Leichen im Garten

Von Totenriten auf der ganzen Welt.

 

Ich wuchs in einem Haus im Emmental auf – als lebendiges Kind umgeben vom Tod. Rechts von uns schlachtete der Metzger morgens die Schweine, links von uns wog der Jäger abends die erlegten Rehe. Und mein Vater in der Mitte war der Bestatter.

So kommt es, dass ich in fremden Ländern gerne Friedhöfe auskundschafte. Indonesien ist diesbezüglich besonders ergiebig, da fast jede der 17 000 Inseln ihre eigenen Totenriten kennt. Auf Bali etwa werden die Menschen erst beerdigt, um später, wenn genug Geld gespart ist, wieder ausgegraben und im Rahmen einer epischen Zeremonie kremiert zu werden. Auf Sulawesi pflegt das Volk der Toraja die Leichen zu exhumieren, um sie neu einzukleiden und durchs Dorf zu führen. Auf Nusa Penida fiel mir auf, dass auf den Gräbern stets ein Kissen liegt – damit die Toten bequemer ruhen.

Und auf Flores stolpere ich täglich und fast überall über Gräber: Hier liegen die Toten im Garten, im Innenhof, neben der Eingangstür. Oder mitten in der Wäscherei, der ich meine Kleider vorbeibringe: Ihr Vorraum wird von zwei Gräbern ausgefüllt. «Die Eltern», erklärt der Inhaber. Ihre Särge liegen unter einem gelb gekachelten Betonblock, wie man sie auch in allen Gärten sieht, für die meisten wurde extra ein Dach gezimmert. Weil daneben kein Platz für Bank und Gartentisch mehr bleibt, sitzen und liegen die Menschen halt auf den Gräbern ihrer Verwandten.

Warum das so ist, darüber scheint man sich nicht ganz einig zu sein. Die Gräber im Garten seien dazu da, damit einem ­niemand den Anspruch auf das Land streitig mache, erklärt mir ein Taxifahrer. Der Mann von der Wäscherei sagt, man wolle die Menschen auch nach ihrem Tod bei sich in der Nähe haben. Andere meinen schlicht: So will es die Tradition.

Beim Vergleich fremder Totenriten mit unserer Tradition fällt mir auf, wie viel einfacher es vielerorts ist, offen über das Sterben zu reden. Der Tod ist ins Leben integriert, während er in der Schweiz gerne verdrängt und totgeschwiegen wird. Dennoch bin ich froh – bei aller Liebe zu meinen Eltern –, dass ich sie dereinst nicht bei mir im Vorzimmer beerdigen muss.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»