Wir brauchen Ihre Unterstützung — Jetzt Mitglied werden! Weitere Infos

Ein Marathon reicht nicht mehr zum Angeben

Ob 100-Kilometer-Trail oder tägliche Ironman-Distanz – Hobbysportler vollbringen Leistungen, die früher Profis vorbehalten waren. Der Hochleistungssport ist zum Spiegel unserer Zeit geworden.

Ein Marathon reicht nicht mehr zum Angeben
Bild: Unsplash.

Es ist gar nicht allzu lange her, da konnte man auf Partys noch damit angeben: Ich laufe Marathon! Marathon, das war das Statussymbol der Highperformer und Overachiever aus der Management-Etage, die nicht nur Aktienkurse, sondern auch ihre körperliche Leistung in ungeahnte Höhen zu treiben vermochten. Mittlerweile stösst das Marathon-Selbstlob zunehmend nur noch auf desinteressiertes Schulterzucken. Marathonläufe sind längst im Breitensport angekommen. Eine wirkliche Dynamik mit Distinktionspotenzial erleben derzeit Ultramarathons und immer extremere Formen von Trailrunning oder sonstigen Erlebnisläufen – 100, 200, 300 Kilometer durch Wüsten, über Berge, im Dschungel. Auch Triathlon boomt. An technisch schwierigen 100-Kilometer-Trails durch die Alpen teilgenommen (und überlebt) zu haben, ja, damit lässt sich noch halbwegs Eindruck schinden.

Der Trend zu Ultraläufen lässt sich als sportliche Manifestation dessen deuten, was der britische Historiker Eric Hobsbawm «Das Zeitalter der Extreme» nannte. Im 20. Jahrhundert, das in unsere Zeit hineinragt und sie weiterhin prägt, wurde nicht nur alles schlechter, was schlechter werden kann – man denke nur an die Weltkriege oder an den Totalitarismus. Es wurde auch alles besser, was besser werden kann, sei es die Lebenserwartung, das Wahlrecht für alle oder die Überwindung der absoluten Armut. In allen Bereichen wurden Gewissheiten infrage gestellt und Grenzen gesprengt – ob in der Wissenschaft, im Sozialen, in der Kultur. Das Extreme wurde zur Normalität. So ist es auch im Sport.

«Was wir erleben, ist nichts Geringeres als die Demokratisierung und Egalisierung einstiger Körperaristokratien und damit die Professionalisierung des Amateurs. Hier hat’s mit dem ‹Trickle Down Effect› tatsächlich mal geklappt.»

Arsenal von Mittel, Methoden und Wissen

Unlängst absolvierte der Deutsche Jonas Deichmann 120 Langdistanztriathlons an 120 aufeinanderfolgenden Tagen. Allem Anschein nach unbeschadet. Früher hätte man gesagt: unmöglich! Der Amerikaner Bob Hayes läuft gar 89-jährig noch Ultradistanzen. Meine voll berufstätige Frau steigerte sich binnen drei Jahren von 10-Kilometer-Läufen auf Distanzen von bis zu 180 Kilometern in der Ebene und 160 Kilometern mit knapp 7000 Höhenmetern im Gelände. Verletzungsfrei. Bei internationalen Wettbewerben schafft sie es regelmässig in die Top 10 ihrer Altersklasse. Ohne Team, ohne Sponsor, ohne Leistungssporthintergrund. Das ist wohlgemerkt kein Beweis, dass es «jeder schaffen kann», wie Vulgärliberale nun frohlocken würden. Nicht alle sind für alles gemacht und äussere Umstände, auf die wir wenig Einfluss haben, können vieles verhindern. Aber einem jeden können die Spitzenleistungen anderer Inspiration und Ansporn sein.

Hobbysportler können heute auf ein historisch einzigartiges Arsenal von Mitteln, Methoden und Wissen zurückgreifen. Online sekundenschnell generierbare, praxistaugliche Trainingspläne. Überall verfügbare, sportartspezifische Ernährungsratgeber. Immer günstigere Smartwatches und sonstige Wearables, die systematische, datengestützte Selbstoptimierung ermöglichen. Nahrungssupplemente, Funktionskleidung, mitunter verblüffend qualitätvolle YouTube-Tutorials. Was wir erleben, ist nichts Geringeres als die Demokratisierung und Egalisierung einstiger Körperaristokratien und damit die Professionalisierung des Amateurs. Hier hat’s mit dem Trickle Down Effect tatsächlich mal geklappt.

Der Sportpsychologe Christoph Negri stellte 2024 in der NZZ fest, ambitionierte Breitensportler seien heute «oft krasser unterwegs als Profisportler. Morgens gehen sie im Hallenbad schwimmen, dann arbeiten sie, am Mittag fahren sie Velo, abends joggen sie. Danach fallen sie todmüde ins Bett, am nächsten Tag beginnt alles wieder von vorne.» Manche Bodybuilder verfügen über ein Wissen über den Körper, wie es früher nur Mediziner hatten. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass die Zeit fürs Familien- und Vereinsleben fehlt, narzisstische Tendenzen und Sportsucht begünstigt werden, wobei zugleich die Zahl der Adipösen, der Diabetiker oder von sonstigen Zivilisationskrankheiten Betroffener steigt. Das ist kein Widerspruch, sondern ganz im Sinne des «Zeitalters der Extreme» – alles wird besser und schlechter zugleich

»
Abonnieren Sie unsere
kostenlosen Newsletter!