den Willen, Geschmack oder die Fähigkeiten der Individuen kann die Politik genauso wenig formen, wie Pippi ihr Pferd in ein Äffchen verwandeln konnte.

Und darum wirtschaftet eine Gesellschaft letztlich immer, wie es ihr passt – und nicht, wie es der Politik passt. Führt die Politik einen Mindestlohn ein, orientiert sich der Arbeitgeber weiter an seiner Zahlungsbereitschaft. Im Extremfall wird er den verteuerten Mitarbeiter eben entlassen müssen. Deckelt die Politik die Managerlöhne, aber die Arbeitgeber sind weiter spendierfreudig, so wird man sich flugs auf neue Organisations- und Beschäftigungsformen einigen, die den Deckel geschmeidig umgehen. Und steuert die Politik Erbschaften und Vermögen weg, so werden die Betroffenen ihr Eigentum entweder listig tarnen – oder aber ganz dem Zugriff des Fiskus entziehen.

Pippi-Langstrumpf-Politik wird so zur Sisyphus-Arbeit. Der Philosoph Robert Nozick erklärte einmal treffend, warum das Ziel materieller Gleichheit in einer freien Gesellschaft unmöglich zu erreichen ist: Solange die Menschen tauschen können, wird jeder politische Eingriff und jede Umverteilung sofort durch einen neuen Tausch konterkariert. Gerade weil die Talente und Wünsche der Menschen ungleich sind, tauschen sie – so dass jeder das Eigene und Besondere erhält, das seinem Willen entspricht.

Mindestlohn oder 1:12-Initiative sind darum aussichtslose, naive Projekte, die ihr Ziel nie erreichen, selbst wenn eine Mehrheit der Stimmenden ihnen ihre Stimme leiht. Pippi Langstrumpf war zweifelsohne eine grossartige Kindergeschichte. Pippi-Langstrumpf-Politik hingegen ist die Fortsetzung kindischer Unbelehrbarkeit mit den Mitteln des politischen Zwangs. Dabei sollten Erwachsene eigentlich wissen: Der Mensch ist keine Masse, die sich per Dekret oder Befehl formen lässt. Zum Glück! Es ist ja gerade die Eigenwilligkeit der Menschen, die den Reiz und Reichtum einer Gesellschaft ausmachen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»