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Martin Gurri, zvg.

Eine Welle digitalen Misstrauens erfasst die repräsentative Demokratie

Politische und gesellschaftliche Eliten haben das Vertrauen ihrer Bevölkerung verspielt. Wollen sie es zurückgewinnen, müssen sie ihr bisheriges Betriebsmodell grundlegend überdenken.

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Vertrauen ist die gravitative Kraft, die die repräsentative Demokratie zusammenhält. Repräsentation wirkt wie ein symbolischer Spiegel. Die Öffentlichkeit muss sich in ihren gewählten Vertretern wiedererkennen – nicht nur in Positionen und Programmen, sondern auch in Moral, Charakter und Lebensführung. Geht dieses Vertrauen verloren, bekommt der Spiegel Risse. Und mit ihm gerät das System ins Wanken.

Genau das beschreibt unsere gegenwärtige Lage. Seit der Jahrtausendwende erleben demokratische Staaten einen tiefgreifenden, fortschreitenden Vertrauenszerfall. Die Erosion beschränkt sich längst nicht mehr auf Regierungen und Parlamente, sondern erfasst die meisten Institutionen, die das moderne Leben organisieren – von den Medien bis zur Wissenschaft. Zwischen der Öffentlichkeit, den gewöhnlichen Bürgern, und jenen Eliten, die als ihre Vermittler und Repräsentanten auftreten, hat sich ein destruktiver Konflikt entzündet. Er wird täglich auf den digitalen Plattformen ausgetragen und entlädt sich zusehends auch auf der Strasse. Inzwischen prägt dieser Riss das politische Leben in Europa und den Vereinigten Staaten – und ist, in Wahrheit, ein globales Phänomen.

Das Internet untergräbt das Vertrauen

Die Belege für den Niedergang sind leicht zu finden. Nach Daten des Pew Research Center ist der Anteil der Amerikaner, die ihrer Regierung vertrauen, von 77 Prozent im Jahr 1964 auf 17 Prozent im Jahr 2025 gefallen. Dieses grobe Mass verweist auf einen dramatischen Vertrauensverlust gegenüber den konkret gewählten Amtsträgern. Der historische Vergleich macht die Dimension sichtbar: John F. Kennedy erreichte während seiner kurzen Amtszeit Zustimmungswerte von über 70 Prozent. Barack Obama kam als 2-Amtszeiten-Präsident im Durchschnitt nur noch auf einen mittleren Wert im 40-Prozent-Bereich. Sowohl Donald Trump in seiner ersten Amtszeit als auch Joe Biden bewegten sich bis zur Wahlniederlage bzw. bis zum Wiederwahlverzicht im unteren 40er-Bereich.

In Europa zeigt sich der Trend teils noch ausgeprägter. Das allgemeine Vertrauen in die Regierung, gemessen von Edelman, liegt bei 48 Prozent in Frankreich, 43 Prozent in Grossbritannien und 41 Prozent in Deutschland. Gleichzeitig sind die Zustimmungswerte vieler amtierender Regierungschefs auf historische Tiefststände gefallen: In Frankreich kommt Emmanuel Macron auf 14 Prozent, in Grossbritannien liegt Keir Starmer bei 13 Prozent. Etablierte Parteien, die einst ein breites gesellschaftliches Lager zusammenhielten, haben quer durch das ideologische Spektrum an Rückhalt verloren. Die ehrwürdige «Conservative Party» in Grossbritannien erreichte 2024 nur noch 23 Prozent der Stimmen, die deutschen Sozialdemokraten fielen bei der Wahl 2025 auf 16 Prozent. Der Aufstieg sektiererischer Parteien erschwert es zusätzlich, regierungsfähige Mehrheiten zu bilden. Frankreich erlebte im vergangenen Jahr vier Regierungen, und in Deutschland dauerte es nach der letzten Wahl 72 Tage, bis sich die Parteien auf ein unbehagliches Zweckbündnis von Kontrahenten verständigen konnten.

