Die verfrühte Nation

Die Schweiz ist mittendrin und doch ausserhalb. Das Abseitsstehen pflegt sie mit Bedacht – und mit Erfolg. Das hat seinen Grund. Und seine Geschichte. Gedanken zur helvetischen Staatlichkeit, die modern ist, weil sie nie modern sein wollte.

Als Gymnasiast ging ich oft und gerne in die Landesbibliothek. Sie lag unserer Schule direkt gegenüber, und der moderne Bau von Oeschger, Kaufmann und Hostettler hatte es mir angetan. Heute heisst die Institution «Schweizerische Nationalbibliothek»; und das Landesmuseum in Zürich wird zum Schweizerischen Nationalmuseum. Wird die Schweiz im 21. Jahrhundert etwa spät noch eine Nation? Nein, werden wir beruhigt, es sei nur so, dass «Landes…» im Ausland – zum Beispiel in Deutschland, wo die Kantone «Länder» genannt werden – zu Missverständnissen führen könnte. Ausserdem habe es schon immer «Bibliothèque nationale», «Musée national» geheissen. Handelt es sich hier also um eine harmlose Namensänderung oder steckt doch mehr dahinter? Ist die Schweiz eine Nation wie jede andere auch?

«Nation» war schon immer ein schwer fassbarer Begriff, der vor allem zu politischen Zwecken ge- und missbraucht wurde. Er stammt wortgeschichtlich von lateinisch natio für Geburt, Herkunft, Volk ab, und bis in die Neuzeit wurde nationes an den Universitäten gebraucht, um die Studenten einer bestimmten Herkunft und Sprache zu bezeichnen. Später dann, mit der Herausbildung des modernen Staates, bezeichnete die Nation gleichsam das Staatsvolk als eine ideelle Einheit. In Frankreich sind das alle Menschen, die einem Gesetz unterstellt sind und also durch ein Parlament als Gesetzgeber repräsentiert werden. Weil dies in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert nicht der Fall war, meinte hier Nation vor allem Kultur- und Sprachnation. Man könnte also versucht sein, die Differenz zwischen «Bibliothèque nationale» und «Landesbibliothek» mit Hinweis auf die französische Tradition gleichsam wegzuerklären, denn die Schweiz ist eben, seit 1848, eine Na-tion im französischen Sinne, wohingegen sie mit sprachlicher und kultureller Einheit nie aufwarten konnte. Doch auch in Frankreich wurde ab dem 18. Jahrhundert die Einheit von Sprache und Kultur wichtig, die regionalen Sprachen wurden unterdrückt: «La France – nation une et indivisible» klingt gut, «La Suisse – nation une et indivisible» schon weniger. Bleibt also dennoch die Frage: Ist die Schweiz überhaupt eine Nation, ein souveräner Nationalstaat?

 

Der Staat als Zerfallsprodukt
Der souveräne Staat ist eine europäische Erfindung des 17. Jahrhunderts. Als Zerfallsprodukt des «Reiches» und im Gegensatz zu diesem traten die neuen Staaten immer in der Mehrzahl auf. Die Idee von Reich und Kaiser ging ursprünglich auf das antike Rom zurück. Nach den Wirren der Völkerwanderung hat Karl der Grosse das Reich von Rom bis Friesland und von der Bretagne bis nach Bayern wieder errichtet. Papst und Kaiser bildeten fortan das Machtduopol, das Europas Schicksal für tausend Jahre bestimmte. Dieses Reich wurde immer wieder geteilt und Teile wiedervereinigt, Friedrich II. von Hohenstaufen trug neben der Reichskrone diejenigen von Sizilien und Jerusalem, und im Herrschaftsbereich Karls V. ging die Sonne nie unter. Welche Völker, Sprachen und

Kulturen zum Reich gehörten, war belanglos, es wurde durch den Kaiser zusammengehalten. Dessen tatsächliche Herrschaftsmacht wurde im Laufe der Zeit schwächer, doch grundsätzlich wurde sie bis in die Neuzeit nicht in Frage gestellt: Das Reich bildete die Klammer, welche die Völker zusammenhielt.

