Ausreisser oder Zäsur?

Der Kapitalismus hat keine Schuld am Virus.

 

Seit Generationen und hoffentlich für Generationen bleibt die Coronavirus-Krise einzigartig. Der Bundesrat regiert mit Notrecht, faktisch werden ganze Branchen temporär verstaatlicht, das Leben aller steht wenn nicht ganz still, so doch kopf. Ob dies ein dramatischer, aber kurzer Einschnitt bleiben wird, der künftig als orientierender Ausreisser die Lesbarkeit jeder Zeitreihe vereinfacht, oder aber eine eigentliche ­Zäsur darstellt, wird man erst später beurteilen können.

Wäre das überhaupt wünschenswert? Nicht nur aus libe­raler Sicht gibt es keinerlei Grund für eine Zäsur weg vom Markt und hin zum Staat, wie in der politischen Diskussion bereits erhofft wird. Der Kapitalismus hat keine Schuld am Virus. Im Gegenteil hat erst der freie Markt den Wohlstand und die Technologie hervorgebracht, die uns nun ermög­lichen, mit so viel medizinischer und (staats)finanzieller Kraft die Krankheit und ihre Folgen zu bekämpfen. Die ­Gefahr einer solchen Zäsur ist dennoch gross: Fast jede Ausweitung des Sozialstaats ist bisher gekommen, um zu bleiben. Dabei müsste das milliardenschwere Hilfspaket, so nötig es derzeit ist, nicht nur in den Summen, sondern auch in den Strukturen wieder rückgewickelt werden. ­Komplett. Nicht zuletzt zeigt gerade die aktuelle Handlungsfähigkeit des Bundes und der Kantone, wie zentral ­solide Staatsfinanzen für den Fall der Fälle sind.

Eine andere Coronazäsur wäre aber sehr wohl wünschenswert: Unser Umgang mit Risiken – sei es in der Vorbereitung, sei es in der Akzeptanz – braucht auf allen Ebenen nachhaltigere Rezepte. Die Bereitschaft, eigene Reserven für schlechtere Zeiten aller Art anzulegen, hat generell abgenommen. Gleichzeitig sind wir trotz oder gerade ­wegen generell sicheren Zeiten parat, im Kollektiv enorme Anstrengungen zu schultern, um die real verbleibende ­Unsicherheit auszumerzen. Dabei kann uns die nächste Virusmutation jederzeit erreichen.

 

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»