Wie ich ein Libertärer wurde

Als ich feststellen musste, dass das Geld, das in Opern, Konzerte und andere Formen der «Hochkultur» gesteckt wird, fast ausschliesslich aus bürgerlichen, wirtschaftsnahen Kreisen stammt, geriet mein Weltbild ins Wanken.

Wie ich ein Libertärer wurde

Es ist ein gar nicht so seltenes Phänomen, dass Menschen im Laufe ihres Lebens ihre Religion wechseln, oder gar jedwede kirchliche Bindung aufgeben.

Auch in der Politik kann immer wieder beobachtet werden, wie aus ehemals lautstark demonstrierenden Linksaktivisten gutverdienende, in der Regel im «öffentlichen Sektor» beschäftigte, vorzugsweise linksliberal eingefärbte Bürgerliche werden.

Dass ich persönlich jemals in dieser Deutlichkeit meine früheren Standpunkte überdenken und die lange Entwicklung vom linkssozialistischen Marx-Fan zum entschieden liberalen Bürger mit teilweise konservativem Wertesystem vollziehen würde, hätte ich noch vor sieben bis acht Jahren kaum erahnen können.

Linke Untoleranz

Die Veränderungen, die ich durchlebte, wurden mit grosser Verwunderung registriert:  die Gefühlsregungen reichten von staunender Anerkennung über fasziniertes Interesse, bis zu Irritationen, ärgerlichem Kopfschütteln und – allerdings selten – offener Befremdung und Feindseligkeit. Ich musste erfahren, dass man mit einem linken Weltbild, das doch allerorten die Menschen zu altruistischeren, (angeblich) sozialeren Wesen erziehen möchte, auf der Skala der vielzitierten «Toleranz und Offenheit» gegenüber anderen Standpunkten, besonders dem freiheitlich-bürgerlichen, nicht unbedingt einen Spitzenplatz einnimmt.

Vielleicht liegt das daran, dass das Image linksliberaler, manchmal sogar unverhohlen linksradikaler Gruppierungen bei uns seit Jahrzehnten positiv besetzt ist und sowas wie die Normalität darstellt. Sehr oft hörte ich schon in meiner Jugendzeit: «Ja weisst du, Extremismus ist natürlich nie gut, aber die Grundidee der gerechten Verteilung der Güter ist doch faszinierend und schön.» Das hat sich bis heute nicht geändert. Links zu sein galt und gilt immer noch als besonders aufgeklärt, mutig und kritisch – auch wenn alle anderen im sozialen Umfeld genau die gleichen Ansichten haben. Selbst wenn die Ergebnisse dieser weltanschaulichen Experimente in vielen Bereichen der Gesellschaft grandios scheitern, gesteht man den idealistisch engagierten Gesellschafts-Gestaltern immerhin anerkennend «gute Absichten» und «guten Willen» zu.

Die mittlerweile längst erwiesenen Gräueltaten, begangen im Namen der «schönen» Idee des Kommunismus/Sozialismus – welche eben auch «gemässigte, verbürgerlichte» sozialdemokratisch orientierte Menschen bisweilen in den Bann zieht – haben offensichtlich dem guten Image dieser Gesellschaftstheorie nur wenig Abbruch getan.

Bei uns ist das vielerorts ungetrübte Staatsbild – jenes von einer gütigen, helfenden Hand –wohl dadurch entstanden, dass die hiesigen Behörden uns meist trotz allen unmissverständlichen Zwangselementen und Zahlungsaufforderungen dennoch lange Zeit irgendwie wie klassische Kunden in einem (halbwegs) freien  Markt behandelt haben.

Bestimmte Kapriolen der sogenannt freien Wirtschaft sowie die anschliessenden Rettungsmassnahmen und Sanierungen durch «die öffentliche Hand» haben dazu beigetragen, dass das sozialdemokratische Grundempfinden, wonach der ordnende, auf sozialen Ausgleich bedachte, umverteilende Staat als unentbehrlich angesehen wird, einen enormen Auftrieb erfahren hat.

Bei vielen Menschen meiner Generation, aber auch der Generation meiner Eltern, herrscht der fast unverrückbare Glaube vor, dass bei sämtlichen Missständen in Wirtschaft und Gesellschaft, «die Politik», «die Allgemeinheit», oder «die ordnende Hand» tätig werden müsste.

Gute Politik, böse Wirtschaft

Nach meiner Beobachtung findet dieses Leiden an der «Gesellschaft», die nach Auffassung vieler nicht imstande ist, jedem den von ihm als «angemessen» empfundenen Status bereitzuhalten, umso häufiger, je näher der jeweilige Kritiker bei öffentlichen, staatlichen Bildungseinrichtungen angesiedelt ist.

Beispielsweise herrschte an meinem ehemaligen Studienort, dem Berner Konservatorium, überwiegend unhinterfragt die Meinung vor, dass die wirkliche gefährliche Macht nur von «der Wirtschaft», der «privaten Profitgier» und «den Grosskonzernen» ausgehen würde. Die Machtballungen, welche durch die unheilvollen Verflechtungen von Lobbygruppen mit der etablierten Politik (und somit dem Staat) entstehen, waren und sind in den meisten Hochschulkreisen kaum ein Thema.

Vor gut sieben Jahren nun geriet mein linkes Weltbild gründlich ins Wanken, als ich immer mehr feststellen musste, dass all das Geld, welches in von mir mitgestaltete Kulturbetriebe, Opern, Operetten, Konzerte gesteckt wurde, fast ausschliesslich aus bürgerlichen, wirtschaftsnahen, oft auch konservativen Kreisen stammt.