Im Spätmittelalter verselbständigten sich im Westen und Norden Europas Königreiche – Portugal, Frankreich, England, Dänemark –, welche die Oberhoheit des Kaisers nicht mehr anerkannten. Es etablierten sich absolutistische Herrscher, die ihre Rechte direkt von der Gnade Gottes und der Macht ihrer Armeen ableiteten. Der Westfälische Friede von 1648 gründete darauf, dass es nun in Europa mehrere souveräne Staaten gab, die unter sich Verträge abschliessen konnten. Im Osten dagegen herrschten weiterhin
Kaiser, Zaren und Sultane über Vielvölkerreiche. Reiche waren also in Europa vom Frühmittelalter bis in die Moderne die vorherrschende politische Organisationsform. Doch etablierte sich der eigenständige Staat als Erfolgsmodell. Neue Staaten bildeten sich in Europas Mitte durch Vereinigung – Deutschland, Italien –, im Osten durch Zerfall der alten Reiche. Heute zählt Europa über vierzig Staaten, 27 davon gehören zur Europäischen Union. Haben wir es im Falle der EU mit einer Art neuem Reich zu tun? War der Nationalstaat nur ein kurzlebiger Irrläufer der Evolution?

Wie erging es in diesem Prozess des nation building der Schweiz? Gehörte sie zu den Vorläufern oder eher zu den Nachzüglern? Eigenartigerweise zu beiden. In der frühen Neuzeit wurde sie zu einer Pionierin in der Loslösung vom Reich. Mit Gessler und Tell hat dies fast gar nichts zu tun, denn damals kämpfte man für Freiheiten, die der Kaiser gewährt hatte und die es gegen lokale Fürsten zu verteidigen galt. Auch der Schwabenkrieg von 1499 führte nicht zum Ausscheiden aus dem Reichsverband, jedoch zu einer Schwächung des kaiserlichen Einflusses – noch im 17. Jahrhundert stellte man die Kantonswappen überall und regelmässig unter die Fittiche des Reichsadlers. Irgendwie gehörte man doch noch dazu. Irgendwie aber auch nicht, denn «das Land der Eidgenossen» oder das «Corpus helveticum» wurde zunehmend als selbständiger Herrschaftsbereich anerkannt. Schon 1530 sandte der französische König einen Botschafter nach Solothurn – zwecks Absicherung der Soldverträge. Man tat sich allerdings schwer mit diesem «unidentifizierbaren republikanischen Konglomerat»

So präsentierte sich die Lage zur Zeit des Westfälischen Friedens. Die Schweiz war vom Dreissigjährigen Krieg verschont geblieben, und deswegen hatte sie auch keinen Anlass, einen Vertreter nach Münster und Osnabrück zu senden. Auf eigene Initiative nahm jedoch der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein teil. Inzwischen waren die Beziehungen der Eidgenossenschaft zu Frankreich stärker geworden als diejenigen zum Reich, und Frankreich war daran interessiert, dass die Schweiz sich ganz vom Reich löste. Die Franzosen rieten Wettstein deshalb, für die Schweiz die Souveränität zu fordern. Doch dieser Begriff war noch neu und sein Gebrauch unklar. Was die Schweiz nach zähem Verhandeln erreichte, war die Nichtmehrunterstellung unter das Reichskammergericht, die sogenannte Exemption, die aber realiter nichts änderte. Da freilich markante Daten beliebt sind, sagt man gelegentlich, die Schweiz habe 1648 ihre
völkerrechtliche Unabhängigkeit erlangt.

Die Bedeutung von Souveränität
Die Idee des souveränen, meist absolutistisch regierten Staates setzte sich in Europa, wie bereits erwähnt, im 17. und 18. Jahrhundert durch. Was bedeutete dies für die Eidgenossenschaft? Souveränität hatte und hat eine Innen- und eine Aussenseite, die sich gegenseitig bedingen: dass der Fürst im Innern des Landes tatsächlich und ausschliesslich gebietet (Monopol der legitimen

Gewaltanwendung, Monopol der Gesetzgebung), ist die Voraussetzung dafür, dass er von aussen, von den anderen Herrschern als legitimer Vertreter seines Staates respektiert wird. Und dass er die Interessen seines Landes nach aussen wirkungsvoll vertreten kann – à la rigueur auch mit militärischen Mitteln –, ist die Voraussetzung dafür, dass die Legitimität seiner Herrschaft im Innern anerkannt wird.

