Die Infantilgesellschaft und das grosse Grinsen

Bin ich ein «Kulturpessimist», wenn ich feststelle, was jedermann feststellen kann – dass nämlich der heutige globale Kulturbetrieb bei all seiner phänomenalen Buntheit und Diversität eben doch nur ein graues Gesamtbild abgibt? Es geht mir keineswegs darum, den vorherrschenden Zeitstil, der die Stilvielfalt zur Stillosigkeit verkommen lässt oder, umgekehrt, die Stillosigkeit als Epochenstil beglaubigt, pauschal […]

Bin ich ein «Kulturpessimist», wenn ich feststelle, was jedermann feststellen kann – dass nämlich der heutige globale Kulturbetrieb bei all seiner phänomenalen Buntheit und Diversität eben doch nur ein graues Gesamtbild abgibt? Es geht mir keineswegs darum, den vorherrschenden Zeitstil, der die Stilvielfalt zur Stillosigkeit verkommen lässt oder, umgekehrt, die Stillosigkeit als Epochenstil beglaubigt, pauschal abzufertigen. Mir ist durchaus klar, dass es, wie Ingold moniert, kulturelle «Verflachung» schon immer gegeben hat; aber kaum je ist die Verflachung so bereitwillig akzeptiert und, darüber hinaus, so kritiklos in die unterschiedlichsten Lebens- und Kunstbereiche integriert worden, wie es gegenwärtig der Fall ist. Dafür liefert Ingold selbst ein anschauliches Beispiel, wenn er einerseits an die Sokal-Affäre erinnert, die in den mittleren 1990er Jahren zum Skandal wurde durch den Nachweis, dass irgendwelcher «Nonsens» problemlos in führenden wissenschaftlichen Journals untergebracht werden kann. Wenn er jene «Affäre» anderseits mit einem ähnlich angelegten Experiment der jüngsten Zeit vergleicht (oder gar gleichsetzt), bei dem 157 Fachorgane einen inhaltlich völlig abstrusen quasiwissenschaftlichen Artikel zur Publikation angenommen haben, übersieht er die Tatsache, dass es diesmal im akademischen Betrieb eben keinen Skandal gab, sondern schlimmstenfalls ein Schulterzucken. Da liegt doch der wesentliche Unterschied: Was noch vor zwei, drei Jahrzehnten für peinliches Aufsehen sorgte, gehört heute zur Normalität und ist eigentlich zu einem Spassfaktor geworden. Das Plagiieren, das Fälschen, das Austricksen – all das gehört bereits zur Normalität nicht nur des Kultur- und Wissenschaftsbetriebs, sondern des gesellschaftlichen Verhaltens generell. Was einst Regelbruch und Skandal war, ist heute ein Spiel ohne Grenzen und ohne Konsequenzen, ist reiner Spass, freilich nicht zum Lachen, nur noch zum Grinsen. Leichtigkeit, meint Ingold, sei «auch eine Überlebensstrategie». Doch bloss im «Infinite Jest» überleben zu wollen, um das wirkliche Leben mit all seinen Tief- und Höhepunkten auszublenden, hat mit der oftmals beschworenen «Leichtigkeit des Daseins» ebenso wenig zu schaffen wie das allgemeine, zu permanentem Mobbing tendierende Grinsen mit einem ansteckenden, dabei befreienden Lachen. Statt das eigene Leben zu führen, spielt und verspielt man es am gigantischen Automaten der multioptional verfassten und multimedial vernetzten Konsumgesellschaft. Beispielhaft dafür sind die aufwendig inszenierten TV-Quiz-Shows, bei denen kurzfristig Millionengewinne zu machen, aber auch bereits gewonnene Riesensummen zu verlieren sind – Veranstaltungen, die es in provinziellen Dimensionen schon vor Jahrzehnten gegeben hat, bei denen man damals freilich noch etwas wissen musste, derweil es nun genügt, auf gut Glück oder nach Multiple Choice zu erraten, was richtig ist. Heute ist die Teilnahme an einem TV-Quiz ein Kinderspiel, zu dem jeder Zugang hat und bei dem man immer beklatscht wird, egal, ob man als Gewinner oder als Verlierer vom Platz geht. Gemeinsamer Nenner dieses grossen, angeblich «demokratischen» Spiels ist der ausgeprägte, längst global etablierte Infantilismus. Gespielt wird überall – an der Börse, auf der Playstation, im Schlafzimmer, auf der Vorstandsetage, im Wartsaal –, und zumeist handelt es sich dabei um kindische, wenn nicht idiotische Spiele ohne Witz und Stil. Insgesamt ein Massenvergnügen, das vom drolligen Klingelton des Smartphones oder von der Verwendung von Grunz- und Wow-Lauten in der Alltagssprache bis hin zum Jugendwahn der Botoxsüchtigen oder zum unbedarften Design von SVP-Plakaten reicht. Demgegenüber ist die kulturelle «Verflachung» bloss ein Nebeneffekt der rasch zunehmenden Infantilisierung einer Gesellschaft, die sich als Weltgesellschaft wähnt und doch vorwiegend aus deroutierten Einzelgängern besteht, denen alles recht ist, wenn man sie nur mitspielen, mitgrinsen und konsumieren lässt. Ob ich ein Kulturpessimist bin? Ja. Doch.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»