Auf beiden Kontinenten fällt der Vertrauenszerfall zeitlich mit dem Aufstieg der digitalen Plattformen zum dominanten Forum öffentlicher Debatten zusammen. Kaum jemand bestreitet hier einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Umstritten ist jedoch, welche Elemente des Internets und der sozialen Medien das Vertrauen untergraben. Für die Eliten gilt das Netz als die Mutter aller Lügen: ein digitaler Wildwest-Saloon, der unter das Joch von Anstand und Zivilisation gezwungen werden müsse. Von Eliten geführte Regierungen verstehen sich zunehmend als Schiedsrichter über Wahrheit und Unwahrheit. Während der Coronazeit erklärte Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, die Regierung bleibe die einzige Quelle der Wahrheit – alles andere sei nicht wahr. Entsprechend verabschiedeten die Europäische Union den Digital Services Act und Grossbritannien den Online Safety Act, um die digitale Landschaft von Desinformation – häufig Russland zugeschrieben – und Meinungen zu säubern, die der Staat als destabilisierend oder hasserfüllt einstuft.

Der Anspruch, die Wahrheit zu schützen, mündet dabei mitunter in einen Kreuzzug gegen Anbieter und Nutzer digitaler Technologien. Unter unterschiedlichsten Vorwänden hat die EU vor allem amerikanische Social-Media-Unternehmen mit Bussen von über 30 Milliarden Dollar belegt – zuletzt mit einer Strafe von 140 Millionen Dollar gegen X, die Plattform des von vielen Eliten verabscheuten Elon Musk. In Frankreich wurde Pavel Durov, der Gründer von Telegram, festgenommen, nachdem seine Plattform die Behörden verärgert hatte. Gleichzeitig sinnierte Macron darüber, digitale Inhalte mit staatlich genehmigten Kennzeichnungen zu versehen – vorgeblich, um zu verhindern, dass die Jugendlichen durch das Netz verwirrt werden. In Grossbritannien wiederum nimmt die Polizei täglich rund 30 Personen wegen Online-Äusserungen fest – mehr als 12 000 Festnahmen im Jahr 2023.

«Für die Eliten gilt das Netz als die Mutter aller Lügen: ein digitaler Wildwest-Saloon, der unter das Joch von Anstand und Zivilisation gezwungen werden müsse. Von Eliten geführte Regierungen verstehen sich zunehmend als Schiedsrichter über Wahrheit und Unwahrheit

Offenbar liegt der Gedanke zugrunde, Misstrauen lasse sich beseitigen, indem man das Internet mit roher Gewalt in eine Art «Le Monde» der 1960er-Jahre verwandelt. Dieses Modell wurde von der Kommunistischen Partei Chinas zur Genüge erprobt. Es funktioniert selbst dort nur begrenzt – und ist, wie sich zeigt, in demokratischen Gesellschaften erst recht kläglich gescheitert. Überraschen sollte das nicht. Der Versuch, den öffentlichen Debattenraum zu zensieren und abweichende Meinungen zu sanktionieren, hat nicht weniger, sondern mehr Misstrauen erzeugt.

Der digitale Tsunami

Zweifellos ist das Netz eine Fabrik der Unwahrheiten – doch darauf lässt es sich nicht reduzieren. Die schiere Menge der produzierten Informationen übersteigt die Verarbeitungskapazitäten unserer herrschenden Institutionen bei Weitem. Diese wurden nach industriellen Prinzipien gebaut: hierarchisch, träge, prozessorientiert. Ihre Legitimität speiste sich im 20. Jahrhundert aus einem faktischen Monopol über den Informationsfluss. Diese Zeit ist mittlerweile vorbei. Der digitale Tsunami hat Autorität und Deutungshoheit hinweggefegt. Die Öffentlichkeit kommuniziert heute mit Lichtgeschwindigkeit – und versteht nicht, warum Politiker weiterhin in ihren unbeweglichen Pyramiden verharren. Zugleich stehen die Eliten mit all ihren menschlichen Schwächen ungeschützt im Scheinwerferlicht. Jeder politische Fehltritt, jede falsche Prognose, jede unbedachte Bemerkung, jedes zweifelhafte Geschäft und jede sexuelle Eskapade an der Spitze spielt sich nun auf offener Bühne ab – vor den staunenden Augen der Massen.