Die Eidgenossenschaft wurde zwar in ihrer Unabhängigkeit vom Reich anerkannt, doch zur Souveränität fehlten ihr wichtige Voraussetzungen. Sie verfügte über keinerlei zentrale Autorität, die für das Land sprechen konnte, und sie hatte keine schlagkräftige moderne Armee, um ihre Interessen zu verteidigen. Sie blieb ein Bündnissystem von dreizehn weitgehend unabhängigen
Republiken mit äusserst unterschiedlichen inneren Verfassungen. Die Tagsatzung war eine diplomatische Konferenz, die nach Instruktionen verhandelte und nur einstimmig beschliessen konnte. Insofern war die Schweiz mehr ein letztes Refugium deutscher Kleinstaaterei denn ein moderner Staat. Dass dieses Gebilde im 17. und 18. Jahrhundert überlebte, hat vor allem damit zu tun, dass Frankreich und Habsburg ein Interesse an einem «neutralen» Puffer hatten.

Der Nutzen dieser Funktion war auch Napoleon bewusst, liess er die Eidgenossenschaft doch als Puffer zu Österreich bestehen, als er mit seinen Armeen über Europa fegte. Jedoch räumte er mit den Strukturen des Ancien régime auf und schuf mit der helvetischen Republik einen modernen, zentralistischen Staat. Doch solches war den Eidgenossen völlig fremd; der von anhaltenden Streitigkeiten zwischen Unitariern und Föderalisten geprägten Helvetik setzte der Korse ein Ende, indem er das Land mit der Mediationsverfassung reföderalisierte. Die alten Gemeinen Herrschaften, die Untertanengebiete und die zugewandten Orte wurden gleichberechtigte Kantone. Diese Verfassung funktionierte nicht schlecht, doch begann nach dem Sturz Napoleons und dem Wiener Kongress mit der Restauration in der Schweiz eine dreissigjährige Umbruchphase, in der zuerst die reaktionären Kräfte obenaufschwangen, schliesslich aber die liberal-bürgerliche Bewegung den Sieg davontrug. Sie gab dem Land nach dem Sonderbundskrieg 1848 die neue Verfassung, die es bis heute prägt.

Anerkennung der Differenzen
War die Schweiz nun ein Nationalstaat geworden? Ja und nein. «Confoederatio helvetica» wies nach wie vor auf einen Staatenbund hin. Doch sie hatte eine Bundesregierung, die unter anderem für die Aussenpolitik zuständig war, und sie baute eine Armee auf, die das Land verteidigen konnte. Einige Hürden für den Handel und die Industrie wurden beseitigt, im übrigen spielten die Kantone weiterhin die Hauptrolle. Nach aussen aber erfüllte die Schweiz die Kriterien eines souveränen Staates, und der Bundesrat vertrat seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit mehr oder weniger Geschick ihre Interessen.

In allen Ländern waren inzwischen die alten Bindungen an Religion und Fürstenhäuser zerbrochen, und die Arbeiterklasse begann sich aufzulehnen. Die Eliten entdeckten in der Nation ein neues Bindemittel, eine neue Weise des Zusammenhalts und der Abgrenzung gegen aussen. Die Ideologie des Nationalismus griff um sich, und es gelang den Regierungen immer wieder, die Völker hinter sich zu scharen und gegen Nachbarn in den Krieg zu führen. Diese Ideologie stützte sich auf die Einheitlichkeit des Volkes, sei sie nun real sprachlich und kulturell gegeben oder von oben herab dekretiert. Daran gebrach es der Schweiz. Nicht nur war sie äusserst heterogen, was Geschichte, Sprache, Konfession und Kultur anbelangte, ihre Identität zog sie geradezu aus der Anerkennung und Perpetuierung dieser Differenzen – eine recht paradoxe Operation. Mehr der Not gehorchend als dem eignen Triebe, versuchten die eidgenössischen Eliten zwar, mittels Gründungsmythen, Hymnen, Schützenfesten und allegorischen Darstellungen so etwas wie ein gesamtschweizerisches Bewusstsein zu schaffen; was aber den Genfer Banquier, den Bergbauern vom Ofenpass und den Tuchhändler aus St. Gallen wirklich mit dem Rütli oder Grütli verbinden sollte, blieb immer einigermassen unklar.

