Der Terror in Winterthur stellt nicht die Linke bloss – sondern die Dekadenz der Bürgerlichen
Die Bürgerlichen reden gerne von Eigenverantwortung, Subsidiarität und dem Milizprinzip. Doch die Bluttat von Winterthur zeigt: Wenn es darauf ankommt, wollen sie keine Verantwortung mehr tragen, sondern nur noch delegieren.
Erfundene Bluttaten können zu realen Lynchmobs führen. Es gehört zu den Eigenschaften zivilisierter Menschen, kühlen Kopf zu bewahren, wenn sie mit Berichten über Unrecht konfrontiert werden. Ein kühler Kopf ist jedoch nicht dasselbe wie Indifferenz oder Apathie. Was, wenn auf Barbarei unterreagiert wird?
Das wohl meistverbreitete Bild des Terroranschlags von vorletztem Donnerstag zeigt den Attentäter, wie er auf eine Gruppe von fünf Unterstufen-Schulkindern zurennt. Er befindet sich nur noch etwa einen Meter von ihnen entfernt. Die Kinder blicken ihn verängstigt an. Eine Betreuerin telefoniert, der Terrorist befindet sich bereits zwischen ihr und den Kindern. Das Gesicht einer weiteren Betreuerin zeigt völlige Überrumpelung. Möglicherweise aufgrund der Tatsache1, dass sein Messer beim Angriff auf eine andere Person zerbrach, rennt der Terrorist schliesslich an den Kindern vorbei, statt auch auf sie einzustechen.
Zuständig sind die anderen
Die Reaktion der linksgrünen Parteien auf dieses Bild bedarf keiner Diskussion. Zum einen war von vornherein klar, dass ausser Warnungen vor «Islamophobie» nicht viel kommen würde. Zum anderen sind sie im nationalen Parlament in der Minderheit. Aus einer lösungsorientierten Perspektive ist es einerlei, was sie meinen und wollen.
Interessanter sind die Reaktionen der Bürgerlichen. Von den Armee- und Milizverbänden war nichts zu hören. Vertreter der politischen Mitte teilten mit, man müsse jetzt «genau hinschauen» und den Fall «aufarbeiten» (als ob jemand vorgeschlagen hätte, wegzuschauen und auf eine Analyse zu verzichten). Einzig die SVP wurde konkreter. Was es jetzt brauche, sei mehr Grenzschutz, die Ausbürgerung des Täters, härtere Strafen, ein Umdenken beim «totalversagenden» Beat Jans – und natürlich ein Ja zu ihrer 10-Millionen-Initiative.
Der gemeinsame Nenner dieser Reaktionen ist: Die Verantwortung wird delegiert. Zuständig sind die anderen. Die anderen müssen hinschauen, aufarbeiten, SVP-Vorstössen zustimmen und Totalversagen aufhören. Die Delegierenden warten darauf, bis ihre Aufträge erledigt sind. In der Zwischenzeit ändert sich nichts. Wenn der nächste Messermann auch auf Kinder losgeht, dann ist es halt so. Schuld trifft die Bürgerlichen dann keine – sie können ja nichts dafür, dass ihre Aufträge nicht schneller erledigt wurden.
Die Dekadenz-Miliz
Der konservative Vordenker Edmund Burke schrieb vor knapp 250 Jahren, eine Gesellschaft sei eine Partnerschaft nicht nur zwischen den Lebenden, sondern zwischen den Lebenden, den Toten und den noch nicht Geborenen2. Unbestreitbar in diesem Zusammenhang sind zwei Dinge. Erstens: Eine Partnerschaft beruht auf gegenseitigen Rechten und Pflichten. Zweitens: Vor jeder Partnerschaft mit Toten und Ungeborenen kommt die Partnerschaft der Lebenden untereinander.
Was heisst das für die Partnerschaft zwischen den Kindern und den Erwachsenen unserer Gesellschaft? Welche minimalen Schutzrechte sollen Siebenjährige, die einen Messermann auf sich zustürmen sehen, gegenüber gestandenen Männern haben, die in der Nähe stehen? Und welche Pflichten die Erwachsenen? Die bürgerlichen Reaktionen auf Winterthur machen klar: offenbar nur indirekte. Weder ein Bedürfnis, die Kinder persönlich vor Verletzungen oder Tod zu schützen, noch ein moralischer Kompass, der einem verbietet, derartigenBarbarei einfach zuzuschauen, scheinen bei den Bürgerlichen noch vorhanden zu sein. Für die Kinder der Schweiz heisst das: Bevor die Polizei vor Ort ist, haben sie kein Recht auf Schutz.
Das ist umso bemerkenswerter, als die Schweizer Bürgerlichen Weltmeister darin sind, über Eigenverantwortung, Subsidiarität und Milizgeist zu referieren und Wehrhaftigkeit zu inszenieren. Gegen die EU müsse man «die Hellebarde hervornehmen», fordern SVP-Kader – und lassen sich mit der alteidgenössischen Waffe in der Hand abfotografieren. Die Offiziere wollen mehr Geld für neues Kriegsgerät und weniger Militärverweigerung via Zivildienst. Doch während es gegen Brüssel offenbar Hellebarden braucht und gegen fremde Armeen vollen Einsatz in Uniform, soll gegen Messermänner nur ein Mobiltelefon erlaubt sein – zur Weiterreichung des Problems an die Polizei.
