Fluchtlinien aus Berlin
Finn Job: Hinterher. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2022.

Fluchtlinien aus Berlin

Finn Job: Hinterher.

Obacht, hier kommt ein Berlin-Roman – doch was für einer! «Hinterher» von Finn Job schickt sich nicht an, irgendwelche Erwartungen von der tollen, aufregenden Metropole zu bedienen, in der alle total einzigartig sind, weil ein riesiges Soziallabor den intersektionalen Menschen von morgen hervorbringt. Derlei in Prosa gegossene Grotesken waren schon hundertfach zu vernehmen, und das einzige, was es an solch entsetzlich langweiliger Literatur hervorzuheben gilt, ist das durchideologisierte Weltbild ihrer Urheberinnen und Urheber, die sich alles Graue, Monotone und Widerliche buntreden.

Wie «Hinterher» vortrefflich zeigt, ist Berlin die Stadt, in der man Philosophie studieren kann, ohne sich je mit Kant beschäftigt zu haben, und darauf auch noch stolz ist, in der autoritäre wie devote Uni-Dozierende «sich gegenseitig in Kulturrelativismus, Post-Colonial und Queer-Theory» überbieten, «um den Schreihälsen gerecht zu werden und ihre Jobs zu behalten», und wo minoritäre Herrenmenschen in spe ihr Revier markieren, indem sie zielgenau Schwule attackieren, damit sich diese anschliessend von woken Zugezogenen anhören dürfen, selbst für den Hass verantwortlich zu sein: «Don’t you think it was a little insensitive to kiss each other? I mean, this is Neukölln – their home. You probably hurt their feelings.»

All dies ist jedoch nur die Hintergrundkulisse des vorliegenden Romans, der tatsächlich von einem Roadtrip handelt, der aus Berlin hinaus und in die Normandie führt. Es geht um eine verflossene Liebe aus Israel und Erinnerungen an die Côte d’Azur, um ein Kunstprojekt in einer Kirche, vor allem aber um schier pausenlosen Drogenkonsum. Dass die Sätze manchmal so flüchtig wirken wie die Verbindlichkeit der Digitalgeneration, die nach 1990 geboren wurde, während die geschilderten sozialen Konstellationen so bedrückend anmuten wie der Dienstagshänger nach dem Techno-Exzess, hat auch damit zu tun, dass der Titel «Hinterher» so zu verstehen ist, dass das Leben dem unentwegten Versprechen hinterherläuft, das nicht nur Berlin trügerischerweise vorgaukelt. Aus diesem vermag auch der Ich-Erzähler nicht auszusteigen, der sich immerhin kritisch zur Wirklichkeit verhält und noch in Fernbussen das falsche Ganze erkennt: «Der Geruch von Armut, jenes unverkennbare Gemisch aus verzweifeltem Schweiss, billigem Weichspüler und eingetrockneten Kartoffelchips, zieht schnell in einen Bus ein – mancher Bus ist noch kein Jahr in Betrieb, und schon hat sich der Geruch unwiderruflich in seinen Polstern eingenistet.» Es sind Beobachtungen wie diese, die in «Hinterher» immer wieder auftauchen und die Lektüre gerade deshalb so erfrischend machen, weil sie weder in Realismus noch in Belehrung umschlagen.

Finn Job, Kellner und Lektor von Beruf und denkwürdigerweise ein halbes Jahrhundert nach der Kapitulation von NS-Deutschland am 8. Mai 1995 geboren, hat mit seinem Debütroman den Mythos Berlin produktiv zerkratzt und nebenbei den «verkappten Heideg­gernazis» von heute, die, wie es im Roman heisst, «aus den Universitäten» in «die wichtigen Positionen» strömen, vorgehalten, welchen Anteil sie an der Verwaltung des gegenwärtigen Elends haben. Zu loben ist dieses zärtlich-wilde Stück Prosa jedoch vor allem für seine Ruhelosigkeit, von der man hoffen darf, dass sie ihren Autor daselbst zu weiteren Arbeiten antreiben wird.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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