Die Schweiz war also im 19. Jahrhundert formell ein Staat wie jeder andere in Europa, doch zeichnete sich dieser durch so viele Besonderheiten aus, dass es den Nachbarn schwer fiel, ihn zu begreifen. Fast gänzlich von König- oder Kaiserreichen umgeben, war die Schweiz eine in der Wolle eingefärbte Republik; wer anderswo gegen die Herrscher aufbegehrte, fand hier Zuflucht. Die meisten Staaten hatten eine starke Zentralgewalt, in der Schweiz blieb sie schwach, die meisten Kompetenzen und Ressourcen blieben bei den Kantonen. Während ihre europäischen Zeitgenossen die Einheit von Volk und Nation predigten, feierten die Schweizer bis zum Exzess ihre Unterschiede. Die meisten Staaten wurden von kleinen Oberschichten und Eliten regiert, in der Schweiz beteiligte sich das Volk mittels immer neuer Instrumente an der Macht oder jedenfalls an ihrer Kontrolle. Nirgendwo sonst ist «Volkssouveränität» so zur Wirksamkeit gelangt wie in der Schweiz. Die meisten Staaten verwickelten sich immer wieder in Bündnisse und Kriege, die Schweiz mischte sich nicht in fremde Händel ein. Sie war bis zu einem gewissen Grade bereit, das Spiel der Staaten mitzuspielen – wozu sie auch aus ökonomischen Gründen gezwungen war –, doch blieb sie fremd unter ihnen. Ein politisches System sui generis.

Spätestens nach den zwei Weltkriegen hatte der Nationalstaat einen schlechten Ruf, denn er wurde für sie verantwortlich gemacht. Die europäischen Eliten gingen daran, ihn durch Einbindung in einen neuen, grösseren europäischen Verband zu schwächen. Es entstanden die Europäische Gemeinschaft und später die Union. Die «Finalität» dieses supranationalen Systems wurde nie geklärt, so dass es für jeden als Projektionsfläche seiner Wünsche dienen konnte und kann. Die einen wollen starke Vereinigte Staaten von Europa, die mit den andern Grossmächten auf Augenhöhe stehen, die andern ein liebliches Europa der Regionen, welches sich aus der Weltgeschichte abmeldet. Die dritten träumen von einem postnationalen, demokratischen Europa der Bürger. Und den vierten genügt ein gut funktionierender Binnenmarkt. Zweifellos ist es gelungen, den früheren Nationalstaaten einige Zähne zu ziehen, doch dies um den Preis der Einbindung in ein politisches System, von dem niemand so recht weiss, wozu es gut sein soll. Den Eliten gefällt es, denn es verschafft ihnen neue Handlungsmöglichkeiten, die Bürger bleiben eher auf Distanz. Die EU ist eine bürokratische Grossorganisation mit einer fast unheimlichen Eigendynamik geworden.

Aussenseiterin Europa
Da die Schweiz dabei nicht mitmacht, wird sie einmal mehr zur Aussenseiterin in Europa. Das Abseitsstehen hat viele Gründe. Einmal mussten dieser Nation keine aggressiven Zähne gezogen werden, denn zumindest militärisch hatte sie seit einigen hundert Jahren niemandem mehr Leid zugefügt. Dann ist den Eidgenossen Grösse und Einheitlichkeit zuwider, sie sehen sich als Hort des Kleinteiligen und der Diversität. Wo in Europa Eliten den Ton angeben, hält in der Schweiz das Volk das politische Personal an der kurzen Leine. Auch benötigt das Land keinen Anker für seinen Zusammenhalt und seine politische Stabilität, denn beide stehen nicht in Frage. Auch auf Transfers zur Sanierung der Staatsfinanzen ist man in Bern nicht angewiesen. Ausserdem hält die Schweiz nichts davon, in der Welt eine wichtige Rolle zu spielen, es reicht ihr, wenn sie mit allen Geschäfte machen kann. Und sie sehnt sich nicht nach einem postnationalen Europa – denn eine Nation war sie eigentlich nie!

Und trotzdem heisst nun das Landesmuseum «Nationalmuseum» und die Landesbibliothek «Nationalbibliothek». Warum eigentlich? Wer hat das beschlossen.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»