Die alternative Erklärung für den Vertrauenszusammenbruch kehrt die gängige Diagnose um. Nicht digital verbreitete Lügen, sondern die digital verbreitete Wahrheit über die Eliten hat eine Krise der Entfremdung und Zurückweisung ausgelöst. Wie einst die römische Plebs hat sich die Öffentlichkeit von der politischen Klasse abgesetzt. Seit Jahren entladen sich diese Spannungen in regelmässigen Eruptionen: von den spanischen Indignados und Occupy Wall Street im Jahr 2011 über die Gelbwesten in Frankreich und die chilenische soziale Explosion von 2019 bis hin zu den erfolgreichen Strassenaufständen 2025 in Nepal, Madagaskar und Bulgarien. Diese wiederkehrenden Wutausbrüche haben die globale politische Atmosphäre in einen Zustand permanenter Turbulenz versetzt.

«Die alternative Erklärung für den Vertrauenszusammenbruch kehrt die gängige Diagnose um. Nicht digital verbreitete Lügen, sondern die digital verbreitete Wahrheit über die Eliten hat eine Krise der Entfremdung und Zurückweisung ausgelöst

Populisten, die die aufgeladene Stimmung der Bevölkerung für sich zu nutzen wissen, haben in wichtigen Ländern die Wahlen gewonnen. In manchen Fällen – etwa bei Trump in den USA oder Javier Milei in Argentinien – gingen sie daran, den «Deep State» zurückzudrängen. Verunsicherte Eliten reagierten darauf mit offen antidemokratischen Mitteln. So wurde in Rumänien die erste Runde der Präsidentschaftswahl annulliert, nachdem ein populistischer Kandidat gesiegt hatte. Solche Eingriffe haben die Lage nicht entschärft, sondern verschärft. Die Kluft zwischen den Wählern und ihren formalen Vertretern ist dadurch weiter gewachsen.

Auf der tiefsten Ebene reicht dieser Konflikt über die Politik hinaus und nimmt beinahe metaphysische Züge an. Die Eliten blicken mit Sehnsucht auf eine hochmodernistische Epoche zurück, getragen von Sinnversprechen und heroischen Verbesserungsprojekten. Zugleich speist sich dieser Populismus aus dem Impuls, Gemeinschaft wieder an traditionelle Quellen von Bedeutung und Spiritualität rückzubinden. In beiden Lagern jedoch hat sterile Nostalgie die Kreativität verdrängt. Aus dieser Perspektive erscheint die Kluft zwischen den Klassen weniger als Ursache denn als Symptom: Ausdruck einer fatalen Flucht der Zivilisation der Aufklärung vor ihrer eigenen historischen Mission. Doch das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

Die Regierungen sollten von Amazon lernen

Wie lässt sich das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen? Ein erster Schritt liegt auf der Hand: Das Informationssystem sollte als Werkzeug begriffen werden, das es zu nutzen gilt – nicht als Feind, den man bekämpfen muss. Institutionen müssen so umgebaut werden, dass sie digitale Fähigkeiten nicht blockieren, sondern ausschöpfen. Kurz gesagt: Sie müssen flacher, schneller und interaktiver werden. Zudem ist die pauschale Behauptung falsch, alle Institutionen stünden gleichermassen in Verruf. Millionen Menschen vertrauen Amazon ihre Finanzdaten an, erwarten eine faire Transaktion – und dass die bestellten Waren wie von Zauberhand vor der Haustür erscheinen.

