Der Strommangel versperrt den E-Autos den Weg
René Baggenstos, zvg.

Der Strommangel versperrt den E-Autos den Weg

Wird der Stromengpass nicht entschärft, kann der Individualverkehr nicht auf Elektro umsteigen. Die Schweiz muss wieder über Atomenergie diskutieren.

 

Elektroautos werden sich durchsetzen, davon bin ich überzeugt. Dies nicht etwa, weil sie umweltfreundlicher, leiser oder schöner wären, sondern weil sie ganz einfach günstiger sind und gut genug, um im Alltag zu bestehen. Elektroautos haben viel weniger bewegliche Teile als Verbrenner, was sie in Herstellung und Wartung einfacher macht. Sie sind zudem energieeffizienter und bei den gegenwärtigen Preisen pro Kilometer günstiger. Dieser Kostenvorteil der Elektromobilität dürfte meiner Meinung nach trotz schwankender Energiepreise kaum ins Gegenteil kippen – besonders wenn fossile Energieträger aufgrund des CO2-Ausstosses politisch verteuert werden.

Aber können die Elektrofahrzeuge denn auch geladen werden? Haben wir genügend Strom? Diese Fragen wurden gerade durch die jüngsten Entwicklungen auf den Strommärkten in den Fokus gerückt. Kurt Egger etwa, Thurgauer Nationalrat der Grünen, legte E-Autofahrern aus Stromspargründen den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel nahe. Hat er mit seinen mahnenden Worten recht? Fokussieren wir uns zur Vereinfachung mal lediglich auf den individuellen Personenverkehr, da für schwerere Fahrzeuge in Zukunft andere Treibstoffe wie Wasserstoff ebenso wahrscheinlich zum Einsatz kommen werden.

Im Winter am Anschlag

In der Schweiz waren Ende 2021 gemäss Bundesamt für Statistik 6,3 Millionen Motorfahrzeuge eingelöst, davon knapp 4,7 Millionen Personenwagen und 800 000 Motorräder. Werden all diese Fahrzeuge künftig elektrisch betrieben, müssen dafür rund 9 Terawattstunden Strom pro Jahr bereitgestellt werden. Das entspricht immerhin 15 Prozent des aktuellen Schweizer Jahresverbrauchs. Ebenso wichtig wie die Energieverfügbarkeit ist zudem, diese zeitgerecht zu den Verbrauchern transportieren zu können. Oder bildlich gesprochen: Was nützt mir all das Wasser im Reservoir, wenn die Rohre zu dünn sind, um in vernünftiger Zeit meine Badewanne füllen zu können? Gehen wir davon aus, dass die allermeisten Fahrzeuge in der Nacht geladen werden – was netztechnisch sinnvoll wäre – und dafür 10 Stunden zur Verfügung stehen, würden in einer normalen Nacht insgesamt 2,5 Gigawatt zusätzliche Leistung benötigt. Dies entspricht fast einem Drittel von dem, was unsere Netze aktuell zu Spitzenzeiten hergeben. Rechnet man diesen Zusatzaufwand zur Standardbelastung des Netzes in einer durchschnittlichen Winternacht hinzu, so kommt man aller Voraussicht nach sehr nahe an die maximale Netzkapazität.

In den letzten zehn Jahren hat die Schweiz laut Bundesamt für Energie (BFE) im Sommer netto durchschnittlich 5,1 Terawattstunden Strom exportiert und im Winter 3,6 Terawattstunden importiert. Wenn wir nun vereinfacht davon ausgehen, dass im Winter und im Sommer gleich viele Fahrzeuge unterwegs sind, darf festgestellt werden, dass im Sommer ausreichend Strom für Elektroautos vorhanden sein dürfte – nur für den Export reicht es ohne eine Erhöhung der Produktion kaum mehr. Im Winter jedoch muss die fehlende Energie zusätzlich beschafft werden. Wie so oft bei Stromfragen ist also auch die Mobilitätswende im heutigen Energieumfeld ein Winterthema.

 

«Sollte ein Anteil des Schwerverkehrs ebenfalls elektrisch arbeiten, wird offensichtlich, dass wir weder genügend starke Netze noch die benötigte Energie für eine umfassende Mobilitätswende haben.»

 

Zusammengefasst gilt: Wenn sämtliche Personenwagen und Motorräder rein elektrisch unterwegs wären, würde die Schweiz 15 Prozent zusätzliche elektrische Energie pro Jahr brauchen. In den Winternächten wären die Stromnetze ebenso am Anschlag, wie sie es heute bereits zu den intensivsten Zeiten tagsüber sind. Sollte nun zusätzlich ein Anteil des Schwerverkehrs ebenfalls elektrisch arbeiten, wird offensichtlich, dass wir weder genügend starke Netze noch die benötigte Energie für eine umfassende Mobilitätswende haben. Zudem gilt es zu bedenken, dass klimaschutzbedingt für den gewünschten Ersatz von fossilen Heizungen durch Wärmepumpen bis im Jahr 2030 bei Minergiestandard mit nochmals rund 2,5 Terawattstunden benötigtem Strom gerechnet werden muss. Auch ohne die Auswirkungen des Ukrainekriegs droht der Schweiz somit künftig eine zünftige Energiemangellage in den Wintermonaten. Selbst das BFE geht davon aus, dass bis 2050 trotz erhöhter Energieeffizienz mit 40 Prozent höherem Strombedarf als heute gerechnet werden muss. Was…

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Das ist eine hehre Kunst, welche die wenigsten
Blätter über lange Zeit beherrschen.»
Richard Kägi, Foodscout,
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