Eine bürgerliche Elite, die diesen Selbstwiderspruch nicht dringend auflösen will, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sich in einem fortgeschrittenen Dekadenzstadium zu befinden. Und sie kann diesen Vorwurf auch nicht mit dem Einwand entkräften, sie engagiere sich in der Politik anderweitig für die Erhöhung der Sicherheit. Das Bedürfnis, ein ertrinkendes Kind vom Bademeister ins Trockene geholt zu sehen, ist ein völlig anderes als das, selbst ins Wasser zu springen. Und wer würde ernsthaft behaupten, jemand, der schwimmen kann, sei dadurch, dass er politisch zur Verbesserung der Badeaufsicht beiträgt, berechtigt, auf den Bademeister zu warten, wenn er ein Kind am Boden des Beckens liegen sieht?
«Im Übrigen fordern wir, unsere Kinder schützen zu können»
Die beschriebene Delegieren-und-Zuschauen-Philosophie bei Gewalt und Terror ist nicht nur eine kulturelle Haltung. Sie ist auch im Gesetz verankert, und zwar durch das Waffentragverbot. Dieses Verbot ist weder eine Frage der Kriminologie3 noch ein politischer Nebenschauplatz 4. Es ist vielmehr eine moralische Ungeheuerlichkeit, die langfristig jede echte «Partnerschaft zwischen den Lebenden» zersetzt. Es demoralisiert Starke, die Schwache beschützen könnten, genau gleich wie Schwache, die auf den Schutz von Starken angewiesen sind. Es zerstört das Vertrauen der Leute in ihre Nachbarn und lokale Strukturen. Es lähmt Eigeninitiative und führt Selbstverantwortung ad absurdum. Es liefert das Individuum in Bezug auf sein elementarstes Bedürfnis – Schutz vor körperlicher Gewalt – dem Staat aus. Es macht das Handwerk der Terroristen ungleich leichter.
«Es darf nicht mehr sein, dass Kinder für den Schutz vor Messer-Terroristen auf Polizisten angewiesen sind.»
Vor allem aber entfremdet es die Bürger voneinander, indem es sie zu zutiefst verwerflichem Handeln zwingt: zum Zuschauen, wie Gewalt gegen Unschuldige (im Extremfall gegen die eigenen Kinder!) ausgeübt wird. Mit Individuen, die sich an eine derartige Passivität gewöhnt haben, lässt sich gut eine Diktatur machen – aber ganz sicher keine direkte Demokratie erhalten.
Vor diesem Hintergrund gibt es keine Argumente, mit der Forderung nach Aufhebung des Verbots weiter zuzuwarten. Spätestens nach dem Bild aus Winterthur, das um die Welt ging, sollte allen Bürgerlichen bewusst sein, wie amoralisch und gesellschaftszersetzend die heutige Regelung ist. Und egal, als wie «radikal» und «gefährlich» die Aufhebung des Verbotes von den üblichen Verdächtigen auch verschrien werden mag: Eine Regelung, die es Eltern verunmöglicht, ihre eigenen Kinder zu schützen, ist ganz bestimmt radikaler und gefährlicher. Es darf nicht mehr sein, dass Kinder für den Schutz vor Messer-Terroristen auf Polizisten angewiesen sind.
«Ceterum censeo» ist die Taktik der Stunde. Keine Session, keine sicherheitspolitische Debatte, keine 1.-August-Rede mehr ohne das immergleiche «Wir fordern, unsere Kinder schützen zu können!» – bis die Schweiz wieder eine Gesellschaft ist, in der eine echte «Partnerschaft zwischen den Lebenden» herrscht.
Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=6z4xN8hsGto @ 23:50. ↩
Edmund Burke: Reflections on the Revolution in France, Absatz 153. ↩
Eine detaillierte Behandlung der kriminologischen Aspekte kann hier nicht geboten werden. Es sei darum lediglich auf die Forschung von Gary Kleck auf der Basis des National Crime Victimization Survey und Guy Smiths zugängliches Überblickswerk «Guns and Control» verwiesen. ↩
Die Frage des Waffentragens ist letztlich eine Frage nach der Gesellschaftsordnung. Tschechien führte 1995 ein Führerscheinprinzip für Tragbewilligungen ein. Aktuell sind nicht nur über eine Viertelmillion solcher Bewilligungen im Umlauf – die tschechischen Behörden sehen den bewaffneten Bürger auch explizit als Teil der Sicherheits- und Anti-Terror-Architektur. So sagte der Chef der tschechischen Anti-Terror-Polizei nach dem Anschlag auf den Pulse-Nachtclub mit 49 Todesopfern, dass die Polizei nicht überall sein könne und Personen, die zum Tragen berechtigt sind, ihre Waffen darum bitte auch tragen sollten. Vgl. https://zpravy.aktualne.cz/zahranici/branit-se-strelnou-brani-lide-by-meli-mit-tu-moznost-nemuzem/r~cbe51888322511e6a3e5002590604f2e/?lp=1. ↩