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Narben der «Fürsorge»
Michael Herzig: Landstrassenkind. Die Geschichte von Christian und Mariella Mehr. Zürich: Limmat, 2023.

Narben der «Fürsorge»

Michael Herzig: Landstrassenkind. Die Geschichte von Christian und Mariella Mehr. Zürich: Limmat, 2023.

Es ist eines der fürchterlichsten Kapitel der jüngeren Schweizer Sozialgeschichte: Die Kinderwegnahmen, die eine Einrichtung mit dem zynischen Namen «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» jahrzehntelang ungestört praktizieren durfte. Das Ziel, aus Jenischen sesshafte Menschen zu machen, indem Kinder dieser fahrenden Minderheit zwangsweise ihren Eltern entrissen wurden, um sie in die Obhut anderer zu geben, schlug katastrophal fehl. Denn mangels tatsächlich verfügbarer Pflegefamilien bedeutete «Obhut» hier, die Heranwachsenden in autoritär verwaltete Kinderheime zu stecken, nicht selten auch wegen frei erfundenem «Schwachsinn» in die Psychiatrie oder gleich in Strafanstalten.

1926 als Projekt der Stiftung Pro Juventute gegründet, als die Rassentheorien des 19. Jahrhunderts mit bekanntem Resultat zu gesellschaftsformenden Kräften aufstiegen, wurde auch unter eidgenössischen Wissenschaftern die sogenannte «Sippenforschung» populär. Ihr Interesse galt vererbungsmässig imaginiertem «Vagabundismus, Verbrechen, Unsittlichkeit, Geistesschwäche und Geistesstörung, Pauperismus» in einem, und die Kinder von Jenischen wurden zum begehrlichen kollektiven Zielobjekt. An ihnen sollte erforscht und demonstriert werden, wie Sesshaftigkeit von oben durchgesetzt werden könne. Der Kanton Graubünden, der über eine eigenständige «Vagantenfürsorge» verfügte, tat sich hier besonders negativ hervor. Das Leid, das damit einherging, interessierte nicht.

Erst ein halbes Jahrhundert später, zu Beginn der 1970er-Jahre, wurde die Angelegenheit dank dem Journalisten Hans Caprez in ihrem ganzen Ausmass öffentlich bekannt und das «Hilfswerk» infolge der Enthüllungen aufgelöst. Das Leben von rund 300 betroffenen Mädchen und fast ebenso vielen geschundenen Knaben war da längst zerstört.

Michael Herzig hat die Geschichte der Schriftstellerin Mariella Mehr, die vergangenes Jahr verstorben ist, und ihres Sohnes Christian Mehr, deren Band durch die Machenschaften des «Hilfswerks» zerschnitten worden war, niedergeschrieben. An diesen prominenten Opfern wird die Entrechtung über Generationen hinweg eindrücklich veranschaulicht, denn die Trennung zwischen Mutter und Kind hatte für beide entsetzliche Folgen – Alkoholsucht bei ihr, Drogenabhängigkeit bei ihm. Mariella Mehr wurde zwar wortgewaltige und exzellente Anklägerin der Verhältnisse, der man sie unterworfen hatte, doch der Preis, den sie auf Lebzeit zu bezahlen hatte, war immens. Gleiches gilt für Michael Mehr, der als Punk zwar ein Ventil für die Schmerzen, die auf einen früh erlittenen Brandunfall und das soziale Herumgeschubstwerden gefolgt waren, gefunden hatte, aber ebenfalls mit den Schäden zu leben hat.

Die Details dieser Doppelbiografie sind quälend, doch vor der Wahrheit können die Augen nicht verschlossen werden, denn sie korrigieren das Selbstbild der Schweiz als Hort des Fortschritts auf äusserst beklemmende Weise. Die Lektüre schmerzt, aber sie ist nichts im Vergleich zu dem, was die Porträtierten durchgemacht haben.

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