André Kudelski im Gespräch

Er ist Physiker und denkt in Möglichkeiten. Er ist Unternehmer und sieht die Wirklichkeit. André Kudelski leitet seit 1991 das börsenkotierte Familien-unternehmen «Kudelski S.A.», das auf digitale Sicherheitssysteme spezialisiert ist. René Scheu hat ihn in Cheseaux-sur-Lausanne zum Gespräch getroffen.

Herr Kudelski, die Sonne scheint, es herrscht frühsommerliche Idylle in Cheseaux ob Lausanne: der Himmel über dem Hauptsitz Ihres Unternehmens, das zu den weltweit führenden Anbietern im Bereich der digitalen Sicherheit zählt, ist durch keine Wolke getrübt. Dennoch durchleben Sie bewegte Zeiten. Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Und mir ginge es auch gut, wenn es regnete. Die bewegten Momente sind für einen Unternehmer zugleich die stimulierendsten. In Zeiten des Wandels ist es möglich, jene Spielregeln zu ändern, die man in normalen Zeiten nicht antasten würde. So entstehen neue Ideen, Sichtweisen, Projekte. Daraus muss ich Nutzen ziehen können, das gehört zu meinem Job.

Bleiben wir bei der Befindlichkeit. Wie hoch ist Ihre Zufriedenheit als Schweizer Citoyen auf einer Skala von Null bis zehn?

Die Schweiz ist ein bemerkenswertes Land – ich gebe acht Punkte. Die Menschen sind hier, verglichen mit den Bürgern unserer Nachbarländer, gut ausgebildet, sie handeln individuell und als Gruppe verantwortungsvoll. Die Lebensqualität ist hoch, weil die Menschen auch im Alltag ein hohes professionelles Bewusstsein an den Tag legen. Das Qualitätsbewusstsein paart sich mit Bescheidenheit. Niemand tut so, als wäre er tadellos.

Unsere Vorfahren waren geschickt darin, aus der Not eine Tugend zu machen. Aber die Geschicklichkeit schwindet.

Die Trägheit ist eine natürliche Folgeerscheinung erfolgreichen Wirtschaftens. Das Bedürfnis nach Veränderung tendiert in der Schweiz in guten Zeiten gegen Null. Was uns fehlt, ist die systematische periodische Infragestellung unseres Tuns.

Sie warnen vor zu viel Konservatismus. Wie liberal ist die Schweiz auf einer Skala von Null bis zehn?

Es gibt einen guten und einen schlechten Konservatismus; er kann ein starker Wert sein oder zu Problemen führen. Nun, der geschützte Binnenmarkt erhält von mir drei Punkte, die international tätigen Unternehmer oder jene, die direkt mit dem Ausland in Konkurrenz stehen, neuneinhalb. Es existieren eben zwei Schweizen. Eine erste Schweiz, die sich international misst, die konkurrenzfähig und offen ist. Und eine zweite Schweiz, die sich verschliesst und nicht wahrnehmen will, was sich jenseits der Grenzen ereignet.

Meinen Sie mit den protektionistischen Kräften die Schweizer Bauern, die sich bisher einer Liberalisierung ihres Sektors erfolgreich widersetzt haben?

Vermutlich tun Sie ihnen Unrecht. Es sind oft nicht die Bauern, die wirklich konservativ sind, sondern diejenigen, die rund um die Landwirtschaft tätig sind und von protektionistischen Gesetzen profitieren, ohne, wie die Bauern, Risiken auf sich nehmen zu müssen. Aus Gründen, die sie nicht kontrollieren können, haben die Bauern heute ein Produktivitätshandicap. In einer offeneren Welt könnten sie wettbewerbsfähiger sein. Sie wissen, dass die Liberalisierung der Agrarwirtschaft auch eine Chance für sie darstellt.

Die Gründerväter der Eidgenossenschaft waren für einen Minimalstaat, der sich auf seine Kernfunktionen beschränkt. Mir scheint, wir haben dieses Credo längst vergessen.

Die Rolle des Staates ändert sich mit der Zeit. Wir sollten uns nicht fragen, was der Staat war, sondern welche Funktion er heute erfüllen soll.

Einverstanden. Wie sehen Sie den Staat heute?

Einerseits ist er allzu präsent, anderseits zu wenig präsent. Im Falle der Staatsbetriebe bestimmt er heute zu viel, deshalb fehlt eine klare, international ausgerichtete strategische Linie. Im Falle der Bildung und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hingegen engagiert er sich aus meiner Sicht eher zu wenig wirksam und zu unkoordiniert. Das Problem des Staates ist heute, dass die Leute, die auf verschiedenen Gebieten und auf verschiedenen Ebenen von ihm profitieren, nicht bereit sind, auf ihre Privilegien oder Arbeitsplätze zu verzichten. Die Politik muss hier einen Ausgleich schaffen. Was einmal einem allgemeinen Interesse entsprach, ist heute oftmals zu einem Hemmfaktor geworden. Wie jede andere Organisation tendiert auch der Staat zur Hypertrophie; er wächst immer weiter, wenn man ihn nicht zwingt, sich selber in Frage zu stellen.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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