Nationale Regierungen sollten eher wie Amazon funktionieren – und weniger wie die Grosse Pyramide von Gizeh. Politische Parteien müssten sich von den militärischen Befehlsstrukturen lösen und sich stärker an Modellen wie Reddit orientieren, wo jene Themen nach oben gespült werden, die tatsächlich auf Interesse stossen. Künstliche Intelligenz eröffnet dabei die Chance, den Staat nicht nur strukturell, sondern auch funktional neu zu gestalten. Sie kann die Wände des bürokratischen Labyrinths aus Glas machen – und sichtbar machen, was bislang im Dunkeln lag.

Da die Fragmentierung der Gesellschaft auch eine geografische Dimension hat, werden Entscheidungsfindung und politische Umsetzung nach unten verlagert werden müssen. Dörfer und Täler erhalten mehr Autonomie – etwa bei der Ausgestaltung des Gesundheitssystems und bei Fragen der Zuwanderung. Kontroversen würden nicht mehr durch ferne Zentralinstanzen entschieden, sondern durch direkte Demokratie in Form digitaler Referenden. In einer solchen Zukunft nähert sich jede demokratische Nation dem Modell der Schweiz an.

Ein generationenübergreifendes Projekt

Zur Rückeroberung des Vertrauens müssen sich die Eliten in ihrem Verhalten verändern. Politiker müssen die neue Nähe zur Öffentlichkeit – real wie virtuell – annehmen und aushalten, selbst wenn sie mit Blossstellung und physischer Gefahr verbunden ist. An die Stelle modernistischer Gewissheiten soll eine neue Wahlrhetorik der Bescheidenheit und Unsicherheit treten: die Einsicht, dass komplexe sozioökonomische Phänomene wie Armut oder Arbeitslosigkeit keine technischen Probleme sind, die sich einfach «lösen» lassen. Gewählte Amtsträger werden künftig nicht nur an Programmen gemessen, sondern an ihrer Fähigkeit, die Online-Werkzeuge souverän zu nutzen, sich im digitalen Äther zu bewegen und dabei transparente Integrität zu wahren. Eine neue Generation von Eliten mag diesen Wandel vorantreiben – doch sie allein wird nicht genügen. Es gibt zu viele junge Menschen mit alten Köpfen. Nur eine tiefgreifende kulturelle Transformation kann das Gefühl der gemeinsamen Identität zwischen Führenden und Geführten wiederbeleben.

Vor allem sollten wir uns daran erinnern, dass die Anpassung an ein neues Informationssystem ein generationenübergreifendes Projekt ist. Heute gilt der Buchdruck als befreiende Innovation, die wissenschaftliche Umbrüche ebenso ermöglichte wie die Amerikanische und die Französische Revolution. Anfänglich jedoch schürte das gedruckte Wort religiöses Misstrauen, das im Dreissigjährigen Krieg in grausame Massaker mündete. Mit dem Internet ist nichts annähernd so Entsetzliches geschehen. Dafür dürfen wir dankbar sein. Und wir sollten uns bewusst machen, dass die Uhr der Geschichte in Jahrhunderten tickt, nicht in Minuten – während wir die repräsentative Demokratie und uns selbst an die Zumutungen einer schönen neuen digitalen Welt anpassen.

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In Institutionen wie der Landsgemeinde in Appenzell zeigt sich das Vertrauen, das aus Vorhersagen entsteht, die mit der Realität übereinstimmen. Bild: Keystone/Christian Merz.
Vertrauen ist ein Naturgesetz

Von der Zelle über das Organ bis zum Menschen und zu Institutionen: Sie alle treffen Vorhersagen, um am Leben zu bleiben; das ist Leben. Wenn eine Vorhersage verlässlich ist, entsteht Vertrauen. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden.

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