Schweiz 2030 als Antwort auf China 2025

Mit «China 2025» und dem Projekt «One Belt, One Road» fordert China die Welt heraus. Die Schweiz muss darauf mit einer eigenen Strategie reagieren.

Schweiz 2030 als Antwort auf China 2025
Ruedi Nützi, zvg.

Wenn man sich mit China beschäftigt, ist es notwendig, einige Fakten zu bedenken: Die Bevölkerung Chinas beträgt 1380 Millionen Menschen, die der Schweiz 8,5 Millionen. Allein sechs Megastädte Chinas haben je mehr Einwohner als die gesamte Schweiz. China ist flächenmässig so gross wie Europa und hat viermal so viel Einwohner wie unser Kontinent. Das Wirtschaftswachstum beträgt aktuell 6,5 Prozent (Schweiz 2,4 Prozent). Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre verdreifacht, eine wachsende Mittelschicht von gegen 400 Millionen Menschen kann sich immer mehr leisten. In wenigen Jahren wird China die USA als grösste Volkswirtschaft der Welt abgelöst haben und ist jetzt schon der grösste Gläubiger der USA. Es ist nicht nur Deutschlands grösster Handelspartner, sondern auch der aktuell drittgrösste der Schweiz.

Zahlen belegen Entwicklungen. China erfassen kann man aber – wenn überhaupt – nur mit eigenen Sinnen. Ein Städtebummel wird zur Zeitreise: hier das 21. Jahrhundert – und buchstäblich zwei Strassenzüge weiter ein Leben wie im 18. Jahrhundert. Ich habe Lanzhou, die Hauptstadt der Provinz Gansu im Nordwesten, innerhalb von zehn Jahren achtmal bereist und jedes Mal eine andere Stadt angetroffen: Gigantische Infrastrukturprojekte krempeln nicht nur Gansu, sondern das ganze Land um. Und auch hier spricht eine Zahl für sich: In gerade mal drei Jahren (2011–2013) hat China mehr Beton verbaut als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.

Wohin geht der Trend in China? Unübersehbar zu mehr Menschen in den Städten, mehr Konsum, mehr qualitativ hochstehenden Produkten, zu mehr verfügbarem Geld, zu mehr gut ausgebildeten Arbeitskräften. Insgesamt bleibt der Eindruck von mehr, auch mehr Problemen. Innovationsweltmeister ist China noch nicht, aber auch längst nicht mehr nur die Werkbank der Welt. Shenzhen mit 20 Millionen Einwohnern ist eine Metropole für Innovationen nicht nur für Chinesen, sondern auch für Start-up-Gründer aus der ganzen Welt geworden. Bundesrätin Leuthard besuchte in diesem Sommer zusammen mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation Shenzhen, erhielt einen Einblick in die technologischen Fortschritte im Silicon Valley Chinas und bilanzierte dann, dass Europa im IT-Bereich den Anschluss leider etwas verpasst habe. Chinesische Giganten wie Alibaba, Wanda, Hisense, Haier werden zu Weltmarktführern und setzen die Agenda für künftige Entwicklungen. Migros etwa vertreibt mit Alibaba eigene Produkte in China. Den stärksten Zuwachs beim Online-Shopping in der Schweiz erzielte im letzten Jahr der Alibaba-Ableger Aliexpress, und nun drängt auch der Online-Händler JD.com in den europäischen Markt.

Dieses Land will an die Spitze! Erreicht werden soll das mit einem politischen System, das als zentral gesteuerter Parteistaat charakterisiert werden kann, und einem wirtschaftlichen System, das marktwirtschaftliche und planwirtschaftliche Elemente verbindet. Es gibt dafür zum Beispiel den Begriff des staatsdurchdrungenen Kapitalismus oder des Staatskapitalismus mit koordiniertem Markt. Politisch gesehen agiert ein personell verflochtener Partei- und Staatsapparat, in dem eine hierarchisch-zentralistisch aufgebaute Parteiorganisation alle Ebenen der staatlichen Verwaltung, die Führungsorgane des Militärs, der Wirtschaft und der Gesellschaft mit ihrem Führungspersonal kontrolliert. Wer in China Geschäfte machen will, braucht nicht nur Geschäftspartner, sondern auch den Segen der Partei. Das wird so bleiben. Diese Verzahnung und Durchdringung der chinesischen Gesellschaft wird im Westen und auch in der Schweiz unterschätzt.

China hat einen Plan

Das strategische Projekt «Made in China 2025» soll die Wirtschaft umkrempeln. Die Ziele lauten unter anderem: bessere Qualität, grössere Binnennachfrage, Intensivierung des Umweltschutzes, Weltführerschaft in Sektoren wie Elektromobilität, Robotik und Informationstechnologien. Das geopolitische Pendant dazu ist das Projekt «One Belt, One Road» (kurz OBOR). Es schliesst 68 Länder, 65 Prozent der Weltbevölkerung, 40 Prozent der Weltwirtschaftsleistung und vor allem ein Investitionsvolumen von einer Billion US-Dollar bis 2030 ein. Das Projekt soll die Handelswege zu Wasser und Land nach Westen sichern und Stützpunkte zur Sicherung des eigenen Bedarfs schaffen, zum Beispiel nach Öl und Gas.

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