Bürgerliches Geld, sozialdemokratische Umverteilung

Ich konnte es kaum glauben. Waren es denn nicht die im öffentlichen Dienst tätigen linken Gerechtigkeitsapostel, die seit Jahren mit Sorgenfalten den angeblichen «Kulturabbau» beklagten und sich für Kulturbudgets starkmachten, die gar nicht üppig genug ausfallen konnten? Sie waren doch eigentlich diejenigen, welche es allen Menschen, unabhängig ihrer gesellschaftlichen Herkunft, ermöglichen wollten, sich auszubilden und kulturell zu betätigen. Sie, und nicht die Bürgerlichen.

Es beschlich mich immer öfter ein flaues Gefühl, wenn ich sah, wie wenig mein Alltag als freischaffender Musiker mit diesen liebgewonnenen Mantras der genuin linken Kulturkreise zu tun hatte.

Mehr und mehr sah ich den schroffen Gegensatz zwischen den wohlfeilen Worten, den alles und nichts bedeutenden wolkigen Begriffen von «gesellschaftlich-solidarischem Zusammenhalt», von «kultureller Vielfalt» und dem tatsächlichen persönlichen Einsatz für verschiedene, auch beim Publikum besonders beliebte Anlässe. (Doch solche Projekte gerieten bei grossem Erfolg schon wieder in den Verdacht des «rein Kommerziellen» und der nicht sehr hochstehenden «Massenbefriedigung».)

Eigene Mittel zu investieren, um idealistisch bestimmte Projekte voranzutreiben, wie das viele als kleinbürgerlich belächelte Unternehmer und seit Jahrzehnten unverdrossen tun, gehört nun mal nicht zum Kerngeschäft der verbeamteten Funktionäre der «Hochkultur.»

Das Steuergeld vieler Menschen, die an als «wichtig» erachteten kulturellen Vorhaben kein Interesse bekunden, «grosszügig» umzuverteilen taugt nämlich nicht gerade als Beweis von Grossherzigkeit.

Mir wurde in der Studienzeit immer wieder vermittelt: Ohne den Staat, die «Allgemeinheit», die dazu angehalten werden sollte, die Orchester, die Theater und die Museen grosszügig zu finanzieren, kannst du als kleiner, schutzlos der rauen Kommerz-Brise des als bedrohlich empfundenen Marktes ausgelieferter Kunstschaffender doch niemals überleben!

Würde die auf (vermeintliche) Ausgewogenheit spezialisierte Schicht von Volkspädagogen uns «armen» Künstlern mit ihrem selbstlosen Einsatz für hochstehende Werke nicht wertvolle und «sichere» Arbeitsmöglichkeiten bereitstellen, wir könnten kaum überleben.

Da die offiziellen staatlichen Organe selbst nicht produktiv sind, sondern bloss nach eigenem Gutdünken über die zuvor mittels  – bei uns meist noch –  sanftem Zwang eingezogenen entsprechenden Ressourcen  verfügen können und häufig recht willkürlich Dinge buchstäblich «kaputt fördern» sollte das Ansehen dieser Umverteiler im Grunde genommen etwas niedriger sein, als dies im Allgemeinen der Fall ist.

Aber merkwürdigerweise sind die hohen Ruhegehälter und stattliche Pensionen für Leute im öffentlichen Dienst besonders für die breite Schicht der von latenten Abstiegsängsten geplagten Menschen im Bildungssektor kaum ein Grund zur Beanstandung,  da diese Berufsgattungen ihre als besonders unentbehrlich erachteten Tätigkeiten, ihre Leistungskraft nach Ansicht vieler für die «Allgemeinheit» eingesetzt haben.

Ein Unternehmer, der mit seinen Produkten und Dienstleistungen aufgrund freiwillig eingegangener Verträge und Bedürfnisbefriedigung von Millionen Kunden zu üppigem Wohlstand gelangt ist, löst Stirnrunzeln aus; ja, lässt bisweilen die Zornesader der selbsternannten Gerechtigkeitsapostel anschwellen.

Misstrauen gegen Überflieger

Breiten Bevölkerungsschichten bereitet die Tatsache Bauchgrimmen und Unwohlsein, dass jemand auch mal mit dem Verkauf von als wertlos angesehenen Gütern zu Reichtum gelangen kann. Es darf doch einfach nicht sein, sagen sie, dass «echte Qualität, wertvolle Arbeit» oftmals geringer eingeschätzt wird, als Dinge, die man gerne zu «schnödem Kommerz» zählen möchte!

Dass uns bereits mit der Muttermilch eingeflösste Grundgefühl, die Sehnsucht nach materieller Gerechtigkeit – wie auch immer definiert – und grösstmöglicher  Gleichheit verursacht ein grosses Misstrauen, oftmals sogar  regelrechte Hassgefühle allgemein gegenüber Aufsteigern, Karrieristen und Grossverdienern.

Das Bild der aus höheren, gar auch altruistischen Motiven für die «Gesamtgesellschaft» handelnden Staatsvertreter mit sozialdemokratischer Grundfärbung, welche das notwendige Gegengewicht zur profitmaximierenden, mit eiskalter Berechnung nach Rendite jagender Akteure aus der Privatwirtschaft bilden müssten, hält sich leider ebenfalls hartnäckig. 

Matthias Aeschlimann (*1972) arbeitet nach Erhalt zahlreicher Diplome an den Konservatorien Bern und Luzern als freischaffender Violinist in zahlreichen Ensembles, Orchestervereinen und auch einigen Operettenbühnen. Er setzt sich mit viel Leidenschaft für eine freie Kulturlandschaft ein, seit Kurzem auch für die Unabhängigkeitspartei up!.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»