Jedes Wort zählt
Thomas Greminger, Generalsekretär der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), im Gespräch.

Jedes Wort zählt

In der Diplomatie lauern so viele kommunikative Fallstricke wie sonst nirgends. Eine kleine Schulung in der Fachrichtung «Neutrales Reden».

Herr Greminger, Sie sind 1990 in den diplomatischen Dienst des EDA eingetreten, seit 30 Jahren sind Sie Diplomat. Welche Fähigkeiten muss ein Diplomat aus Ihrer Sicht mitbringen?

Er muss zuhören und Empathie für sein Gegenüber entwickeln können. Er muss kreativ sein, sonst können in Verhandlungs­situationen keine Win-win-Lösungen gefunden werden. Zudem soll er kommunikativ begabt sein und über Führungs- und ­Managementtalent verfügen. Wie ausgeprägt die verschiedenen Eigenschaften sein sollen, kommt auf die Funktion des Diplomaten an: Es gibt zum Beispiel Diplomaten, die primär hervorragende Unterhändler sind. In meiner Funktion als Chief Administrative Officer der OSZE – ich bin im Prinzip der General Manager der OSZE – geht es dagegen nicht ohne Kommunikations- und Führungsfähigkeiten.

In der Schweizer Armee sind Sie Generalstabsoffizier im Rang eines Oberstleutnants. Die Sprache des Militärs ist sehr direkt und scheinbar nur wenig diplomatisch. War Ihre militärische Laufbahn trotzdem hilfreich für Ihre Diplomatenkarriere?

Wenn man Diplomatie mit Führungsaufgaben verbindet, sind natürlich auch Leadership und Organisationskompetenzen gefragt. Im Militär erhält man schon in jungen Jahren die Möglichkeit, Führungserfahrung zu sammeln und das Einmaleins des ­Managements konkret anzuwenden. Laufend wird man an anspruchsvollere Aufgaben herangeführt, wobei Fehler passieren dürfen. Man lernt, sich präzise auszudrücken: Gerade in der Generalstabsausbildung erfährt man, wie man Probleme strukturiert angeht und sie konzis kommuniziert. In meiner diplomatischen Tätigkeit hat mir das auf jeden Fall sehr genützt.

Bei Ihrem Amtsantritt meinten Sie gegenüber der NZZ, dass Sie sowohl Manager als auch Vermittler seien und auf politisch-diplomatischer Ebene etwas bewegen wollten. Ist Ihnen das in den letzten drei Jahren gelungen?

Ich habe unter dem Titel «Fit for Purpose» anfangs 2018 eine relativ ambitionierte Reformagenda angepackt, weil ich die Organisation an die Herausforderungen der Zukunft heranführen will. Dabei habe ich beispielsweise mit Unterstützung von Ernst & Young sämtliche Managementprozesse des Sekretariats durchleuchten lassen. Etwa 80 Verbesserungsmassnahmen wurden initiiert, davon sind nun 60 umgesetzt, womit Kosten gespart und die Wirkung gesteigert werden konnte.

Sind Sie dabei auf Widerstände gestossen?

Natürlich, sowohl sekretariatsintern wie auch seitens der Teilnehmerstaaten. Reformen in einer Organisation wie der OSZE durchzuführen braucht Durchhaltevermögen und strategische Geduld. So konnte ich die Reform des schwerfälligen Budgetprozesses bisher leider noch nicht durchbringen. Dafür braucht es den Konsens von allen 57 Teilnehmerstaaten, und der ist, gerade in den angespannten politischen Verhältnissen von heute, schwierig zu erzielen.

Ich habe mir eine Karte mit allen 57 Teilnehmerstaaten angeschaut. Praktisch alle liegen auf der nördlichen Halbkugel, die südlichsten Länder sind südeuropäische Staaten. Gibt es dennoch spürbare kulturelle Unterschiede zwischen den Teilnehmern?

Im Prinzip umfassen wir den euroatlantischen und euroasiatischen Sicherheitsraum. Obwohl man ja vielleicht denken könnte, eine Regionalorganisation wie die OSZE sei homogener als eine weltumspannende, muss man sich vergegenwärtigen, dass mit Staaten aus Nordamerika, Europa und der ehemaligen Sowjetunion inklusive Zentralasiens sehr unterschiedliche Subregionen Teil der Organisation sind. Unser jüngstes Mitglied ist die Mongolei. In dieser grossen Bandbreite gibt es entsprechend unterschiedliche Selbstverständnisse und Wahrnehmungen, wofür diese Organisation steht und wo ihre Prioritäten liegen sollen. Die Prioritäten der Staaten des Westbalkans und des Südkaukasus oder Zentralasiens sind nicht…

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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